Mein erstes volles Jahr bei Negative White ist nun zu Ende, die Schonfrist abgelaufen und die Zeit gekommen, Bilanz zu ziehen.

Traumhafte Momente – Das Wesen der Musik in einem Bild (Sacha Saxer)

Traumhafte Momente – Das Wesen der Musik in einem Bild (Sacha Saxer)

Zu sagen, dass ich letztes Jahr ziemlich viele Konzerte gesehen habe, wäre nur leicht untertrieben. Beim Durchforsten meiner Fotobibliothek bin ich auf über 100 Events gekommen – von kleinen Clubkonzerten für zwei Dutzend Besucher zu grossen Festivals mit 30’000 Musikbegeisterten – und habe dabei über 220 verschiedene Künstler vor meiner Kamera gehabt. Stolze 99 Artikel konnte ich im Archiv von Negative White finden, in welchen meine Fotos verwendet wurden. Was mich aber viel mehr erstaunt hat, ist die Tatsache, dass ich 2012, obwohl ich eigentlich “nur” Fotograf bin, 59 Berichte, Vorschauen, Reportagen und Kritiken geschrieben habe. Angefangen hat meine Journalistenkarriere damit, dass ich ein paar Previews verfasste, weil die eigentliche Journalistin wegen Prüfungsstress – die ganze Redaktion macht ihren Job hier nur nebenberuflich und opfert viel ihrer sowieso schon spärlichen Freizeit, was die Quantität und vor allem auch die Qualität ihrer Arbeit umso lobenswerter macht – keine Zeit hatte. Previews zu schreiben ist in den meisten Fällen zum Glück relativ einfach. Entweder, man kennt die Band schon gut oder findet schnell alle nötigen Informationen, um unseren Lesern mit wenigen Worten klar zu machen, wieso sie sich das Konzert nicht entgehen lassen sollten. Bei kleinen Newcomer-Bands, die gerade mal über eine minimalstes MySpace Profil verfügen, auf welchen man auch nicht viel mehr als ein paar Hörproben, wackelige Handy-Videos, die ihre Kollegen von einem ihrer Gigs in irgendeiner Spelunke aufgenommen haben und, wenn man viel Glück hat, noch die Namen der Bandmitglieder. Hier wird’s dann etwas schwieriger, eine vernünftige Konzertvorschau zu schreiben. Ich stütze mich in solchen Fällen mittlerweile auf die Hörproben – schliesslich soll es an einem Konzert ja auch um Musik gehen – und schau mir die Handy-Filmchen am liebsten ohne den in den meisten Fällen völlig übersteuerten Ton an, um mir einen Eindruck davon zu machen, wie sich die Band auf der Bühne präsentiert. Damit bewaffnet versuche ich dann, die Eindrücke – Wissen kann man das ja nicht nennen – in Textform zu bringen, immer in der Hoffnung, dass ich damit noch wenigstens ein oder zwei Leute zu einem Besuch des Konzerts animieren kann, denn gerade die noch völlig unbekannten Bands können jede Art von Werbung brauchen.

Einen meiner ersten Konzertberichte verfasste ich über das unplugged Konzert von Redwood im Nordportal Baden. Unsere Journalistin Annatina, welche mich überhaupt erst auf das Konzert aufmerksam gemacht hatte, musste kurzfristig wegen einem Uni-Projekt absagen. Weil der Abend so gelungen war, dass ich ihn nicht einfach mit ein paar wenigen Fotos abspeisen konnte, habe ich eben noch einen Bericht dazu geschrieben. Als ich fertig war, war ich ziemlich erstaunt, wie lang er geworden ist. Und das, ohne dass es mir wie viel Arbeit vorgekommen ist. Es war einer jener Texte, der einfach so vom Kopf über die Finger durch die Tastatur im Computer gewandert ist. Ich scherze gerne, dass man einfach nur auf die Länge meiner Artikel schauen muss, um festzustellen, ob ich ein Konzert gut fand oder nicht – über unterdurchschnittliche Konzerte zu viele Worte zu verlieren, ist im Allgemeinen nicht so mein Ding. Geniale Konzerte hingegen dürfen durchaus auch gelobt werden, was bei mir meistens in etwas längeren Berichten endet.
Mittlerweile liefere ich nur noch sehr ungern eine reine Bildstrecke ab. Das einzige Konzert, bei dem ich absichtlich nur eine Fotogalerie online gestellt habe, war die Kunstperformance von Anne Clark und Murat Parlak. Dieser Abend war so speziell, dass ich schlicht nicht die richtigen Worte gefunden habe, ihn zu beschreiben. So speziell, dass ich die Fotos bis auf das Wählen eines guten Bildausschnitts in keinster Weise nachbearbeitet habe. Im Normalfall korrigieren wir Fotografen immer noch etwas an unseren Fotos rum, da die Lichtverhältnisse sich an Konzerten so schnell wechseln können, dass die perfekte Belichtung meistens gar nicht möglich ist und erst später am Rechner korrigiert werden kann. Nicht so an jenem Abend. Ich bin wohl einer derjenigen, der am häufigsten über den Lichttechniker jammert, und auch damals war ich mehrmals drauf und dran, in meine Kamera zu beissen, weil ich irgendwie kaum was sehen konnte. Ich hab mich noch nie so getäuscht wie dort.

