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Ich zieh‘ keine Trikots mehr an und singe doofe Schlachtlieder mit besoffenen Gemütsgenossen. Fussball ist kindisch, man tut sich dabei weh. Wo es Aas gibt, gibt es Geier. Ich hör viel lieber diese Scheibe da, von Da Cruz. Ein leerer Kopf ist die Werkstatt des Teufels.

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Brasilien. Freunde, Freunde… Brasilien! Da denken die meisten von euch an Fussball. Strand, kaffeebraune Popos und kleine Höschen. Samba. Der Karneval. An all diese Long Drinks, die hier so schweineteuer sind. An den Marmorhaufen auf dem Hügel über Rio, dessen Abbild, Jesus Christus, der Erlöser ist. Über den übrigens, schon länger jetzt, in gröbster Weise getuschelt wird. Naja, es wird gemunkelt, dass er früher mal an einer Grillparty, am See Genezareth, bei einer gemütlichen Feuerstelle (versteht sich), wo auch genügend Platz war um mehrere Holzpflöckchen aufzustellen, um sie danach mit einem anderen Holzpflöckchen umzuwerfen, so einiges an den Tag legte.
Das wird heute noch gemacht. Das mit den Holzpflöckchen, mein ich. Die Jungs und der Heiland warfen manchmal auch ihre Sandalen auf die Pflöcke. Oder sammelten, nachmittags nach dem Mittagessen auf dem Verdauungsspaziergang durch die gemütliche Stadt Bethsaida am Jordan, kleine braune Steinchen. Aber Holz hielten sie immer für das beste Wurfobjekt. Als Waffe setzten sie die Holzpflöckchen nie ein. Wenn wilde Tiere sie angriffen, schrien sie laut auf die Biester ein, stellten sich tot oder rannten davon. Normalerweise spielten sie sowieso Karten. Oder kämmten sich gegenseitig ihr langes Haar. Nein, nein. Kämmten sie natürlich nicht. Naja, auf jeden Fall an jenem Abend wusste der Heiland mit zwei Fischen 5000 Mäuler zu stopfen. Ich nehme an, die ganze Stadt wollte was zu futtern. Bethsaida heisst übrigens „Haus des Fanges“ – an dem Ort ziehst du die Dicken raus, kann ich dir sagen.

Jedenfalls, die Riesenstatue. Brasilien! Touristen. Touristenfallen. Nochmal Samba – also Musik und Tanz. Gutes Wetter. Gelbe Plastikstühle am Strand. Frivolität, Spass. Strandpromenade. Alle zweihundert Meter frische Kokosnüsse, die teuer zum Verkauf angeboten werden. Exotische Tiere. Schnorcheln oder Tauchen. Regenwald, Iguacu. Öl. Paulo Coelho. Mangrovenwälder. Piranhas im Amazonas. Der Amazonas.
Doch da ist auch der Bossa Nova, Afrobeat. Voodoozauber. Funk. Tropicalismso, schwarze Katzen von rechts. Der Pirarucu – ein Zwei-Mete- Zitteraal, der 800-Volt-Schläge austeilt. Asphaltdisko. Favela. Revolte. Korruption. Demos und Jazz. Raul Seixas. Guter Fisch und Früchte des Zorns, der Leidenschaft und Gelassenheit. Klassenkampf. Die PT. Mondschein und Moskito. Verwirrte Novizen des schrecklichen Thelemisten und Sektenführers Marcelo Ramos Motta. Dilma Rouseff. Klubs und Diskotheken. Dunkle Bars und Bettelmönche. Wahnsinn. Underground. Hexensabbat. Bewegung. Sex. Glenn Greenwald! Diebe, Nutten, Falschspieler, Proleten. Künstler und Verrückte. Verrückte Künstler. Verrückte, die Kunst machen. Verrückte, die dafür bezahlen. Der Kaiapo-Stamm und die Bororo-Indianer. Räubergeschichten und Mutter Theresa.

Genauso getränkt, beflissen und durchwässert von Gegensatz und schwärzester Magie, ist die Scheibe, die bei Negative White auf dem unschuldigen Tresen lag. Ein Doppelalbum mit der sunny Side zum Tanzen und Feiern. Sowie der Groove der besetzten Avenidas und Plätze. Rhythmus der wütenden Gesichter der WM, Enttäuschten und Unterdrückten. Erwacht aus der Apathie, empört über Defizit und Konjunktur. Zornige Ökoaktivisten und süssliche Haschplantagen. Bessere Schulen und Unis!!!“ – Ölarbeiter, die die Fäuste ballen, dass es den Funktionären die Rolex am Ärmel wegzittert. Gewerkschaften, die mit den Fingern trommeln, dass sich der schmierigste Bonze mäuschenstill einnässt. Fortschritt – verdammt, das wollen sie. Und dazu braucht es Lärm! Da kann João Gilberto noch lange von diesem Ipanema-Gör flöten. Teilhaben, Herrgott! Ein Stück vom Kuchen abkriegen. Abbeissen vom Aufstieg des grössten Landes Südamerikas. Vroum-Vroum, ich wollte schon immer mal mit Pathos schreiben. Sich so richtig gehen lassen. Dum didel-didel! Wie ein Specht auf Speed. Fest steht, mit der Scheibe bleibt kein Unterleibchen trocken. Der Sound gehört in euren Sommer, wie Zitronensaft im Haar und Sonnenbrand am Bikinirand. Nichts für Zeitung lesen und gähnend den Gipfel im Kaffee tauchen lassen. Die berner Musiker rund um die brasilianische Sängerin Mariana Da Cruz spielen den Rhythmus der Stunde, den könnt ihr euch zwischen den Matches geben, oder wenn ihr den Schiri verprügeln wollt. Die Matches schaut ja dann doch jeder, auch ohne fertig gebaute Stadien. Und Schiris sind eh alles Pfeifen. Einmal Easy-going und einmal mit Sturm und Drang, so kommt das Album von Da Cruz daher. Von der Bright- und Darkside lässt’s sich lauschen Disco e Progresso –  laut der Band am Puls der Vida von Brasilien. Politik und Liebe zwischen Kuduro und Breakbeat, Funk, Danhall und Tropicalwave.

Herz und Hüfte kriegt ihr. Nur lasset meine Seele aus dem Spiel!