Ein Basler der in St. Gallen einen Zürcher ansagen darf; trotz Verbot veranstaltet das Publikum eine erstklassige Pyro-Show; ein Hiphop Konzert, an dem sich eine Wall of Death bildet; das mega Sommergewitter, welches einen Bogen ums Sittertobel macht, das 36. Open Air St. Gallen war mit vielen spektakulären Kuriositäten banal gesagt: Einfach geil.

Was haben wir am diesjährigen Open Air St. Gallen gelernt? Ganz viel und doch nichts Neues. Mischt man ganz viele, möglichst unterschiedliche Musikstilrichtungen mit mehr oder weniger normalen Leuten zusammen, ergibt es den ganz normalen Wahnsinn. Das diesjährige Line-up des Open Air St. Gallen war so bunt wie das Leben und entsprechend war auch das Publikum wild durchmischt. So trafen sich Punker mit Hiphoper, Electro-Anhänger mit Hippies sowie Jung und Alt. Der grösste Teil kam wegen der familiären Atmosphäre und darum verwundert es auch nicht, dass weder Sanität noch Polizei über besondere Zwischenfälle berichten konnten. Mit 20’000 Nachtschwärmern, welche bereits am Donnerstag das Fest starteten und jeweils mit 30’000 Personen freitags bis sonntags war das komplett ausverkaufte Festival ein voller Erfolg für die Organisatoren.

Wer zu spät kam, den bestrafte der Hang

Bei so vielen Festivalbesuchern war es klar, dass die raren gemütlichen Zeltplätze schnell weg waren. Wer also glaubte, am Freitag noch einen Platz in einer einigermassen horizontalen Lage ergattern zu können, der hatte falsch kalkuliert. Naja, wenn man genug feiert, kann bestimmt auch bei 50% Gefälle gut schlafen; nur fraglich, ob man dann noch ohne weiteres den Hang hoch kriechen kann… Besonders beliebt waren natürlich die Plätze, bei denen man direkt aus dem Zelt heraus einen fantastischen Ausblick auf die Hauptbühne hatte oder diejenigen direkt beim Fluss unten.

Kühles Wasser und Schatten war bei diesen heissen Tagen sowieso der Dauerrenner. Dies bietet das im Naturschutzgebiet liegende Sittertobel zum Glück zu Genüge. Das heisse Wetter machte durstig und so kam es, dass etliche “Scheiss 3 Liter Begrenzung”-Sticker auf den Leuten klebten. Obwohl die Regelung unsympathisch erscheint, ist sie nachvollziehbar. An anderen Festivals ist das Konzert- vom Campinggelände abgetrennt und man bringt seine Getränke auch nicht viel weiter. Beim Open Air St. Gallen ist dafür das Konzertgelände offen zugänglich und es gibt keine weiteren Security Checkpoints. Mit dem Home Delivery Service, bei welchem man vorgängig sein Bier bestellen konnte und dem Gratis-Hahnenwasser, wurde man überdies ausreichend mit Flüssigkeit versorgt.

Musikalische Duschen

Feucht und Nass wurde man auch in der dicht gedrängten Menge vor den Bühnen. Die Plätze vor der Sitter- und der kleineren Sternenbühne waren bei vielen Acts so voll, dass es kein Durchkommen mehr gab. Bier spritzte, schwitzende Körper rieben sich aneinander, doch alle waren glücklich. Die Stimmung erreichte vor allem bei grossen Radiohits immer wieder den Höhenpunkt; ein Mainstreampublikum par excellence.

Viele Bands liessen durchblicken, dass sie die Festivalstimmung im Sittertobel einmalig finden und sie gerne einen Teil davon sind. Die stimmgewaltige Beth Ditto von Gossip zum Beispiel liess es sich trotz verstauchtem Knöchel nicht nehmen, auf der Bühne herumzuspringen und bei Festival-Blödeleien wie einer WC-Papierschlacht mitzumachen.

Auch Stress verkündete am Sonntag mehrfach, dass er einen riesen Kater habe. Und trotz einsetzendem Regen brachte er eine ansehnliche Wall of Death hin. Der einmalige Beweis: Es muss nicht immer Rockmusik sein, um das Publikum zu rocken.

Wenn der Hauptact länger spielen möchte, als er darf

Sie sind auch nach 30 Jahren noch fit, eindeutig! Die Toten Hosen rockten und hatten dabei soviel überschüssige Energie, dass sie noch länger machen wollten. Das ist wohl das grösste Kompliment, was eine Band dem Publikum machen kann. Leider wurde ihnen wegen dem Nachfolgeprogramm nur etwas mehr Zeit gutgesprochen. Viele Leute, ein Gedanke: Schade, scheisse wie kann das passieren? Das Lied von ihrem neuen Album Ballast der Republik mit diesem Titel gaben sie auch als Antwort auf das Fussballspiel Deutschland gegen Italien zum Besten, nachdem sie fairerweise mit Azzuro eingeheizt hatten.

Legendär war auch Campinos Auswahl bei der Suche nach einem textsicheren Sänger aus der ersten Zuschauerreihe. Aus zigtausend Personen rief er per Zufall gerade einen Deutschen auf die Bühne. Campino hatte damit die Lacher auf seiner Seite. Im Sprüche klopfen ist er mindestens gleich gut wie die Ärzte. Wohl ein Grund, wieso ein Gastgeber die beiden Bands verwechselt habe. Aus diesem Anlass spielte die Hosen dann Schrei nach Liebe und das Publikum sang kräftig mit.

Wer in diesem Jahr die kultige Punkrockband nochmals erleben möchte, sollte sich beeilen und noch eines der letzten Tickets für das Konzert in Zürich oder Basel im Dezember ergattern. Nach diesem Auftritt ist ein schneller Ausverkauf garantiert.

Das Datum für das 37. Open Air St. Gallen ist übrigens auch schon bekannt: Am 27. Bis zum 30. Juni 2013 wird das Sittertobel wieder in einen Hexenkessel verwandelt. Und wie immer gilt, nach dem Festival ist vor dem Festival. Wir wünschen den Veranstalter wieder viel Kreativität bei der Planung des Line-ups!