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Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Jedes Jahr folgen auf die Musik-Festivals ganze Abfall-Wüsten. Und mit ihnen die echauffierten Stimmen, die der Konsumgesellschaft die Schuld geben.

«The same procedure as every year, James», sagt Miss Sophie zu ihrem Butler James. Der Kult-Spruch aus dem Sketch Dinner For One passt geradezu perfekt zu dem, was zur Festival-Saison gehört wie «Flunkyball»: Nach dem Openair sind die weitläufigen Gelände übersät mit Abfall. Und dann kommen sie wie Krähen angeflogen, die Moralapostel, wild mit dem Zeigefinger wedelnd und der unsäglichen Konsumgesellschaft die Schuld zuweisend.

Natürlich – versteht mich nicht falsch – ist die «traditionelle» Müll-Apokalypse eine Schweinerei. Und ja, Pavillons und Zelte, die für drei oder vier Tage gekauft und dann liegengelassen werden, ist Konsum in seiner teuflischsten Form. Dieses Verhalten ist nicht entschuldbar.

«Die heutige Jugend…»

Allerdings fällt es mir schwer, in den mahnenden Chor der Kritiker einzustimmen. Sie hat den faden Beigeschmack von Moralkeulen-Hieben: «Die heutige Jugend hat einfach keinen Anstand mehr…» – Das ist, mit Verlaub, ausgemachter Schwachsinn. Wie sah es denn vor gut 50 Jahren aus, als eine ganze Generation sich aus den Fängen und Zwängen der Konsumgesellschaft befreien wollte? Nachdem rund 400’000 Hippies das Gelände des Woodstock Festivals verlassen haben, liessen sie – oh Wunder – jede Menge Abfall zurück.

Damals gab es noch keine «Einwegzelte» und billige Plastik-Pavillons, aber die Ignoranz war schon da. Oder vielleicht wusste man es einfach nicht besser, was ebenfalls eine lahme Entschuldigung wäre.

Herdentiere

Nein, die Konsumgesellschaft ist nicht die Ursache dieser Aftershow-Müllhalden. Sie ermöglicht bloss, dank billigen Gütern, dass diese im derartigen Ausmass entstehen. Denn wir Menschen sind Herdentiere. Doch bei mehreren 10’000 von uns auf einem Haufen, scheinen wir offenkundig das zu verlieren, das uns den Anstand wahren lässt: die soziale Kontrolle.

In diesem Gewühl, aufgeheizt von Musik und Drogen, werden wir zu anonymen Anarchisten. Und wenn der Zeltnachbar seinen Dreck liegen lässt, dann sinkt die Hemmschwelle, es ihm gleich zu tun. Es ist nicht erstaunlich, dass kleiner Openairs weniger mit dem Abfall-Problem kämpfen: Es liegt nicht nur an den kleineren Besucherzahlen, sondern auch daran, dass die soziale Kontrolle besser funktioniert.

Zelt-Depots funktionieren nicht

Um diesem menschlichen Trieb entgegen zu wirken, reagieren die Festivals tendenziell auf die schlechtmöglichste Art: mit Bestrafung. Da werden einfach Gebühren auf die stetig steigenden Ticketpreise aufgeschlagen.

Am Zürich Openair bezahlt man für das Aufstellen des Zelts 20 Franken, dazu ein Müllpfand von 5 Franken, den man zurückerhält, wenn man einen vollen Abfallsack abgibt. Das Greenfield Festival hat ein ähnliches Abfallsack-System. Und beim Openair Frauenfeld kostet das Zelt-Depot 20 Franken, die man rückerstattet bekommt, wenn das Zelt wieder mitgenommen wird. Funktioniert hat das offensichtlich nicht.

Sind wir ehrlich: Wenn das Zelt praktisch nichts gekostet hat, nach einem Wochenende voller Euphorie und Schlamm verdreckt und nass ist, dann sind 20 Franken ein leichtes Opfer.

Den anderen Trieb aktivieren

Die Organisatoren könnten also einfach die Depots in die Höhe treiben: 30, 50, 100 Franken. Es wird nicht helfen. Entweder leisten sich es die Besucherinnen und Besucher weiterhin und lassen alles liegen. Oder sie kommen gar nicht erst, weil es das Budget überstrapaziert. So oder so: Die Festivals verlieren.

Die Openairs müssen den Spiess umdrehen: Belohnung statt Bestrafung. Die Gäste sollten Verbündete werden. Man müsste den anderen menschlichen Trieb aktivieren: den Wettstreit. Pro Kilo Abfall, der angeschleppt wird, gibt’s Bares auf die Kralle. Und die besten Sammlerinnen und Sammler bekommen das Ticket für die nächste Ausgabe geschenkt – oder ein sonstiges Goodie. Da darf man kreativ sein, es muss wirklich was rauspringen für die Leute.

Ich mache mir natürlich keine Illusionen: Es werden nicht plötzlich zig Müllfrauen und -männer am Sonntag über das Gelände wuseln und sich über die Reste hermachen wie Aasgeier. Aber positive Anreize haben erfahrungsgemäss bessere Erfolgschancen.

Wie würdest du das Abfall-Problem der Festivals lösen? Diskutiere mit uns in unserer Facebook-Gruppe.


Zero Waste am Festival: Klappt es wirklich?