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Immer an Pfingsten steigt für die Schwarze Szene das wichtigste Ereignis des Jahres. Das Wave-Gotik-Treffen – weit mehr als ein Festival, hat es sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu dem Grufti-Treffpunkt weltweit gemausert. Nirgends wohl finden sich so viele gleichgesinnte schwarze Seelen zusammen wie am Pfingstwochenende in Leipzig.

Kuriositäten sind Alltag am WGT (Sacha Saxer)

Kuriositäten sind Alltag am WGT (Sacha Saxer)

Das Wave-Gotik-Treffen, kurz WGT genannt, ist schon ein seltsamer Anlass. Es ist weder ein Openair, noch ein Festival, wie man es sonst kennt. Der Name kommt auch nicht von ungefähr: Es soll das Zusammentreffen der verschiedenen Subkulturen der Schwarzen Szene repräsentieren und wer einmal zu Pfingsten in Leipzig war, weiss, was damit gemeint ist.

Es gibt zwar immer wieder kleine Streitereien, was jetzt alles zur Grufti-Szene gehören darf, doch gemäss dem eigenen Credo sind diese Streitereien überflüssig: Post-Punker, Mittelalterfreaks, Cybergruftis – oft als Glühwürmchen bekannt – und Steampunker sind eigentlich genauso willkommen wie Metalheads und und Elektropopper. Die Szene hat viele Facetten und niemand ist gezwungen, sind mit jeder identifizieren zu können. Wichtig ist primär ein Gemeinsamkeitsgefühl, das sich nicht zuletzt durch das gewollte Abgrenzen von der Norm, offenbart. Wir sind gleich, weil wir anders sind.

Szenepuristen werden hier natürlich wieder Amok laufen, da die Industrialbewegung ja so gar nichts mit den Auswüchsen des Punks in den 80er gemeinsam hat – wenigstens augenscheinlich. Dem muss man die Toleranz, die sich die Bewegung vor gut 30 Jahren auf die Fahnen geschrieben hat, entgegen halten. Was später als «Gothic» bekannt wurde, war nie nur eine rein musikalisch orientierte Gruppierung. Man wollte sich von der Norm absondern, gegen das Establishment rebellieren – die Ursprünge des Punk machten sich damals noch deutlich bemerkbar – gesucht war ein eigenes Lebensgefühl. Alles war erlaubt, was niemandem schadete.

Waren das in den 80ern die Batcaver – oder Edel-Punks, wie sie sich gerne nicht zu Unrecht bezeichneten – sind das heute die «Glühwürmchen». Sie hören harte Industrial-Beats, tanzen optisch sehr interessante Choreographien, die ich persönlich – ohne das abwertend zu meinen – gerne als «Karate-Kids auf Extasy» bezeichne. Wie schon die Batcaver versuchen die Cybers eine eigene Identität zu finden, sich von der Norm abzusondern und wollen eigentlich nur eines: in Frieden ihre Musik hören und ihren Lebensstil ausleben können.

Ende der 90er tauchten die Mittelalterfreaks vermehrt an «Grufti-Konzerten» – der Begriff war eigentlich damals schon ziemlich  sinnlos, da zu ausgelutscht – und brachten eine gewisse Romantik in die Szene rein. Für Puristen sind die Mittelaltergruftis genauso szenefremd wie die Cybergruftis. Aber die Puristen müssen sich daran gewöhnen, dass sich das Rad der Zeit unweigerlich weiter dreht. All diese Gruppierungen haben es irgendwie geschafft, sich unter einen gemeinsamen Dach zusammenzufinden, was auf Grund der wirklich absolut unterschiedlichen musikalischen Ausrichtungen eigentlich unmöglich sein müsste. Aber irgendwie macht genau diese Vielfalt die Stärke der Schwarzen Szene aus. Niemand ist gezwungen, jeden Winkel der Szene für gut zu befinden. Aber jeder ist eingeladen, die anderen Ecken des Lebens abseits der Norm für sich zu erkunden. Das WGT bietet hier wohl die beste Möglichkeit, denn an keinen anderen Ort finden sich so viele Facetten dieser Subkultur an einem Ort zusammen. Ich freue mich auf ein Wochenende voller interessanter Begegnungen, guter Musik aus einer fast unglaublichen Bandbreite – von Mittelaltermusik über Oper bis zu Elektroklängen. Die Besucher des WGT können wirklich aus mehreren jahrhunderten Musikgeschichte auswählen. An keinen anderem Festival gibt es diese Möglichkeit. Und das ist nur das Hauptprogramm… Rund ums WGT finden diverse Parties und sonstige Veranstaltungen statt, die dem ganzen noch mehr Gewicht verleihen.