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Kaltern Pop 2018: von Gossenpoeten und Stimmgewalten

Zwischen Weinbergen lockt einmal im Jahr das Kaltern Pop die mutigen Musikfans ins Südtirol. Ein Rückblick auf drei intensive Tage.

Fünf Stunden Autobahn. Bei Diepoldsau über die Grenze. Kurzer Stopp für Wasser lassen und Wasserflasche. Über den Brenner weiter, runter ins Südtirol. Ziel: Kaltern. Genauer: Kaltern Pop.

Ich steige in einem Designhotel ab. Eine Suite mit eigenem Swimming- und Whirlpool. Und weil man sich sonst nichts gönnt, gönnt man sich ein Bier aus der Minibar. Raus aus der Hose, rein ins Wasser. Dann warten auf die Mitbewohner, zwei Männer. Nennen wir sie A. und B. Wir waren schon letztes Jahr zusammen hier. Diesmal residieren wir nobler. Das Kaltern Pop – erst die vierte Ausgabe – ist ausverkauft. «Sie haben das Programm heute schon dreimal angepasst», sagt Vera, das freundliche Gesicht des Hotels.

Raus aus dem Pool, rein in die Hose – bevor ich mich auflöse. Das zweite Bier und dann in den Fahrstuhl, rauf in den Siebten, zur Dachterrasse. Der blaue Dunst der Zigarette vernebelt die einmalige Aussicht auf die Reben. Die Sonne schimmert auf dem Kalterersee, während sich mittelalterliche Pärchen auf den Liegen Prosecco und die FAZ reinziehen. Es fehlen bloss noch die Polohemden und über die Schulter gebundene Kaschmir-Pullover. Himmel und Hölle waren selten näher beieinander.

A. und B. kommen an. Hallo hier, hallo da. Pläne über Mortadella-Brötchen schmieden: Erst Festival-Pässe abholen, dann in die nächste Weinbar. Ein Überraschungskonzert beginnt, ein mittelschwerer Roter und Färöer-Lachs als Zugabe. Popkulturelle Diskussionen nehmen ihren Lauf, von Mercury bis Drake.

Anna Mongelli von Ferbegy? am Kaltern Pop 2018

Anna Mongelli von Ferbegy?. Bild: Janosch Tröhler

Die erste Band des Abends: Ferbergy?. Ja, mit dem Fragezeichen. Südtiroler Newcomer, vielleicht etwas weiter als die durchschnittliche Schülerband. Die Sängerin Anna Mongelli hat das zeitlose Antlitz einer griechischen Göttin. Und im Sound schlummert Potential, ohne Zweifel. Aber noch reisst er nicht wie der Rotwein. Also zurück in die Vinothek: Nochmals ein Glas, nochmals Lachsbrötchen.

«Being is not a very simple thing to do»

Austrinken. Krümel picken. Der nächste Akt wartet. «My name is Alabaster Deplume. Don’t ask me why.» Er sieht aus wie ein Gossenpoet, der eine Altkleidersammlung überfallen hat. Seine Fingernägel bunt lackiert, die Haare wild zerzaust. Zwischen den Songs spricht er lange, springt von einem wilden Gedanken zum nächsten. Und tatsächlich steht dieser Hobo-Lyriker auf der Bühne und rezitiert seine Gedichte.

Alabaster Deplume am Kaltern Pop 2018

Alabaster Deplume, der Gossenpoet. Bild: Janosch Tröhler

Als hätten Jack Kerouac und Allen Ginsberg zu viel Benzedrin gezogen und dieses merkwürdige Ding direkt auf die Bühne geboren. Zwischen den romantischen Melodien stecken doppelbödige Spitzen. «Being is not a very simple thing to do.» Ich frage mich: Ist es as Bier oder der Rotwein? Oder geschieht diese Unwirklichkeit wirklich? Dieses Chaos aus Poesie, Klassik, Folk, aus Harmonie und Geschrei? Kompromisslos bis völlig absurd ist dieser herrliche Alabaster, zärtlich und ohrenbetäubend.

