Mit neuem Album und neuem Tourkonzept meldete sich Lacrimosa endlich zurück und machten am 7. Oktober Halt im Z7. Tilo Wolff, Anne Nurmi und ihre vier Gastmusiker überzeugten auf ganzer Linie und wurden vom Publikum gefeiert. 

Tilo Wolff von Lacrimosa (Sacha Saxer)

Tilo Wolff von Lacrimosa (Sacha Saxer)

 

sax. Eine gefühlte Ewigkeit ist es her, seit Lacrimosa zum letzten Mal ein Konzert in der Schweiz gaben. Entsprechend gross war die Freude der Fans, als endlich bekannt wurde, dass das neue Album fertig und die neue Tour auch einen Stop in der Schweiz beinhalten würde. Wer ein Album Revolution nennt, sorgt für hohe Erwartungen und zumindest das Album konnte sie erfüllen. Rockiger, frecher, frischer als bisher wenden sich Lacrimosa 2012 an ihr Publikum. Zeit, die Tour zum Album genauer anzuschauen.

Schon im Vorfeld wurde bekannt gegeben, dass es keine Vorband geben würde, dafür eine längere Show in zwei Blöcken mit einer Pause dazwischen. Damit, dass mit “länger” gleich drei Stunden gemeint waren, hat wohl niemand gerechnet. “Als ich die Setlist für die Tour zusammenstellte, wollte ich möglichst viele Songs vom neuen Album aufnehmen, aber auch älteren Stücken ihren Platz lassen. Am Ende war sie drei Stunden lang, aber ich wollte keinen Song entfernen.”, meinte Tilo. Der Jubel der Fans liess keine Zweifel offen, dass sie die Entscheidung gegen einen Supportact und für mehr Lacrimosa-Songs absolut richtig fanden.
Das Konzert begann wie üblich mit einem Intro, gespielt von Anne Nurmi und den vier Gastmusikern. Erst im Verlauf des Intros betrat Tilo, schon singend, die Bühne. Eine der wenigen Möglichkeiten für die Band, sich die Bühne teilen zu können, denn auch wenn der Frontmann immer wieder nach hinten in die Schatten wanderte, so zog er doch immer die Blicke auf sich. Der Mann hat eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Einzig Anne vermochte gegen ihn anzukommen. Denn auch wenn die Soli der Gitarristen dank sehr guter Lichttechnik ins Zentrum gerückt wurden, so wanderten die Blicke der Zuschauer immer wieder auf den im Hintergrund tanzenden Tilo.
Die Gestik des Herrn Wolff mag für manche etwas gewöhnungsbedürftig, ja gar übertrieben wirken, doch sie ist einfach der Ausdruck eines Künstlers, der jede Note seiner Musik lebt. Selten durfte ich einen Menschen beobachten, der sich so sehr in seiner Musik verliert, wie Tilo Wolff. Mit jeder Handbewegung, jeder Drehung geht er in der von ihm geschaffenen Klangwelt auf. Alleine schon diese Hingabe ist ein Besuch eines Lacrimosa-Konzerts wert.

Die vorgängig angekündigte Überraschung entpuppte sich als ein kleines Meet&Greet am Merchandise-Stand während der rund halbstündigen Pause. Eine nette Geste, besonders für all diejenigen, die wegen der Länge des Konzerts nicht bis zum Schluss bleiben konnten. Zum Leidwesen der Fans sind die meisten Bands heutzutage nicht mehr bereit, den Kontakt zu den Fans zu pflegen und so ist es immer wieder schön zu sehen, dass es noch Bands gibt, welche die Nähe zum Publikum suchen. Das Angebot von Lacrimosa wurde dann auch entsprechend gut genutzt.

Der zweite Showblock startete mit Tilo alleine am Klavier. Gedämpftes Licht, minimale Gestik, einfach nur der Klang des Klaviers und seine Stimme – ein Gänsehautmoment. Doch die Anekdote, die er nachher zum Besten gab, rührte das Publikum zu Tränen. Auf der Tour 2009 sei ihm an jedem Konzert der gleiche Typ in der ersten Reihe, der mit geschlossenen Augen, die Lieder mitsingend, in seiner eigenen Welt verloren zu sein schien, aufgefallen. An der Party nach dem letzten Konzert, habe er ihm angeboten, ihn auf die Gästeliste der kommenden Russlandtour zu setzten. “Dann flieg ich nach Russland.”, hat der Fan gemeint. Und tatsächlich tauchte er dort auf, lernte eine Russin kennen – Musik verbindet – und gestern haben die beiden geheiratet. Aus diesem Grund widmete Tilo dem frisch getrauten Paar, das auch anwesend war, den nächsten Song: Denn am Ende stehn wir Zwei. Ich glaube, damit hat er den beiden das schönste Hochzeitsgeschenk gemacht.
Begleitet wurden Tilo und Anne von den zwei Gitarristen, einem Bassisten und einem Schlagzeuger, welche ganze Arbeit leisteten. So erhielten die Musiker gerade in der zweiten Hälfte immer wieder ein eigenes Stück Rampenlicht um vom Publikum entsprechend gewürdigt werden zu können. Wohlverdiente Momente für grossartige Musiker.
Zur Krönung des Abends, der eine Zeitreise durch gute zwanzig Jahre Musikschaffen von Lacrimosa bot, spielte die Band Feuer. Der Track bot ihnen nochmals die Gelegenheit, alle Register zu ziehen, und das Publikum bestmöglichst gelaunt nach Hause zu entlassen. Der perfekte Abschluss eines der besten Konzerte, dass ich je besuchen durfte. Licht: Top! Sound: Top! Stimmung: Top! Es kommt selten vor, dass ich nichts zu kritisieren finde. Dies war ein solcher Abend.

Fotos: Sacha Saxer