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Lieber ungewöhnlich. Das scheint auch das Motto des deutschen Spielentwicklers Jan Müller-Michaelis alias Poki von Deadalic Entertainment zu sein. Gemeinsam mit Gunnar Bergmann und Anne Baumann hat er sich auf eine Konzerttournee begeben um sein neustes Videospiel «Deponia Doomsday» zu promoten.

Köln; vor der Heimspielbar; 17:30 Uhr. Eineinhalb Stunden vor Einlass warten schon einige Fans vor der Bar, in der Hoffnung einen Blick auf die heissgeliebten Künstler zu erhaschen. Zwischen Soundcheck und Auftritt haben sich die Poki, Gunnar Bergmann und Anne Baumann Zeit für unsere Fragen genommen.

Negative White: Ihr macht ja etwas ziemlich Unkonventionelles. Ein Videospiel mittels einer Konzerttournee zu promoten. Da drängt sich die Frage auf, wie ihr auf diese Idee gekommen seid?

Poki: Die Idee zu der Tour kam gar nicht von mir. Ich hab gewartet bis die restliche Chefetage von alleine darauf gekommen ist. (lacht) Aber abgesehen davon habe ich mit der Musik vor dem Entwickeln angefangen. Ein halbes Jahr bevor wir Deadalic gegründet haben, habe ich regelmässig Auftritte in Hamburg aufm Kiez gespielt. Mach ich immer noch einmal im Monat.

Wenn man Spiele entwickelt, hat man leider sehr wenig Zeit für alles andere, so dass es fast logisch war, dass ich meine Musik irgendwann mit in die Spiele eingebunden habe. Begonnen hat es mit lustigen Videos für die Community; Songs zu Weihnachten. Zum Beispiel befreit Edna aus der Kinderspielregal (Befreit Edna und Poki wird es euch danken). Das waren die ersten Gehversuche, die dann zur Regelmässigkeit wurden.

Arbeitet ihr auch zusammen bei Deadalic?

Poki: Gunnar ist – zumindest was meine Spiele angeht – bei Harveys neue Augen das erste Mal als Lead Animator und auch als Synchronsprecher dazu gekommen.

Anne: Ich bin die einzige Nicht-Deadalianerin, wenn dass denn der richtige Begriff ist.

Poki: Obwohl sie bei Deponia 1 und 2 lektoriert, bei Teil 4 getestet und das ein oder andere «Problem» noch aufgedeckt hat.

Anne: Stimmt, ich kenne das Spiel also inzwischen auswendig!

Wenn es mal mit dem Spiele-Entwickeln nicht mehr klappen sollte, wäre hauptberufliche Musik eine Alternative?

Poki: Definitiv! Das ist mein geheimer Exit-Plan.

Gunnar: Jetzt nicht mehr ganz so geheim. Dann ziehen wir gemeinsam durch die Städte.

Poki: Musik machen ist viel stressfreier. Ich darf dass eigentlich nicht so laut sagen, sonst gibts Ärger… (lacht)

Ihr habt auf eurer Tournee schon in Hamburg und Berlin vor vollem Haus gespielt. Wie sind denn eure Erfahrungen bis jetzt?

Anne: Ich bin vor dem Auftritt immer extrem aufgeregt. So sehr, dass ich fast nicht loslegen will. Man stellt sich die ganze Zeit die Frage, ob das, was man abliefert, auch wirklich gut ankommt. Aber dann steht man auf der Bühne und schaut in diese strahlenden Gesichter, die mitmachen und sich freuen, dass man da ist. Das ist einfach toll und die negative Aufregung wandelt sich in etwas Positives!

Poki: Ein Konzert zu spielen ist auch eine andere Art Druck, da man in der Verantwortung steht, die Zuschauer nicht zu enttäuschen. Aber das kann man während des Auftritts sehr gut ausblenden. Es hat sich bei den vergangenen Konzerten mehr so angefühlt, als würde man was mit den Leuten zusammen machen.

Anne: Wir spielen auch sehr viele interaktive Songs. Die Leute werden eingeladen mitzumachen und da kommt eben auch enorm viel zurück. Das haben wir klug eingefädelt.

Gunnar: Es ist absolut surreal. Nach den Konzerten fragt man sich: Ist Justin Bieber auch hier? Das hat man ja sonst nicht, das Fans kommen und Unterschriften oder Fotos von einem haben wollen.

Stimme aus dem Off: Ich hör zu!

Poki: Eine Geschichte in drei bis vier Minuten zu erzählen, ist einfacher. Man muss beim Schreiben nur darauf achten, dass man die Geschichte vollständig verpackt hat. Die folgende Produktionszeit ist vergleichsweise kurz und man hat sein ganzes Leben was davon. Ich spiele heute noch Songs, die ich vor 15 Jahren geschrieben habe.