Alabaster Deplume am Kaltern Pop 2018

Kompromisslos bis völlig absurd. Bild: Janosch Tröhler

Nach diesem Wahnsinn ruft erneut der Wein. A. und ich werden von anderen Trinkenden ins Gespräch verwickelt. Gibt es eine Diskrepanz gesellschaftlicher Wahrnehmung von Aggression im Hip-Hop und im Metal? Nach dem x-ten Glas versammle ich die letzten Kräfte für einen substanziellen Diskussionsbeitrag. Es hilft nicht viel – und B. verabschiedet sich ins Bett.

Es ist 23 Uhr – und die Eskalation macht sich bemerkbar. Mimicof. So heisst die Japanerin, die nächstens im katholischen Vereinshaus spielt. Wir wissen nicht, was uns erwartet. Google sagt: «Meintest du Minigolf?»

Nur noch wenige müde Seelen sitzen auf dem Parkett. Zu Boden gerungen vom Tag. Der Abend fliesst in die Nacht. Aus den Boxen klingt Eurodance. Der Augenblick versprüht den Charme der letzten Momente eines Dorffestes: Der totale Absturz ist verpasst, und alles was jetzt noch bleibt, ist der unvermeidbare Niedergang.

Mimicof macht sich hinter ihrem «Labortisch» zu schaffen. Ein Laptop und – wahrscheinlich – allerlei technische Spielzeuge stehen darauf. Sie evoziert halluzinogene Klänge, aber uns fehlt der Beat und vermutlich die passende Droge. So wie Mimicof da steht, erscheint sie verloren, die Bühne wird zur Sinnlosigkeit. Sie blickt mal auf ihre Regler, dann wieder auf den Bildschirm. Nimmt sie uns überhaupt wahr? Ihr stoisches Wesen hat eine Faszination. Das Publikum plappert pausenlos. Selbst als die Frau dann vertrakte Beat-Salven abfeuert: Keine Euphorie entfacht sich.

Mimicof am Kaltern Pop 2018

Die stoische Mimicof. Bild: Janosch Tröhler

Nächster Morgen. Von der Nacht bleiben leere Flaschen, dunkle Ränder unter den Augen und an den Lippen. Verteufelter Rotwein, warum musst du nur so verführerisch sein? Rührei, Speck, Kaffee – der Treibstoff für den zweiten Tag. Digitalisierungsdebatte zum Cappuccino.

Maze Drexler von Pictures am Kaltern Pop 2018

Maze Drexler von Pictures kämpfte gegen die Sucht. Bild: Janosch Tröhler

Wir pflanzen uns auf Kinostühle. Könige der Welt. Der Streifen über den Aufstieg von Union Youth. Und den Absturz von Sänger Maze Drexler, seinen Entzug und den Neuanfang mit der Band Pictures. Ein intensiver Film. Deftiger als das Frühstück. Gefolgt von einer holprigen Podiumsdiskussion, dann das Konzert von Pictures. Es ist nicht mehr der Grunge-infizierte, rohe Sound aus den alten Tagen. Sie spielen Lehrbuch-Indie-Rock.

Drexler lässt sich das Händchen für Komposition nicht absprechen. Trotzdem: Nichts Bahnbrechendes. Manchmal klingen sie wie Oasis. Das ist in Ordnung, schätze ich. Richtig gut sind sie, wenn Drexler lauter wird, die Stimme krächzt, die Spielfreude überbordet.

Pictures-Drummer Bowy hatte sichtlich Freude. Bild: Janosch Tröhler

Zwischenstopp in der Suite. Wir plündern das Buffett. Der Kopf pocht, der Whirlpool sprudelt. Es dunkelt ein.

Vor dem Vereinhaus warten Menschen. Verspätung – wie immer bei den Shows hier. Noch steckt die Müdigkeit in den Knochen. Soap & Skin schleicht ins Rampenlicht. Die Bühne ist vollgestellt mit Instrumenten. Das stargaze-Orchester nimmt seine Plätze ein. Die Sängerin kniet sich am Bühnenrand hin. Der erste Song beginnt – und endet. Mit zittriger Stimme sagt sie: «Once again.» Und sie spielen das gleiche Stück nochmals. Immer noch kniend, aber die Stimme schon aufrechter. Später füllt ihr Gesang den Saal aus.

