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Da steh ich also: Auf einem kleinen Felsen vor einer Höhle irgendwo im Süden Islands. Wo genau ich mich befinde? Ich weiss es nicht. Aber die Sonne blendet mich. Sie steht tief und in der kargen Landschaft der Insel gibt es nur wenig Schatten. «Stehen bleiben», hör ich jemanden hinter mir rufen. «Nicht bewegen», fügt eine andere Stimme hinzu. Ich bleibe wie in Stein gemeisselt stehen.

Es war nicht mein Plan. Ja, es hätte tatsächlich alles anders laufen sollen. Der Flug, den ich im Frühling bei Air Berlin gebucht hatte, hätte mich direkt von Zürich auf die Wikingerinsel bringen müssen. Meine gute Freundin hätte dort auf mich gewartet. Zusammen hätten wir während der ganzen Fotografie-Reise täglich hunderte von Porträts geschossen.

Hätte, hätte, Fahrradkette. Das Leben wollte nicht so, wie wir es geplant hatten. Fakt war: Mein Flug wurde ohne Rückerstattung gestrichen, meine Freundin musste aus gesundheitlichen Gründen daheim bleiben und bereits am zweiten Reisetag gab meine Kamera den Geist auf. 

Ich kneife meine Augen zusammen. Meine Beine werden weich. «Halte dein Gleichgewicht, mach die Augen auf», sagt die Stimme in meinem Kopf. Ich winkle mein rechtes Bein neu an, rücke meine Mütze zurecht, um meine Ohren vor dem eisigen Wind zu schützen. «Dauert nicht mehr lange», hör ich sie rufen.

Zwölf fremde Männer und ich. Das war die Ausgangslage. Ob das gut ging; ich hatte zu dem Zeitpunkt keine Ahnung. Was ich aber sehr schnell feststellte: Die Herren waren vorbereitet. Ich war es weniger. Da ich mich in meiner jugendlichen Naivität ganz auf meine Freundin verlassen hatte, entging mir nämlich, dass ich eine Reise zum Thema Landschaftsfotografie gebucht hatte. Und davon verstand ich ungefähr soviel, wie eine Hausfrau vom Strassenbau: nichts.

Hoffnung gab es trotzdem: Sie hiess Kristof und Jorge und waren unsere Reiseleiter. Dank Mann Nummer 5 – wir wurden zu Anwesenheitszwecken durchnummeriert – landete ich zudem mit einem geliehenen Stativ im winterlichen Island.

Die Sonnenstrahlen kitzelt in meiner Nase. Ich muss niesen. «Nicht bewegen, bitte», ermahnt mich Mann Nummer 2 hinter mir. Ich werde ungeduldig, möchte runter vom Felsen. Nach hinten rennen, auf die Kameras blicken, die Bilder betrachten. «Geduld», sag ich mir. Ich strecke mein Gesicht in die Sonne und stecke meine Hände in die Jackentasche.

Stativ aufbauen, Filteradapter anschrauben, ND-Filter reinstecken, abdrücken. Dank der endlosen Geduld unserer beiden Reiseleiter wurde mir die Landschafts- und die Nachtfotografie problemlos vertraut gemacht. Ich lernte, weshalb Verlaufsfilter absolut sinnvoll waren und wieso das mir viel zu umständliche Stativ durchaus Sinn machte. Vor allem aber wurde ich auf ein Ereignis vorbereitet, an das wir alle nicht so richtig zu glauben wagten: die Polarlichter. Denn die durften wir tatsächlich an mehreren Abenden erleben – und fotografieren. Ein Spektakel, das ich bis jetzt kaum in Worte fassen kann.

«Fertig!», ehe das Wort vollständig ausgesprochen ist, steht Mann Nummer 6 neben meinem Fels und reicht mir die Hand. Ich klettere mit seiner Hilfe runter. Mein Wange glühen von der Wärme der Sonne. Wie die Bilder geworden seien, frage ich meine Begleiter ungeduldig. «Episch!»

Episch waren auch die Ponys, die wir an einem der letzten Tage endlich vor die Linse bekamen. Episch flauschig. Also so richtig flauschig. Und ja, ich betone es gerne noch einmal. Schliesslich musste ich lange warten, bis ich als Pferdemädchen endlich einen Isländer streicheln durfte. Aber eins kann ich verraten: Nicht nur mich brachten die samtweichen Kleinpferde zum Ausflippen. Auch die Herren konnten kaum ablassen von ihnen.

Von wegen: «Nur Frauen machen Mädchenbilder!» Nix da. Auch Männer machen Mädchenbilder – vorzugsweise von flauschigen Ponys. In Island ist eben alles möglich. Doch die Vulkaninsel hat weit mehr zu bieten als nur Rasseponys. Die Natur ist so vielfältig, dass sich kaum zu beschreiben ist. 

Bild: Jorge B., jorgeb.de

Da steh ich also: auf einem kleinen Felsen vor einer Höhle irgendwo im Süden Islands. Wo genau ich mich befinde, ich weiss es nicht. Aber es berührt mich, das Bild, das ich vor mir auf der Kamera sehe. Ich ganz klein, und die Welt da draussen so gross. Und doch: Ruhe. Das Gefühl, angekommen und frei zu sein. Island, unser Beginn war nicht einfach, unser Ende aber war «episch» – um es in der Sprache meiner Männer auszudrücken. Danke. Deine Nummer 11.