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One Of A Million: Wahnsinn und Rausch in Baden

Von manischen Klängen bis zu unendlichen Tiefen: Der letzte Tag des «One Of A Million» bot erneut ein faszinierendes Musikspektrum mit einem hypnotischen Höhepunkt.

Der Nachmittag begann mit einem Schock im «Kunstraum» zu Baden: Sturle Dagsland waren ein Wahnsinn, der mit allen Worten dieser Welt nicht zu beschreiben ist. Die Klangkreation, die das norwegische Duo entfesselte, leidet an Schizophrenie: Da ist die kühle Schönheit des Nordens in Songs gegossen, aber auch apokalyptisches Höllenfeuer.

Eine entrückte Performance von Sturle Dagsland. Bild: Janosch Tröhler

Donner, Gekreische, Ächzen, Stöhnen, Keuchen, Schreie. Eine Urgewalt, heraufbeschworen mit Nachdruck, dargeboten mit roher Direktheit. Sturle Dagsland sind nichts für sanfte Gemüter, doch selbst die Neugierigsten mussten diese Dröhnung erst verdauen.

Stromausfall und Live-Debüt

Der Rest des Nachmittags stand im Zeichen der Mundart-Musik. Hermann aus Luzern hatten zu kämpfen: Im «E-Punkt», dem Lokal der Regionalwerke Baden zeigte sich die Ironie des Schicksals. Mit einem schrillen Pfeifen stieg ein Grossteil der Soundanlage aus. Ohne Mikrophon und Drum-Computer sorgte die technische Panne aber für einen kleinen «magic moment» am One Of A Million: Kurzerhand übernahm das klatschende Publikum die Verantwortung zum Rhythmus.

Später lud Guy Mandon im «Club Joy» zum allerersten Auftritt. Der Wahlbasler hatte am Freitag die neue Single Lueg doch gnau veröffentlicht. Im Alleingang schafft Lucien Montandon alias Guy Mandon aufs Minimum reduzierte Texte – unterlegt mit einem Teppich aus Synthesizer-Sounds. Auf der Bühne erinnerten seine Stücke wie ein heimisches Äquivalent zum Austropop.

Die Live-Performance war noch hölzern, doch Mandon und seine Band waren hochkonzentriert, stimmten die komplexen Arrangements präzise ab. Die Nervosität war spürbar, aber genauso der Wille zur Perfektion.

Einschlafen und aufwachen

Zäh wurde es in der «Stanzerei». Jaye Bartell stand auf der Bühne. Ein Singer-Songwriter, der zugegeben schöne Stücke spielt. Andererseits bot der Amerikaner nichts, was wir nicht schon gehört hätten. Für einen Samstagabend um 20 Uhr – aufgewärmt durch Guy Mandons tanzbare Grooves – war es aber der absolut falsche Act. Kein Wunder also, dass Bartell zur Hintergrundmusik für angeregte Gespräche im Publikum verkam. Verdient hatte der Musiker das zwar nicht, aber es war die logische Konsequenz um nicht der Müdigkeit zu verfallen.

In der Katakombe der «Druckerei» folgte das Aufwachen. Slumberland, das Solo-Projekt des Belgiers Jochem Baelus (Echo Beatty) hämmerte durch den Keller. Auf der Bühne stand der Mann, flankiert von zwei Drummern, hinter einem Regal wie aus einem Brockenhaus: Eine Nähmaschine, Stricknadeln, Haarföhn und allerlei seltsame Apparaturen waren darin angeordnet. Kein exzentrisches Bühnenbild, sondern eine Klangmaschine. Baelus hat sein Slumberland-Debüt in drei Wochen in einer alten Brauerei aufgenommen – mit ebendiesen Alltagsgegenständen als Teil der Geräuschkulisse. In der Druckerei bot er ausufernde Kompositionen. Archaisch, organisch und bisweilen epochal waberte sein Sound.

Rausch und Traum

Sie sind eine der aufregendsten Bands der Stunde: Lea Porcelain aus Deutschland steigen Schritt für Schritt weiter nach oben. Julien Bracht war in einem früheren Leben erfolgreicher Techno-Produzent in Frankfurt. Markus Nikolaus andererseits ein schwermütiger Indie-Musiker. Sie lernten sich 2012 im legendären Club «Robert Johnson» kennen. Auf der Suche nach der Ewigkeit in der Musik begannen sie ihre Gegensätze zu überwinden.

Julien Bracht war ein erfolgreicher Techno-Produzent. Bild: Janosch Tröhler

Letztes Jahr spielten sie ein intimes Konzert im Zürcher «Gonzo». Es waren nicht einmal 20 Leute da. Danach veröffentlichten sie ihr Debütalbum Hymns To The Night. Nun sollte der Aufstieg erst richtig beginnen. Erst kürzlich brachten Lea Porcelain die neue Single Gotta Run heraus. Es soll die erste einer vier Songs starken EP werden. Der nächste Track folgt Ende Februar, wie die Band verrät.

Markus Nikolaus von Lea Porcelain. Bild: Janosch Tröhler

Im altehrwürdigen «Royal» versammelte sich das Publikum für den Höhepunkt des Abends. Ein düsteres Wummern erfasste das ehemalige Lichtspielhaus, als Lea Porcelain mit Warsaw Street begannen. Neun Songs spielten sie in Baden während einer guten Stunde. Es fühlte sich an, als seien es deutlich weniger gewesen. Gefährlich leicht versinkt man in den Kompositionen, jeglichen Zeitgefühls beraubt. Geradezu hypnotisch sind ihre Hymnen.

Die Band spielte sich in einen Traumtanz, getrieben und aufbrausend. Sie streckten ihre Songs in eskalierende Räusche – immer tiefer, immer drängender wurde der Auftritt. Die vollständige Ekstase erreichte Loose Life. Die Stroboskope blitzten unablässig, die Bässe drückten die stickige, nebelschwangere Luft vibrierend auf die Haut. Eine schwarze Hitze loderte hinter der massiven Soundwand, die Lea Porcelain zementierten.

Wenn man einen Mangel anmerken wollte, dann ist es die Limitierung der Anlage im «Royal». Sie wurde der dichten Klangwelt nicht gerecht: Die Songs liessen so ihren Tiefen und Facetten missen. Wett machten es Lea Porcelain mit neuer Freiheit: Sie haben sich in ihre Performance fallen gelassen, konnten blind auf die anderen vertrauen. Die Band spielte mit Selbstbewusstsein und wagte Improvisationen. Lea Porcelain sind auf dem Weg von einem herausragenden Studioprojekt zu einer ebenso starken Liveband.