A. und B. zieht es wieder in die Weinbar. Ich werde mitgeschleift. Wasser statt Wein, wenigstens für einmal. Die Stimmung ist gedrückt. Wir brauchen Krach, etwas mit Gitarre. Aber in der Bar läuft nur – ohne Scherz – Radio Swiss Pop.

Vielleicht bietet Spinvis Erlösung. Spinvis ist eine fantastische Kreatur: Ein Spinnenfisch. So übersetzt sich zumindest der Name. Aber eigentlich ist Spinvis ein älterer Mann, der im zarten Alter von Vierzig sein Debüt gab. Das ist jetzt auch schon 16 Jahre her… Er und seine Band haben einen luftigen Groove. Und Herr Spinvis mit den grauen Locken und den glänzenden Augen freut sich wie ein kleines Kind.

Besucherin filmt den Auftritt von Spinvis am Kaltern Pop 2018

Bild: Janosch Tröhler

Gesungen wird auf Holländisch. Eine kurrlige Sprache. Vertraut und exotisch. Wenn dann noch ein Xylophon einsteigt, bekommt die Spinvis eine bizarre Schönheit. Der Mann, der das Leben schon gelebt hat, schafft Melodien mit der Unschuld eines Neugeborenen. Auf Dauer reicht’s dann aber auch: Der Sound ist ja nett, bisweilen grandios, wenn die Arrangements überschwänglich werden. A. feiert es, B. und mich reisst es nicht genug mit.

Wir steigen hinab, ins Kellergewölbe des lokalen Weinmuseums. Tauchen ein ins blaue und rote Licht. Bereit, in den Klängen von Hugar zu versinken. Das Duo bringt nicht den Krach, den wir uns erhofft haben. Sie sind das wunderbare Gegenteil. Sanfter, isländischer Balsam, der die Decke des Raums vorsichtig öffnet und die Sicht die Unendlichkeit freilegt. Instrumentale Träume, so unbeschreiblich, dass sie einer anderen Dimension entsprungen scheinen. Auf der Bühne geschieht alles – und nichts. Die Augen geschlossen, fliegen wir über weite Landschaften zum Horizont. Die Stille ist unfassbar: Das Kratzen meines Stifts auf dem Papier gleicht einer Kreissäge.

Hier entfaltet sich die Magie des Kaltern Pops vollkommen: Wir haben etwas gesucht, doch uns wurde etwas völlig anderes gegeben. Dennoch war es genau das, was wir gebraucht haben. Vielleicht, weil wir selber nicht genau wussten, was wir wollten. Die Überraschung als Moment der Perfektion.

Marius Bear bei seinem Konzert am Kaltern Pop 2018

Marius Bear, ein Appenzeller Hüne. Bild: Janosch Tröhler

Als wir wieder aufsteigen, sind wir wie neu geboren. Frisch für die lokalpatriotische Pilgerreise ins «Kuba». Ein Club im alten Bahnhofsgebäude. Die erste Erkenntnis: Bei Marius Bear ist nichts normal. Der Appenzeller Hüne hat eine Jahrhundertstimme. Sein E-Pianist sieht aus wie ein Rapper/Türsteher – Goldkettchen inklusive. Der Synthie-Mechaniker vom Schlag Teenie-Movie-Nerd mit Brillengläsern dick wie Flaschenböden. Doch dieser Stosstrupp hat Megatonnen-Sprengkraft im Arsenal.

Voller Inbrunst singt Marius Bear am Kaltern Pop 2018

Voller Inbrunst. Bild: Janosch Tröhler

Marius Bear ist eine Anomalie, eine Naturgewalt, bereit zum Frontalangriff. Alles niederwalzend wie eine Lawine. Reduzierter Blues schmiegt sich an wuchtigen R&B-Soul. Der Emporkömmling aus dem Alpstein muss sich noch finden. Dennoch ist der Auftritt brillant.