Wir spielen zwar schon fast drei Jahre in dieser Zusammenstellung, aber ich habe immer noch ein riesiges Backprogramm, da ich nie dazu gekommen bin, die Werke zu veröffentlichen. So nach und nach schöpfen wir aus diesem Fundus und eignen uns die Songs gemeinsam an.

Im Gegensatz dazu ist Spiele zu machen natürlich meine Passion, aber man verflucht es auch von Zeit zu Zeit. Wenn man sich nur diese gestressten Musiker anguckt, die alle über diesen riesigen Leidensdruck klagen, dann denke ich mir nur: «Das ist doch wie Urlaub, ich verstehe euch nicht».

Mal Spass beiseite: Wenn ich ausschliesslich Musik machen würde, wäre das wahrscheinlich ähnlich anstrengend. Man kommt ja auch so selten raus während den einzelnen Produktionsphasen. Ich bin zudem in den verschiedensten Bereichen involviert und es gibt einige Phasen während der Produktion die sehr komprimiert und zeitaufwendig sind. Auch wenn die stressigsten Phasen die sind, die am meisten Spass machen und am lohnenswertesten sind, entsteht dennoch ein hoher Druck, und bei der Musik geht es ja auch darum Druck abzulassen.

Also können wir davon ausgehen, dass auch in Zukunft musikalisch noch einiges von euch zu erwarten ist?

Poki: Auf jeden Fall! Ich habe in den vergangenen 15 Jahren in etwa 150 Songs geschrieben. In dieser Konstellation haben wir davon auch schon 30 bis 40 auf Lager. Ich hoffe, dass bald wieder eine Phase kommt, in der ich Neues schreibe, unabhängig von den Songs der Spiele.

Poki bittet den Let's-Player Gronkh zum Duett (Foto: Marco Aversano)

Poki bittet den Let’s-Player Gronkh zum Duett (Foto: Marco Aversano)

Wenn ihr euch mit einer Figur aus Deponia oder dem Poki-Universum identifizieren müsstet, wer wäre das und warum?

Poki: Da ich die Geschichten ja auch schreibe, steckt in jeder Figur ein kleiner Teil von mir. Natürlich ist der Kern der Deponia-Serie der Hauptcharakter Rufus. Er stellt zwar auch nur einen Teil meiner Persönlichkeit dar, dennoch finde ich mich in ihm am deutlichsten wieder.
Um ehrlich zu sein reagiere ich an Rufus ein paar meiner Unzulänglichkeiten ab. Manche Merkwürdigkeiten halten eben für drei, vier Minuten hin und andere Merkwürdigkeiten brauchen schon vier mal 20 Stunden um diese zu Papier zu bringen und ist dann immer noch nicht fertig.

Anne: Für mich ist es tatsächlich die kleine Klosterschülerin Lilly aus Harveys neue Augen. Ich war als Kind eher zurückhaltend und still. Hab vieles erkannt, bin aber selten zu Wort gekommen und hatte das Gefühl, man hört mich nicht. Und als ich dann gesehen habe wie Lilly so durch die Welt geht, dachte ich: «Stimmt, so warst du auch, als du klein warst.»

(Gunnar zeigt auf sein T-Shirt auf dem die Blume Ronny abgebildet, die künstliche Intelligenz der schwebenden Stadt Elysium aus Deponia Doomsday. Diese wurde auch von Gunnar synchronisiert.)

Gunnar: Es gibt wohl keinen Charakter, mit dem ich derzeit so eng verbunden bin. Vorne herum lieb und lustig, aber nach hinten heraus unheimlich böse. Wobei es wäre schlimm zu behaupten, er wäre so wie ich… (lacht)

Deponia Doomsday ist der grösste Teil der Deponia-Reihe und ihr habt es in äußerst kurzer Produktionszeit geschafft.

Poki: Produktionszeit inklusive Konzepterstellung – es war ein absolutes Chaos, aber wir haben es ganz gut gemeistert.

Liefen Konzept und Produktion also parallel?

Poki: Ja, ich hatte für das Konzept einen Monat Vorlauf.

Gunnar: Das ist immer ein Abenteuer bei Poki.

Poki: Ich hatte dieses mal auch wieder Hilfe von Rene Anhaus als Co-Writer, der bereits bei Harveys neue Augen mitgewirkt hat. Alleine hätte ich es auch wahrscheinlich in der kurzen Zeit nicht geschafft. Sowas geht auch nur, wenn man ein gutes Team hat. Es war ein Ritt, definitiv ein Ritt.

