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Die kalifornische Band Lagwagon steht für melodiösen Punkrock erster Güte. Am letzten Montag machte das Quintett Halt in Zürich und spielte eine schweisstreibende Show im gut gefüllten Dynamo Saal.

Da ist sie wieder. Dieses rothaarige Mädchen mit der Brille auf der Nase und der Zahnspange im Mund. Und seit nunmehr zwanzig Jahren will sie immer das Gleiche, wenn ich sie sehe: Über Gefühle sprechen. Obwohl es eigentlich nie eine von uns war, die das Wort ergriffen hatte. Das taten immer Lagwagon, denen wir aufmerksam lauschten. Und heute Abend sollte es wieder einmal so sein. Doch es war anders als bisher. Ich sass nicht alleine mit ihr in meinem Zimmer. Viele andere, mir völlig fremde Menschen standen um uns herum. Wollten sie alle auch über Gefühle reden?

Räucherstäbchen und magische Halbkreise

Wenn legendäre Bands wie Lagwagon, die das Genre des Melodic-Punks wesentlich mitgeprägt hatten, zum Pogo-Tanz bitten, sollte ein Club wie das Dynamo eigentlich zum bersten voll sein. Doch wenige Minuten bevor mit The Lillingtons als Vorband der Abend lautstark eröffnet werden sollte, bot sich im Saal ein etwas komischer Anblick. Vom Mischpult bis hinten an die Bar stand man dicht an dicht, während sich vor der Bühne ein grosser Halbkreis ungenutzten Raumes bildete. Eine unsichtbare Wand, die das Publikum fern der Bühne hielt? Ein Magnetfeld? Ein schwarzer Zauber?

The Lillingtons hätten an meinen fantasievollen Theorien sicher Gefallen gefunden. Sie selber haben auf ihrem aktuellen Album Stella Sapiente Übersinnliches, Astrologie und Geheimbunde thematisiert. Damit dieses mystische Flair an einer Punkrock Show rüber kommt, war die Bühne während ihres Auftritts mit Grabkerzen und Räucherstäbchen geschmückt. Auch wenn der Rauch irgendwie nach abgefackeltem Wald roch und mir zusehends Übelkeit bereitete, anstatt mich in eine magische Stimmung zu versetzen.

Dafür fand ihre Musik bei mir grossen Anklang. Eine temporeiche Nummer reihte sich an die nächste, buchstäblich schweisstreibend vorgetragen. Nur das Publikum war eher lau. Allmählich diesen verflixten Halbkreis durchbrechend, waren dennoch wenige Zuseher auszumachen, die sich hier schon verausgaben wollten und das obwohl immerhin mehr als artig zwischen den Songs geklatscht wurde. Wenn das gleich bei Lagwagon auch so sein wird, wäre das wohl der schrägste Konzertabend in der Geschichte von Punk-Konzerten.

Voll auf die Zwölf

Aber diese Sorge blieb unbegründet. Bereits als Frontmann Joey Cape alleine mit Akustikgitarre ausgerüstet die Bühne betrat, grölte ihm die Menge entgegen. Fast schon übertrieben schmalzig performte er Burden Of Proof, welches auf dem Album Hang nahtlos in den Kracher Reign übergeht. Und der wurde auch live als nächstes gespielt, sobald die anderen Bandmitglieder sich ebenfalls im Rampenlicht sammelten und dem Publikum von Anfang an den Tarif durchgaben. Ein Weckruf, der gehört und von der Menge frenetisch quittiert wurde.

Wo vorhin noch dieser leidige Halbkreis war, wurden nun fröhlich und stets liebevoll Menschen durch die Gegend geschubst. Auch erste Crowdsurfer liessen nicht lange auf sich warten und nutzten die Gelegenheit, dass es keine Absperrungen gab, um sich wiederholt von der Bühne ins Publikum zu stürzen. Zu Beginn noch unter bangen Blicken der Sicherheitsleute wurde das Treiben zunehmend lockerer abgesegnet.

Lagwagon at its best

Die Atmosphäre war entspannt und irgendwie auch ein bisschen oldschool. Vielleicht lag es am doch eher hohen Altersdurchschnitt vor und auf der Bühne oder daran, dass Lagwagon sich damit begnügten ihre Songs zu spielen und hier und dort ein Spässchen zu machen. Es wurden keine Circle-Pits initiiert, keine Niederknien-und-aufspringen-Spielchen, nichts dergleichen.

Lagwagon zeigten sich von bester Seite. Das Quintett spielte sich durch ein hochkarätiges Songrepertoire und quetschte dazwischen auch mal noch eben die ganze Let’s Talk About Feelings rein. Das legendäre Album, dessen Cover das Eingangs erwähnte Mädchen ziert und heute auch als Backdrop hinter der Band prangerte, feiert 20-jähriges Nestehen und hat deshalb zurecht seinen Platz auf der Setlist gefunden. Gerade einmal 25 Minuten und 25 Sekunden dauert das gute Stück auf Platte und die elf Lieder machten auch live nicht mal die Hälfte des 70-minütigen Auftritts aus.

Neben der kompletten Album-Wiedergabe, bei welcher die Hymne May 16 natürlich hervorstach, gab es noch einige weitere musikalische Highlights, die es verdient haben löblich erwähnt zu werden. Zum einen ist es Lagwagon hoch anzurechnen, dass sie dem 2012 verstorbenen guten Freund und No Use For A Name Frontman Tony Sly Tribut zollten. Mit dem NUFAN-Lied Exit wird auch Jahre nach seinem Tod an ihn gedacht.
Und schliesslich fand der Abend in Razor Burn einen gekonnten Schlusspunkt, an dem einstimmig dem «Beard Of Shame» gehuldigt wurde.