Ich weiss nicht, wann genau der Zeitpunkt war, an dem ich vom reinen Fotografen zum Foto-Journalisten wechselte, aber ich weiss genau, dass ich es nicht bereut habe. Wenn dich nach einem Konzert der Künstler umarmt und sich herzlich für dein Review eines seiner Konzerte bedankt, wenn deine CD-Kritik von der Band mit den Worten “Endlich jemand, der unsere Musik versteht.” auf Facebook weiter verbreitet, dann weisst du, dass du deinen Job gut gemacht hast.

Ich bin mittlerweile bei Konzertveranstaltern, Security-Mitarbeitern und diversen Stagehands bekannt wie ein bunter Hund. So bekannt scheinbar, dass mich Alex Lim (Bassist von Redwood) an einer Tuesday Night Unplugged in der Hafenkneipe fragte, wo ich denn gestern Abend gewesen sei, er hätte mich gar nicht im Fotograben gesehen. Schön zu sehen, dass man vermisst wird, wenn man mal irgendwo nicht sein kann.
Überhaupt haben sich letztes Jahr einige Freundschaften ergeben. Leidensgenossen aus dem Fotograben, Bandmitglieder, Konzertveranstalter… sie alle haben mein Leben bereichert und werden das auch hoffentlich noch lange tun. Wir haben viele spassige Momente zusammen verlebt und ich möchte keinen davon missen. Der letzte war am 25. Dezember im abart, als ich meinen Gewinn vom abart-Adventskalender (passenderweise den von 9. Dezember, meinem Geburtstag) einlösen konnte: Eine Einführung in die Security-Welt des abart. Die Reaktion, als mich Ronny, Türchef vom abart, gesehen hat, war wie zu erwarten ein herzhaftes: “Ja aber nöd im Ernst? DU? Wieso hesch nüt gseit!?” Schon so oft haben wir uns im Fotograben im Komplex 457 oder im abart getroffen. (Logisch hätte ich was sagen können, aber dann hätte ich auch seine Überraschung verpasst… die war’s sowas von wert!) An dieser Stelle auch nochmals ein Danke ans abart, die Santa Rock war die beste Party des Jahres und für mich eines der schönsten Geburtstagsgeschenke.
Ein weiteres Danke geht auch an Danny, der mich und Larissa am Summer Breeze mit dem Auto mitgenommen hatte und uns somit eine kleinere Odyssee vom “Checkin” bis zum Campingplatz erspart hatte. (Vom Ausleihen seines Headliner-Fotopasses will ich jetzt gar nicht weiter reden. Da hast du noch das eine oder andere Bierchen offen.)

