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Das WGT ist nicht zuletzt wegen seiner vielen Konzerte Kult. Am Sonntag Abend gaben sie die Herren von Tiamat im Felsenkeller die Ehre, und lieferten trotz erschwerten Bedingungen einen soliden Gig.

Am Sonntag platzen die Agra-Hallen und vor allem das heidnische Dorf aus allen Nähten. Das Wetter präsentiert sich endlich frühlingshaft, und der schöne Sonntag eignet sich für einen Ausflug. Dank der Tagestickets gibt es heute auch viele Besucher, die sonst nicht am Festival sind – entweder, weil sie mit Gothic kaum was am Hut haben und nur die Freaks fotografieren wollen, oder aber, weil sie sich das Festival als ganzes nicht leisten können, denn während des WGTs schraubt Leipzig die Preise hoch.

Tiamat spielen am Abend im Felsenkeller. Die Schlange für die Besucher ohne Bändchen geht um die Ecke und bis zum viertnächsten Gebäude. Wir – alle mit Bändchen – stehen «nur» eine halbe Stunde lang an. Später wird der Andrang noch so gross werden, dass die Fotografin nicht herein kommt – darum gibts von dem Gig auch nur Handy-Fotos.

Im Innern herrscht so dicke Luft, dass es eigentlich keine Luft mehr hat.

Gleichzeitig ist es feucht wie in einer Sauna. Einer meiner Kumpels seilt sich ab, noch ehe wir den eigentlichen Konzertsaal erreichen. Im Laufe der nächsten vierzig Minuten werden ihm alle von uns folgen.

Die Band wirft Flaschen von der Bühne

 

Aber das ist in dem Moment noch egal, denn alle warten gierig auf Tiamat. Die Band legt hart los, aber die Menge kocht nicht – dafür ist es einfach zu heiss. Der Moshpit ist angesichts der Saalgrösse auffällig klein und zerfällt immer wieder. Nach einigen Songs wird die Band etwas gemächlicher, mit langsamen Riffs und einer Stimme, die monotonen Sprechgesang ebenso beherrscht wie verzweifelte Growls. Die Melodien liegen in den Gitarren, kraftvoll und schnörkellos, und der Song endet in einem Schlagzeuggewitter.

 

Die Band hält sich wenig bis gar nicht mit Publikumsinteraktion auf, vielleicht ist’s auch ihnen zu heiss. Bassist Anders Ivers geht hinter die Bühne, um vier Wasserflaschen zu holen, und sie ins Publikum zu werfen. Die Band ist wenig bis marginal gestylt – später wird eine Konzertbesucherin sagen, dass sie das enttäuscht habe. «Dieses Baseballcap, das ging ja gar nicht. Ich hab mich so auf das Konzert gefreut – ich meine, Tiamat, das sind Helden. Und dann dieser Pflllth-Look.»

Und dann dieser Pfllth-Look!

Mich stört das Cap nicht. Tiamat machen starken, abwechslungsreichen Metal, und immer wieder vergesse ich über den heuelenden Gitarren oder einem Beat, der wie ein Herzschlag klingt, dass ich ob der Hitze kurz vor dem Zusammenklappen bin.

Als versierte Band spielen sie ihren Gig nicht am Stück durch, sondern verschwinden ein paar Minuten zu früh, damit das Publikum noch eine Zugabe fordern kann.

Wer nicht gerade mit Flyer oder Fächer für ein Lüftchen sorgt, klatscht den schleppenden Rhythmus von Whatever That Hurts mit.

Johann Edlund gibt den Viervierteltakt vor, während er mit dem Fuss wie nebenher den komplexeren Rhythmus des Schlagzeugs mittrommelt.

Danach bringt ein Roadie eine Barhocker auf die Bühne. Für die Kultballade Do you dream of me wechselt Roger Öjersson die Gitarre, und offenbar auch die Körperhaltung.

Obwohl links und rechts von mir bleiche, verschwitzte Menschen zum Ausgang wanken, ist der Saal immer noch rappelvoll, denn ständig drängen neue Leute hinein.

Schliesslich halte ich es nicht mehr aus. Während des Konzertes habe ich zwei Liter Wasser getrunken, und als ich mich daran mache, den fünften Becher zu holen, verklingen hinter mir die letzten Schläge.

Ich muss raus an die Luft und ziehe in Gedanken den Hut vor Tiamat. Der heisseste und stickigste Ort des Saals dürfte nämlich die Bühne gewesen sein.