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Odd Couple sind nicht irgendein eigenartiges Pärchen aus Berlin, sondern ein Haudrauf-Indie-Garage-LoFi-Trash-Rock-Duo mit gewaltig Wumms und mindestens so viel Eiern wie ein Familienpack Schokobons.

Nachdem Jascha Kref und Tammo Dehn mit ihrem Zweitprojekt – beide sind ihres Zeichens auch Mitglieder der Deutschen Krautgaze-Band Suns Of Thyme – bereits letztes Jahr mit ihrem Debütalbum It’s A Pressure To Meet You eine Scheibe voller glühender Riffs und brachialen Drums veröffentlicht haben, steht nun mit Flügge Album Nummer Zwei vor der Tür.

Flügge ist kurz zusammengefasst 14 Stücke stark, umfasst 13 herrlich dröhnende Instrumente, zwei rockende Höllenhunde dahinter und ist eine rohe musikalische Wucht, ohne Sampling und ohne digitale Nachbearbeitung. Bereits der Opener und gleichzeitig auch die erste Single Haste Strom, haste Licht kündigt ordentlich an, was den Hörer auf dem Longplayer erwartet: Hämmernde Drumbeats die jede Dampflok in den Schatten stellen, Gitarren-Sound der locker die zwei Kaffee frühmorgens ersetzt und welcher Hand in Hand mit dumpfen Basstönen sowie psychedelisch verschwurbelten Lyrics nach vorne prescht.

Bereits auf dem letztjährigen Album It’s A Pressure To Meet You fanden sich ordentlich Lieder zwischen Shoegaze, Garage und einem ordentlichen Schuss Punk – immer schön volle Kanne, immer mitten in die Fresse. Tracks wie der düster bebende LoFi-Smasher Nightcrawl oder der mit Rasseln und dumpfen Bass stampfende Bootcut zeigten klar die Richtung, welche Odd Couple abseits ihrer Psych-Rock-Heimat einschlugen. Irgendwo zwischen Duos wie Jeff The Brotherhood, The Bots oder Death From Above 1979 und Bands wie The Strokes sowie einem Schuss 70s haben sich die beiden Berliner Jungs ihren eigenen Sound zusammengewerkelt. Und der klingt auf der neuen Scheibe gleich nochmals einiges wuchtiger wie auch ausgereifter.

Der Opener Haste Strom, haste Licht könnte eindrucksvoller nicht aufzeigen, wenn es darum geht zusammenzufassen, was einem auf den 44 Minuten und 41 Sekunden des neuen Albums Flügge erwartet: Da scheint aufs Erste Verwirrung und Nichts zu sein, ein sich Zurufen, ja schier Schreien, dass von einer Sekunde auf die andere in ein Gewitter von Stromgitarren-Regen und Bassdrum-Geblitze ausartet. Ausarten auf eine gute Art und Weise, denn die Energie und Inbrünstigkeit welche Odd Couple schon nur in dieser ersten Single an den Tag legen, ist elektrisierend genug um die halbe Bundesrepublik Deutschland unter Strom zu stellen.

Das Album bringt mit seiner Rohheit und gewollten Unberechenbarkeit frischen Wind in eine Zeit von überproduzierten und bis zur Unendlichkeit digital überarbeiteten Aufnahmen. Anstatt aber einfach nur Vintage oder wild zu klingen, spielen die beiden Musiker mit Genres, Instrumenten und natürlichen Effekten. Das Wummern und Delay alter E-Gitarren in Gedächtnismann trifft auf analoge und zum Teil bis zur Unerkennbarkeit verzogenen Synthesizern wie in Tubes & Wires, darüber legt sich Basssound der jede noch so resistente Magengrube zum Beben bringt sowie sich abwechselnder, teils mehrstimmiger Gesang in Englisch oder stämmigem Hochdeutsch.

Bild: Miguel Schmid

Odd Couple spielen mit Genres, Instrumenten und natürlichen Effekten. Bild: Miguel Schmid

Flügge ist nicht nur Albumname, sondern auch Titeltrack und nimmt einem auf einem schier verstörend psychedelische Reise in eine Galaxie, wo jegliche Hebel der heutigen Musiknormen ignoriert werden und dem Hörer auf angenehme Weise das Gehör zum Pulsieren gebracht wird. Allgemein ist der Zweitling des «eigenartigen Paars» eine Reise durch Schall und Rausch, die mindestens so bunt ist wie eine Schüssel «Froot Loops». Mit laktosefreier Milch natürlich, denn Flügge macht mit seinen umwerfenden Klängen schon so ordentlich satt.

Flügge

4
/5
4. November 2016

Release

Cargo

Label

Tracklist

  1. Haste Licht, haste Strom
  2. Gone Said
  3. Gedächtnismann
  4. Go Sees
  5. Très mello
  6. Orbit Traveller
  7. Mon coeur
  8. Flügge
  9. Serve
  10. Gehirnkasten
  11. Am I Evil
  12. Tubes & Wires
  13. Been Solid
  14. OK