Weitere erwähnenswerte Momente betreffen auch Gegebenheiten, die ich zuerst rein privat, später aber doch in einen Artikel für Negative White umgesetzt hatte. So zum Beispiel der Abend im Bagatelle 93, einer kleinen, aber sehr idyllischen Bar an der Langstrasse 93 in Zürich, die regelmässig ihre Bühne – für mich die gemütlichste Bühne der Schweiz – kleinen, unbekannten Bands zur Verfügung stellt. Das Ganze ohne Eintritt, nur mit einer Kollekte für die Künstler. Dies ist ein Verhalten, das in einer Zeit, in der es wirtschaftlich nun wirklich nicht zum Besten steht, alles andere als selbstverständlich ist und für mich ein Grund ist, immer mal wieder in der netten Kneipe vorbeizuschauen. Dass ich schon beim zweiten Besuch persönlich begrüsst wurde, macht das Lokal nur noch sympathischer. Hier habe ich auch – nachdem ich erfahren habe, dass Zürcher Oberländer Indie-Rockband Manolo Panic ein Konzert gibt – th’sheridans aus London kennengelernt und,nach einem spontanen Besuch eine halbe Woche später an einem weiteren Konzert von ihnen in Wetzikon, eine Einladung zum Nachtessen mit der Band mit nach Hause nehmen können. Der Einladung bin ich natürlich gefolgt – der Tag, an dem ich eine Einladung einer hübschen Frau nicht nachfolgen werde, muss erst noch kommen… – und was für eine unterhaltsamer Abend es wurde. Fünf Musiker und ein Musikjournalist am fachsimpeln… Da Monolo Panic th’sheridans in die Schweiz geholt und ihnen hier ein paar Gigs ermöglicht hatten, revanchierten sich die Londoner mit ein paar Gigs in der britischen Hauptstadt. Ich hatte sowieso noch zu viele Ferientage – etwas, das man eher selten hört – übrig und hab für mich relativ spontan entschlossen, mindestens einen der Auftritte der Zürcher in London zu besuchen. So hab ich mit Julia von th’sheridans konspiriert und ohne dem Wissen von der Manolos einen kurzen Urlaub in London geplant. Julia hat mir heimlich die Daten der Gigs bekannt gegeben und ich konnte eine knappe Woche in London um diese Daten herum einrichten. Natürlich muss einem das Leben einen Strich durch die sorgfältige Planung machen, und so hab ich die Manolos einen Tag vor ihrem Gig mitten in der 8-Millionenstadt London getroffen. Die Überraschung in den Gesichtern war allerdings schon gold wert, auch wenn es wohl noch besser gewesen wäre, wenn sie mich erst am Konzert selber gesehen hätten. Never the less, it was awesome!
Dass dies aber noch nicht der Höhepunkt meiner Londonreise werden würde, konnte ich ja noch nicht ahnen. Am ersten Abend in der Bar des Hostels, in welchem ich meine Nächte verbrachte –  sehr zu empfehlen übrigens, das Generator Hostel  – quatschte mich so’n Typ von der Seite an. “Hey, do you play in a metal band? I heard there’s another metal band staying here as well.” Naja, ich spiele in keiner Band, Metal oder sonstiges, aber das Gesicht kam mir doch arg bekannt vor. Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um Pete Dimov handelte, Bassist von Kobra and the Lotus, die ich erst grad kürzlich als Support von Steel Panther vor der Linse hatte. Die Welt ist ein verdammtes Dorf!

Was wäre ein Jahresrückblick, ohne eine Bestenliste? Nichts, natürlich, also geb ich hier ein paar meiner persönlichen Highlights bekannt. Nach über 100 Konzerten, was waren denn nun die Besten? Ich möchte hier zwei Kategorien unterscheiden: Grosse Konzerte für  zig tausend Leute und kleine Konzerte für ein paar hundert Zuschauer. Um’s gleich vorweg zu nehmen: Die “Kleinen” waren die Grossen für mich. Redwood im Nordportal, Melody Gardot an der AVO Session Basel und BAUM im Exil waren für mich die Highlights des Jahres. Das schönste daran ist für mich, dass zwei von drei Acts aus der Schweiz stammen. Wir haben hier so viel Talent, da könnte man ganze Bibliotheken mit Berichten darüber füllen. Bei den “Hallenstadion”-Konzerten, also den ganz grossen für Zehntausend und mehr Besucher, stehen bei mir ganz klar Die Toten Hosen und Brian Adams an der Spitze. Die Hosen haben für mich das Hallenstadion-Konzert des Jahres geliefert, und ich hab ja nicht wenige gesehen, doch der Auftritt ihres Support-Acts Broilers einen Tag später im abart rangiert in meiner Skala dennoch höher.

