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Wie verdient man heute mit Musik noch Geld? Mit Konzerten, so die geläufige Meinung. Ein Phänomen aus den USA trocknet diese Geldquelle aber immer mehr aus.

Mit Musik sein Leben bestreiten: ein Traum von vielen, Realität für wenige. Die Digitalisierung hat Businessmodelle zerschmettert wie Pete Townshend seine Gitarren. Die Plattenlabels verlieren Einnahmen, und deshalb ihren Einfluss. Heute braucht es keine Mittelsmänner mehr zwischen Musikschaffenden und Publikum. Näher an den Menschen war Musik noch nie.

Machtwechsel

Das ist nur ein kleiner Trost. Denn das Internet hat neue Player auf den Plan gerufen. Nachdem die Schallplatte in den 80er-Jahren durch die CD in eine Liebhaber-Nische gedrückt wurde, erfuhr die CD dasselbe Schicksal um die Jahrtausendwende: digitale Formate wie Mp3 machten sie zu einem obsoleten Staubfänger in den heimischen Regalen.

Bild: Janosch Tröhler

Datenträger im Wandel. Bild: Janosch Tröhler

Gleichzeitig verpassten die Labels den Weckruf. Die Plattform «Napster» machte Filesharing massentauglich. Plötzlich war Musik schnell und gratis verfügbar. Die guten Zeiten, in denen man noch Geld mit Musikverkäufen scheffeln konnte, waren definitiv vorbei.

Aber dann kam Apple mit einer grossartigen Idee: iTunes. Ein Online-Kiosk für Musik. Endlich konnte man einfach Songs oder Alben digital kaufen. Die Heilsbringer aus Cupertino hielten sich gut ein Jahrzehnt auf dem Thron. Nun ist auch diese Geschäftsidee dahin: Streaming heisst das Zauberwort und Spotify dominiert die Musikwelt.

Verdeckte Methoden

Das Problem: Bei all diesen Verwerfungen waren nie jene beteiligt, die tatsächlich Musik machen. Den Bands und Musikern blieben nur eines: sich auf die neuen Machtverhältnisse einzustellen. Geld verdienten sie nur mit Konzerten. Heute hat sich diese Vorstellung der letzten Einnahmequelle zementiert. Doch stimmt sie überhaupt noch?

Denn es geht ein Schreckgespenst um: «Pay to play». Musikerinnen und Musiker müssen für einen Auftritt zahlen. Entstanden ist diese Obszönität in den 80ern in den USA. Dort konnten sich legendäre Clubs wie das «Whisky a Go Go» in Los Angeles ein ebenso raffiniertes wie raffgieriges Geschäftsmodell einrichten.

Wie viel Aufwand steckt hinter einem Konzert? Die Reportage mit Manolo Panic.

«Pay to play ist eine Frechheit», meint Ramon Margharitis. «Das ist, als müsste der Coiffeur mich zahlen, damit er mir die Haare schneiden darf.» Margharitis ist seit mehr als zehn Jahren als Musiker unterwegs. Als Kopf der Band Manolo Panic hat er in den USA Bekanntschaft mit dieser Praxis gemacht. In der Schweiz sei es nicht ganz so schlimm, allerdings werde hier mehr mit «verdeckten Methoden» gearbeitet: «Als Band muss man dann entweder ein Kontingent von Tickets berappen, um sie selbst weiterzuverkaufen. Oder man zahlt eine sogenannte Barbeteiligung von 200 bis 300 Franken. Wenn die Bar dann mehr Umsatz macht, wird man am Gewinn beteiligt.»

Insbesondere die Ticket-Kontingente sind problematisch. Denn schafft es eine Band nicht, diese zum Standard-Preis abzusetzen, werden sie einfach günstiger oder gratis an Fans und Freude abgegeben. «Das gesamte Risiko wird auf die Band abgewälzt und das Konzertlokal hat trotzdem ein volles Haus», führt Margharitis aus. So entsteht eine weitere finanzielle Belastung für die Band, die mit dem Konzert bereits viel Zeit investiert.

Teures Hobby

Frank Lenggenhager ist Geschäftsführer der Promotion-Agentur «Lautstark». Er relativiert die Situation in der Schweiz: «Wir haben viele subventionierte Clubs, die nicht auf ein Pay-to-play-Modell angewiesen sind. Als Musiker kann man hier mit Konzerten noch Geld verdienen, wenn man die Ausgaben und Einnahmen im Griff hat.»

Frank Lenggenhager macht Pay to play keine Sorgen. Bild: Nicola Tröhler

Es reicht jedoch bereits, nach Deutschland zu gehen, um einen anderen Wind zu spüren, erklärt Lenggenhager weiter. «Die Bands hier sind sich gewohnt, dass es Gratis-Bier, einen grossen Backstage und gutes Essen gibt. Doch in der Schweiz gibt es schon die Tendenz, dass sich die Verhältnisse dem Ausland anpassen.» Denn auch wenn viele subventionierte Locations existieren, wollen die dennoch ein volles Haus. Früher oder später griffen diese dann auch zu Pay to play oder ähnlichen Methoden.

Der hohe Lebensstandard der Schweiz spiegelt sich auch im Musikbusiness wider. «Musik ist ein teures und ausgedehntes Hobby», meint Lenggenhager. Man investiert viel Geld – oft ohne geringste Ahnung des Business. «Es wird viel sinnlos ausgegeben. Jede Schweizer Band will gleich ein Album produzieren, nachdem sie ein Jahr gespielt haben. Dann sind vielleicht zwei gute Songs auf der Scheibe, der Rest ist durchschnittlich.»

Kann man mit Musik noch Geld verdienen?

Die Schweiz leide an einem Überangebot von Bands und Locations, sagt Lenggenhager. Das Kulturangebot sei in den letzten Jahren enorm gewachsen, doch das Budget gleich geblieben. «Dazu kommen Veranstaltungen, bei denen alle dabei sein wollen. Jedes Jahr schimpfen alle über das Programm des Gurten Festivals. Trotzdem sind die Tagespässe immer ausverkauft.» –«Fear of missing out», die Angst etwas zu verpassen, nennt sich dieses Phänomen. Danach bleibt nicht mehr viel übrig, für «experimentelle Konzertbesuche».

Opfer bringen

Allen Unkenrufen zum Trotz: mit Konzerten lässt sich tatsächlich noch Geld verdienen. Insbesondere dann, wenn sich eine Band das Lokal selbst mietet. Dann trägt sie zwar das volle Risiko, streicht aber auch den ganzen Gewinn ein.

Doch wird sich die Musiklandschaft massgeblich verändern, wenn ein eisigerer Wind weht und die Bands öfters für einen Auftritt in die Tasche greifen müssen? «Soweit wird es nicht kommen», meint Lenggenhager. «Musik macht man in erster Linie aus Spass. Die Frage bleibt dann, wie ernsthaft man das Hobby betreibt. Dann muss man als Band bereit sein, Opfer zu bringen und zu investieren, wenn man weiterkommen will.»

Einschränkungen hinnehmen, das kann auch Ramon Margharitis: «Ich bin ein einfacher Typ und brauche nicht viel Geld. Ich konnte eine Weile von der Musik leben. Das möchte ich wieder schaffen.» Und er fügt an: «Es gibt den Spruch ‹Geld macht nicht glücklich›. Das stimmt nicht ganz. Für mich ist aber die Erfüllung wichtiger als finanzieller Erfolg.»