Allerdings kommt der Höhepunkt erst, nachdem das Set offiziell beendet ist. Marius und seine Bande spielen spontan einige Songs unplugged. Unter der Treppe, die in den Kellerclub führt, ohne Licht und ohne Verstärkung verliebt sich Kaltern unsterblich. Ein Augenblick der puren Authentizität, einer dieser einzigartigen Kaltern Pop-Momente.

A. und B. verwickeln Bears Manager in eine Plauderei. It’s business, baby. Ich stehe belanglos daneben, nippe am schalen Bier. Nebenan, im Bauernkeller, pumpen die Bässe. The Lytics, Hip-Hop aus Kanada, starten ihre Party. Wir haben Hunger, aber die Brötchen sind schon weg. Im Hotel fallen uns trockene Cracker zum Opfer.

The Lytics verbreiten gute Stimmung am Kaltern Pop 2018

The Lytics verbreiten Party-Stimmung. Bild: Janosch Tröhler

Samstag. Der Tag kommt und geht. Wir liegen rum wie tote Fliegen. Kaffee und Wein reichen sich die Hand. Netflix-Binge. Alle warten, niemand gibt den Impuls. Draussen regnet’s, die Motivation ist begrenzt.

19 Uhr. Es ist dunkel. Die nassen Kopfsteinpflastergassen sind leer. Ich bin auf der Jagd nach Zigaretten. Der Schweizer Ausweis hilft am Automaten nichts. Ein Fremder hilft mir aus. Der Regen prasselt, der Brunnen plätschert und Sehnsucht nach einem frischen Bier fliesst durch die Adern. Irgendwann taucht A. auf. «Wo ist B.?», frage ich. «Der sitzt im Pool und trinkt Wein.» Wir sind uns einig: Den sehen wir heute nicht mehr.

Loney Dear im Weinmuseum. Ein Stammgast am Kaltern Pop. Loop-Künstler – made in Sweden. Die Akustik hier vergibt nicht. Ruhe ist Diktat. Aber natürlich gibt es Individuen, die sich und ihre Lautstärke nicht spüren. Glücklicherweise wird Loney Dear immer wieder richtig gross und laut. Es verwundert nicht, dass der bärtige Nordmann mit zartschmelzender Stimme die Menschen anzieht. Als er seinen Hit Hulls spielt, ist die Ehrfurcht greifbar. Gigantische Klangkathedralen werden erbaut. Und wieder abgerissen.

Als nächstes: The Slow Readers Club. Doch unsere Mägen knurren, der Plan wird verworfen. Überhaupt: Es ist Wild-Zeit. Also auf zum nächsten Futterschuppen. Hase und Reh tun ihre Wirkung. Eine Stunde später wir wieder im jetzt strömenden Regen, immerhin gesättigt.

Das Wagnis heisst jetzt Felix Kramer. Ein junger Blondschopf aus Wien. Schmäh mit erstaunlich tiefer Stimme. Und wie so oft, wenn man erwartungslos ist, wird man überrascht. Kramer hat Schalk, ist frech und charmant zugleich. Alltagspoesie mit verschrobenem Humor. Irgendwo zwischen Voodoo Jürgens und Ja, Panik. Manchmal recht schmalzig, dann ist er leise. Aber wehe, wenn er laut wird und seine Gitarre malträtiert. Dann ist seine Musik ein Pfeil, der direkt trifft.

Noch kurz ein Blick in die Brass-Party werfen. LaBrassBanda, die bayrische Bläser-Kapelle, wuchten enorme Bässe durchs Vereinshaus. Es ist voll, das Klima tropisch. Die letzte grosse Feier nimmt ihren Lauf, während wir ein letztes Mal an der Weinbar anklopfen. Wollen uns noch einige Flaschen Erinnerung kaufen. Wir treffen die Kolleginnen von der Aggressionsdiskussion wieder. Sie fragen, wie der Blog heisst, für den ich schreibe. Visitenkarten habe ich keine mehr. Ein herausgerissenes Stück Papier aus dem Notizbuch sagt dann: «negativewhite.ch».

Wir verabschieden uns, als kennen wir uns seit einer halben Ewigkeit: «Bis nächstes Jahr!»