Das beste Album des Jahres ist für mich ganz klar Mindfield von Deep Well. Musikalisch etwas vom komplexesten und intensivsten, was ich das ganze Jahr über hören durfte. Alles andere als einfach zu konsumieren, aber emotional und intellektuell das fordernste Album, das ich seit langem hören durfte.
Weitere Alben, die ich dieses Jahr rauf und runter hörte: Licia Missori – Amore & Morte. Die Keyboarderin von Spiral69 überzeugte mich am WGT vollends und ihr Soloalbum hat mich auf manchem nächtlichen Spaziergang begleitet. Wunderschön! Dann natürlich die beiden Halestorm Scheiben Halestorm und The Strange Case of…, deren Songs mich an manchen wunderbaren Moment erinnern. Genauso wie Melody Gardots Album The Absence, welches mich immer wieder auf eine ganz persönliche Art und Weise berührt.
Auch Music for my Landlord von BAUM gehört zu meinem persönlichen Favoriten, die ich so schnell nicht mehr von meinem iPhone verbannen werde. Ich wurde dieses Jahr allgemein überrascht, was für talentierte Singer/Songwriter wir in der Schweiz haben, und gleichzeitig enttäuscht, wie wenig Erfolg sie bei uns haben. Auch Künstler wie Bob Spring, den ich an der Unplugged Night im abart, am 26. Dezember letzten Jahres noch kennenlernen durfte. Ein Künstler, der mich nicht nur durch sein gefühlvolles Gitarrenspiel sondern auch durch seine rauchige Stimme, die seine emotionalen und authentischen Texte perfekt rüberbringt, überzeugt hat.
Die Tatsache, dass Silbermond die Thuner Formation Undiscovered Soul, die ich als Vorband von Manolo Panic im Werk21 erleben durfte, und seither an diversen Anlässen wie dem Openair St. Gallen oder Konzerten im Komplex 457 wieder treffen durfte, als Support-Act für ihren Auftritt im Hallenstadion auswählte, macht mich ein stückweit stolz, Schweizer zu sein. Teil einer Nation, die solches Talent hervorbringt. Gleichzeitig beschämt es mich auch, dass wir dieses Talent nicht selber sehen. Wir haben verdammt viele grossartige Musiker hier im Lande. Musiker, die meilenweit über dem Bullshit, den uns die Musikindustrie vor die Lefzen hält, steht und sich eigenständig gegen den nichtssagenden und komplett unerfüllenden Mainstream stellt. Musiker, die wir unterstützen sollten, weil sie es verdienen!

Ein weiterer Höhepunkt war ganz klar, als wir von der AVO session Basel die Einladung zur Pressekonferenz, an welcher das Programm der diesjährigen AVO session Basel bekannt gegeben wurde, bekommen haben. Die Rede ist hier von einem ganz speziellen Event mit hochkarätiger Besetzung für ein kleines Publikum von gerade mal 1’500 Personen. Dass ich dafür einen Ferientag einzog, war selbstredend und was ich geboten bekam, übertraf meine Erwartungen. Klar, dass alle Acts kurz angespielt wurden, war zu erwarten, aber dass auch gleich noch Dieter Meier und die Out of Chaos Band live spielten, setzten dem ganzen noch die Krone auf. Ich durfte für Negative White die Abende Best of Jazz und Blues Cruise verfolgen und ich denke jetzt noch gerne an diese Konzerte zurück. Ich freue mich schon jetzt auf die Baloise session Basel 2013.

Weitere Konzerte, die ich so schnell nicht wieder vergessen werde, sind der gelungene Abend von Epica im Z7, zusammen mit Xandria und Stream of Passion. Oder die Altmeister von Judas Priest im Forum Fribourg, wo ich mit den Jungs von Battalion im Tourbus hinreisen durfte. Halestorm und auch Broilers im abart lieferten eine Spitzenshow, die zu den besten des Jahres zählen. Und dann war noch jener Abend in Pratteln, an jenem Lacrimosa als Alleinunterhalter auftragen und ein musikalisches Feuerwerk sondergleichen ablieferten. Und da ich grad von Halestorm rede: Die Ehre, die beste Ballade 2012 präsentiert zu haben, gebührt ganz klar Lizzy Hale mit ihrer Performance von Break In – alleine am Klavier auf der Bühne im abart. Einer jener Momente, in denen ich wirklich Tränen in den Augen hatte und das auch gerne zugebe. Ich mag Balladen, und Balladen, die einem nicht die Tränen in die Augen treiben, sind nur halbe Sachen.
Allgemein scheine ich viel ruhiger geworden zu sein. Waren früher noch harte Metalkonzerte mit Moshpits, nach denen man auch zwei Wochen später noch Kampfspuren zeigen konnte, das Höchste der Gefühle, berühren mich mittlerweile ruhige, oftmals auch akustische Konzerte von Bands, deren Texte direkt ans Herz gehen, viel mehr. Ich mag älter, reifer, was auch immer, geworden sein, aber auch die brachialen Metalkonzerte haben nichts von ihrer Faszination verloren. Ich hab einfach meinen Horizont erweitert.

Ich weiss nicht, was 2013 bringen wird, aber wenn 2012 ein Vorbote war, dann kommt einiges auf uns zu. I’m ready, are you?