Gunnar: Ich erinnere mich noch an das erste Story-Meeting. Das war etwa im September und das Spiel ist im Februar erschienen, in dem Poki die komplette Handlung mal zusammengefasst und erklärt hat. Das sorgte dann bei der doch sehr komplexen Geschichte für Aufklärung.

Poki: Ich habe auch schon die ersten Analysen des Spiels zugeschickt bekommen. Die Fans sind da sehr mitteilungsbedürftig und haben sich auch richtig Mühe gemacht. Einige haben die ganzen Zeitebenen, die im Spiel dargestellt werden, mit Graphen zusammengefasst. Andere haben versucht die Geschichte literarisch und psychologisch auseinanderzunehmen. Haben Kant und sonstwas hinzugezogen. Sehr interessant.

Freust du dich, dass Facetten des Spiels erkannt wurden, an die du vielleicht selber nicht gedacht hat?

Poki: Man freut sich eher darüber, dass die Facetten, an die man beim Schreiben gedacht hat, erkannt wurden. Man produziert ein Spiel, veröffentlicht es und bekommt nach kurzer Zeit schon Reviews zugeschickt, die die Handlung zusammenfassen. Man freut sich sehr, dass der Inhalt von einigen Fans doch sehr smart diskutiert wird, die das Spiel auseinandernehmen und spekulieren. Ich hab unheimlich viele clevere Rückmeldungen bekommen.

Was steht denn nach der stressigen Zeit erstmal an. Vielleicht in den Urlaub?

Alle: Der ist schon vorbei.

Poki: Ich sitze schon an was Neuem. Bin aber mitten in der Konzeptphase und darf noch nichts verraten.

Gunnar: Ich sitze zwar noch im selben Gebäude, bin aber derzeit am Projekt The Pillars of the Earth als einfacher Animator tätig. Ich muss jetzt von diesem Cartoonstyle in Pokis Spielen zum Realistischen zurück. Ich hör jeden Tag: «Der darf aber nicht so rumjumpen, das ist zu cartoony. Du musst wieder zurück, du musst wieder realistischer werden.» Da muss ich mich gerade wieder reinfuchsen, aber das hält ja jung und agil und so. Ausserdem wird es auch ein sehr schönes Spiel, wenn ich es nicht noch versaue mit meinen Animationen.

Volles Haus auch in Köln (Foto: Marco Aversano)

Volles Haus auch in Köln (Foto: Marco Aversano)

In der ausverkauften Heimspielbar drängten sich inzwischen die Fans um den besten Blick auf die Bühne zu erhaschen. Mit Hussa starteten Poki und Band unterstützt vom Fan-Chor dann auch in einen witzigen und familiären Abend.

Die Ansage «interaktives Programm» hat nicht zu viel versprochen. In einer kurzen Pause wurde ein Liedtext zum Song Alter Pirat verteilt und gemeinsames Singen stand auf dem Programm. Dies gestaltete sich in vielerlei Hinsicht als echte Herausforderung. Nicht nur das der Text ein mörderischer Zungenbrecher an sich ist, nein, die Geschwindigkeit des Songs ist auch noch rekordverdächtig. Doch wer ein echter Abenteurer ist, der schreckt vor sowas nicht zurück. Das Publikum liess sich auf jeden Fall nichts anmerken und sang aus Leibeskräften; nicht zum letzten Mal an diesem Abend.

In den Pausen zwischen den Liedern brachte Poki mit Gesprächen und kleinen Scherzen seine persönliche Note mit ein und kreierte eine sehr persönliche Stimmung. Man hatte nicht das Gefühl einen fremden Künstler bei der Arbeit zuzusehen; nein man hatte das Gefühl gemeinsam mit Freunden Musik zu machen, zu lachen und einen wundervollen Abend zu verbringen.

Ein umgefallener Notenständer ein herabfallendes Banner konnten daran sicherlich nichts ändern. Die Fans halfen tatkräftig mit. Besonders einer junger Mann namens Robin kletterte auf die Bühne um das Banner hinter der Band zu retten. Welch ein Ironie, dass der darauf folgende Song den Titel Robin töten trägt. Es sind übrigens keine Robins bei dem Konzert zu Schaden gekommen.

Beim Song Nadel und Faden (dem Titelsong von Harveys neue Augen) forderte Poki den durch Youtube bekannt gewordenen Let’s-Player Erik Range (alias Gronkh), der den Song bereits mit Poki eingesungen hatte, spontan dazu auf, auf der Bühne mit in das Lied einzustimmen. Aber nicht nur die Bühne bebte, der ganze Raum war vom Gesang aller Anwesenden erfüllt und zauberte sicher dem ein oder anderen eine ordentliche Gänsehaut.

Köln kann auf einen witzigen und unterhaltsamen Abend zurückblicken, der mit dem Lied Ich bin nicht gebaut für Happy Ends, endete.

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