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Das Publikum feierte Sam Smith im beinahe ausverkauften Hallenstadion während seiner ganzen Show. Viel dafür zu tun brauchte er nicht. Er bat die Menge, die Hände in die Höhe zu nehmen und das ganze Stadion winkte im Takt. Er forderte sie zum Klatschen auf und sein Wunsch wurde direkt erfüllt. Sam Smith performte mit einer Ruhe und Gelassenheit, die im Vergleich zum konstant hohen Energielevel der Zuhörer schon fast langweilig wirkte.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Show von Sam Smith war nicht langweilig – im Gegenteil. Er ist einfach keine Rampensau. Diesen Part übernahm das Publikum für ihn ohne eine Sekunde zu zögern.

Die Show war abwechslungsreich und bot immer mal wieder tolle Überraschungsmomente. Angefangen mit der Bühne, die wie ein Laufsteg anmutete. Vermutlich waren auch deshalb alle seitlichen Leinwände hochkant montiert.

Sam Smith, Hallenstadion (Bild: Michelle Brügger)

Smiths Appell ans Publikum.

Am Anfang war das Wort – respektive eine Bitte

Noch bevor der erste Ton erklang, erschien auf diesen Leinwänden eine ganz klare Message: «Lasst uns heute Abend die Telefone ausschalten. Und auf die Sterne vertrauen. Wir waren so verloren in letzter Zeit. Wir vergassen wer wir sind.»

Während des Konzerts sieht man auch nur ab und zu ein Handy in der Luft – ob es an der initialen Botschaft lag?

Der Schotte mit der rauhen Stimme

Apropos Botschaft: Sein Support Lewis Capaldi spielte eine gute halbe Stunde und interagierte ununterbrochen mit dem Publikum. Er erzählte uns auch, er hätte sich beim Sport verletzt. Wir sollten immer daran denken: Sport ist der Teufel. Vor seinem letzten Song bedankt er sich bei den Konzertbesuchern und lässt nochmal einen Spruch fallen. Wem es gefallen habe, soll es weitererzählen. Und wem es nicht gefallen habe, solle es für sich behalten und berücksichtigen, er sei verletzt und es deshalb vielleicht schlecht geklungen hätte.

Nehmt Platz und geniesst die Show

Es gab keine Stehplätze an diesem Abend. Da die dreieckige Bühne einen Laufsteg in den Saal bildete, wurden auch seitlich Stühle aufgestellt. Keine Absperrgitter wie sonst vor der Bühne, dafür aber eine kleine Armee an Securitys, die rund um die Bühne platziert waren. Durch das dimme Licht am Anfang schien es schon fast, als wären sie eine 3D-Dekoration am Bühnenrand.

Eröffnet hat Sam Smith die Show mit Burning. Er sass auf einem Stuhl, ein einziger Lichtkegel strahlte leicht von hinten auf ihn herab. Nur seine Silhouette war sichtbar. Zwischendurch leuchtete ein orangenes Licht auf und tauchte die ganze Bühne in warmes Licht.

Sam Smith, Hallenstadion (Bild: Michelle Brügger)

Spot on, let the Show begin.

Wer jetzt denkt, das Publikum sei brav auf den Sitzen geblieben, irrt sich. Bereits beim zweiten Song stürmten einige zur Bühne vor, um Fotos zu schiessen und in den Gängen zu tanzen. Dies wurde aber sehr schnell von den Securitys unterbunden und die Leute gingen wieder zurück zu ihren Plätzen.

Kurz vor Writings on the Wall verlässt er die Bühne. Das Intro wird mit Drums, Cello und Gitarre gespielt, die runde Scheibe im Hintergrund wird weiss beleuchtet. Auf einmal fährt unterhalb des Keyboarders ein Podest hoch und gleich wieder runter. Ich hab erwartet, dass Sam Smith im James Bond-Outfit wiederzusehen, er erschien aber im gleichen Anzug wie vorher.

Dies beschreibt sehr gut, was ich während des ganzen Konzerts immer wieder erlebte. Er bot zwar viel Abwechslung, aber immer recht vorhersehbar. Während der Show wurde ich kein einziges Mal wirklich überrascht – bis auf den Moment, als ich überrascht war, dass er sich nicht umgezogen hat. Den preisgekrönten Song performte er im vorderen Bereich der Bühne, aus der ein Podest empor fuhr, das mit einem einzigen Spot beleuchtet wurde.

Auch wenn er initial darum bat, man solle die Telefone ausschalten, bittet er vor Latch darum, die Handys hervor zu nehmen. Der Saal wird in ein wunderschönes Lichtermeer getaucht.

Sam Smith, Hallenstadion (Handyfoto: Michelle Brügger)

Lichtermeer im Hallenstadion

Ungefähr in der Mitte des Konzerts stellt er seine Band vor, bevor er das Hallenstadion auffordert aufzustehen und zu Like I Can mitzuklatschen. Reuben James tanzt über den Laufsteg mit einem weissen, tragbaren Keyboard. Die Musiker bieten gemeinsam eine Art Choreographie dar, die zwar nett ist, aber auch ein Körperkevin hinbekommen würde. Die Menge winkt im Takt und feiert jede einzelne Bewegung.

Baby You Make Me Crazy ist eine Solo-Einlage der Background-Sänger, die sehr gut ankommt und mit zustimmenden Rufen goutiert wird. Als Sam Smith wieder auf die Bühne kommt, trägt er ein anderes Outfit. Er hat den schlechtsitzenden Anzug gegen eine dunkle Hose mit hellem Shirt getauscht. Während der Gitarrist die Melodie von Scars anspielt, erzählt er, er habe diesen Song mit 18 geschrieben um die Trennung seiner Eltern zu verarbeiten. Er hoffe, er helfe auch anderen, Wunden zu heilen. Der Track wird nur von der Gitarre begleitet und am Ende dieses Songs umarmen sich die beiden. In einem Interview sagte Smith einmal, er liebe eine gute Umarmung, in der man einen Moment verweile.

