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Am Mittwoch spielte die neue deutsche Hoffnung Lea Porcelain ihr viertes Konzert in der Schweiz. Im Zürcher Club Zukunft verschwammen die Grenzen zwischen Traum und Tanz.

Dunkle Wolken schieben sich über die Dächer von Zürich. Der Wind pfeift durch die Gassen. Ein Gewitter zieht auf. Und an der Dienerstrasse wird sich an diesem Mittwochabend noch ein anderes Phänomen entladen. Fast tausend Kilometer ist es aus Berlin angereist: Lea Porcelain.

Letztes Jahr, im Mai, spielte die Band um Markus Nikolaus und Julien Bracht bereits im Gonzo Club. Nur 200 Meter von der Zukunft entfernt, wo sie heute auftreten werden. Damals, kurz vor dem grandiosen Debütalbum Hymns To The Night, lernten wir Nikolaus und Bracht kennen. Wir trafen zwei junge Männer, die ihre Unterschiede überwinden, um die Ewigkeit in der Musik zu suchen.

Universelle Klänge

Spätestens mit Hymns To The Night fiel dann der Groschen auch in den letzten Schreibstuben: Lea Porcelain gehören zu den vielversprechendsten Emporkömmlingen deutschen Musikschaffens. Eine überwältigende Dichte prägt ihren Sound aus technoiden Beats, luziden Synth-Flächen und melancholischen Gitarrenbögen. Die Klangkunst scheint universell. Diese These bestätigten sie im Frühjahr mit drei neuen Singles. Jeder der neuen Songs vereinnahmte eine neue Stilrichtung. «Nächstes Jahr kommt das zweite Album», verrät Julien Bracht. «Wir wollen, dass es perfekt wird.» Und Nikolaus fügt später an: «Der Sound wird überraschen.»

Erste Gäste warten an der Bar in der Zukunft Zürich.

Erste Gäste warten an der Bar in der Zukunft. Bild: Janosch Tröhler

Zukunft, kurz vor 20 Uhr. Der Regen hat für einen Moment aufgehört. Die Strassen trocknen bereits wieder. Am Bordstein stehen die ersten Schwalben. Tropfen perlen von kühlen Bierflaschen.

Etwas später hängen Lea Porcelain Plakate vor dem Club auf. Es blitzt. Der Himmel entleert und die Zukunft füllt sich. Nicht alle sind wegen des Konzerts hier, aber deutlich mehr als noch im Gonzo. Der Auftritt am One Of A Million Festival in Baden dieses Jahr zeigt definitiv Wirkung.

Vibrierende Urgewalt

Eine Treppe führt hinunter in den Keller. Die niedrige Decke überquillt voller Discokugeln. Lo-Fi-Garage dröhnt aus der Konserve, wo sonst zu Techno die Nacht weggetanzt wird. Die Zukunft war vor einigen Jahren der ultimative Club in der Limmatstadt. Artikel wurden geschrieben, wenn wieder mal jemand vom rigorosen Türsteher abgewiesen wurde. Heute kommen alle rein: Szene-Kenner, Gruftis, Zufallsgäste.

Lea Porcelain auf der Bühne in der Zukunft Zürich

Im Dunst aufgeschichtete Soundwände. Bild: Janosch Tröhler

Es donnert – und Lea Porcelain beginnen das, was am Ende eine atemberaubende Show sein würde. Nach der Post-Punkesken Hymne Warsaw Street und Out Is In ist die Band und das Publikum bereits berauscht: Gotta Run wird zum ersten fatalistischen Höhepunkt. Lea Porcelain strecken den Song auf epochale zehn Minuten. Die Zukunft vibriert ob dieser Urgewalt.

Rituelle Kraft

Die Band spielt mit einer ungekannten Freiheit – für hoffnungslose Perfektionisten wie Nikolaus und Bracht keine Selbstverständlichkeit. Doch heute Abend stimmt alles. Im Dunst der Nebelmaschine schichten sie ihre Soundwände auf, durchdringen Mark und Bein und Geist. Sie stampfen und hämmern, leiden und begehren auf. Es ist mehr als blosse Musik: Die ekstatische Performance ergiesst sich einem hypnotischen Orgasmus gleich in den Raum. Irgendwo zwischen sakraler Ehrfurcht und Zügellosigkeit verschwimmen die Grenzen Publikum und Musiker, entführt in fremde Dimensionen. Die archaische, rituelle Kraft des Sounds lässt Traum und Tanz ineinander fliessen. Wie eine Droge lassen Lea Porcelain die Sinne erweitern. Es ist eine unbeschreibliches Gefühl.

Lea Porcelain spielen im gleissen Licht

Licht und Zügellosigkeit erfassen die Zukunft. Bild: Janosch Tröhler

Dank den ausgedehnten Live-Versionen erstreckt sich ihr Auftritt über eineinhalb Stunden. Doch das Gefühl für Zeit hat man längst verloren, als man nach Endlessly in die Realität zurückgeworfen wird. Ein Besucher sagt mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Überzeugung: «Lea Porcelain machen einfach verdammt gute Musik.» Es gleicht einer Wiedergeburt, wenn man die Treppe wieder hoch in die Welt hinaustritt. Es regnet wieder in Strömen.

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