Botschaften, noch ein Outfitwechsel und Umbau des Bühnenbilds

Wir leben noch immer in einer Welt voller Diskriminierungen. Vermutlich ist es deshalb so bedeutend, wenn Celebritys sich öffentlich outen, auch wenn es meiner Meinung nach überhaupt keine Rolle spielt, was für eine sexuelle Orientierung jemand hat. Sam Smith ist es ein Bedürfnis, darüber zu reden. Vor HIM richtet er das Wort an die Anwesenden:

«I wrote this song as a message to everybody who is listening. I am a very proud gay man. And if you are proud tonight of who you are, let me see your hand in the air.»

Am Ende dieses Songs verlaufen die Scheinwerfer wie ein Regenbogen durch das Hallenstadion. Auch wenn die Zuschauer immer mal wieder lauthals mitsingen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie bei jedem Song den ganzen Text kennen. Bei To Good at Goodbye sind die Besucher definitiv weniger textsicher, als er erwartet hatte. Smith setzt zweimal an, um das Publikum die ersten zwei Strophen singen zu lassen. Der Versuch scheitert kläglich, man scheint wohl nur den Refrain so wirklich zu beherrschen.

Sam Smith, Hallenstadion (Bild: Michelle Brügger)

Einfaches Bühnenbild, dafür gewaltiges Stimmvolumen.

Noch einmal verlässt Smith die Bühne und erscheint mit langem Mantel und einem schwarzweissen Hemd wieder. Die Pyramide enthüllt eine goldene Wendeltreppe, die er emporsteigt. Auf der Stage unten fährt wieder ein Podest empor, auf dem Lizzy steht und mit ihm Palace als Duett singt. Mir kommt die Balkonszene von Romeo und Julia in den Sinn, nur dass hier die Rollen anders verteilt sind.

Stay with Me ist «der Song» um seiner Angebeteten eine Liebeserklärung oder gar einen Antrag zu machen. Ob auch heute wieder zahlreiche Männer auf die Knie fallen werden? Scheint nicht so zu sein, vermutlich ist das an einem komplett bestuhlten Konzert nicht so einfach wie an einem Openair.

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Durchbruch Dank der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern

Sam Smith ist mit seinen 26 Jahren schon ein alter Hase im Geschäft. Bereits mit 15 gewann er einen lokalen Musikwettbewerb, tourte mit 16 als Adeles Opener. Seinen internationalen Durchbruch schaffte er vier Jahre später durch die Mitwirkung in Songs von zwei anderer Künstlern: 2012 verlieh er zwei Singles Disclosure seine Stimme, Latch feat. Sam Smith und Omen feat. Sam Smith gefolgt von Naughty Boy feat. Sam Smith von La la la ein Jahr später.

Ein Awardmagnet seit 2014

Seither wurde er mehrfach nominiert und gewann die verschiedensten Auszeichnungen. 2014 wurde seine Musik in den UK und den USA mit insgesamt neun Awards honoriert und bei den American Music Awards für eine weitere Auszeichnung nominiert.

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Im Jahr darauf wurde Sam Smith mit 4 Grammys ausgezeichnet. Für Stay With Me erhielt er den Award «Single des Jahres» und «Lied des Jahres», sein Debütalbum wurde mit «Bestes Gesangsalbum – Pop» ausgezeichnet und last not least erhielt er den Grammy für den besten Newcomer des Jahres.

Nebst diesen vier Grammys wurde er 28 Mal für eine Auszeichnung nominiert und gewann drei BRIT-Awards, drei Billboard Music Awards und wurde mit sieben weiteren Awards ausgezeichnet. Für die Titelmelodie des James Bond-Films Spectre, Writings on the Wall, erhielt er 2016 in der Kategorie «Bester Song» einen Oscar und gewann einen Golden Globe Award.

Operation an den Stimmbändern, die ihm Gold und Platin einbringen

Seine Veröffentlichungen wurde bislang in 21 Ländern mehrfach mit Platin und Gold ausgezeichnet. Sein Debütalbum In The Lonely Hour wurde im Mai 2015 auf den Markt gebracht und knackte damit in dem Jahr als einziger Künstler sowohl in UK als auch in den USA die 1-Million-Sell-Marke. Das neuste Album erschien im November 2017 und schaffte es in neun Ländern auf Position 1 der Charts. Bisher verkaufte es sich in den UK schon über 600’000 Mal und wurde mit Doppelplatin ausgezeichnet.

Im Mai 2015 musste er an den Stimmbändern operiert werden um die Blutungen zu stoppen. Hämorrhagie erlitten unter anderen auch schon Adele, Shakira und Meghan Trainor. Ob es an der Gesangstechnik liegt und durch zu viel Druck auf die Stimmbänder ausgelöst wird, ist noch umstritten. Er zog sich etwas aus dem Rampenlicht zurück, arbeitete an seinem zweiten Album The Thrill of It All.

Seine Stimmbänder verheilten ohne Komplikationen. Jedenfalls war davon nichts zu merken, sein Stimmvolumen und die Bandbreite sind bemerkenswert. Seine Stimme unverkennbar. Nach drei Zugaben bedankt er sich nochmal bei Publikum, das ihn frenetisch feiert. Es scheint fast, als wäre er erstaunt, wie sehr er bei den Menschen ankommt. Und noch immer strahlt er eine unglaubliche Ruhe und Bescheidenheit aus, als die Scheinwerfer ein letztes Mal ausgehen und das Konzert zu Ende ist.