Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

«Ich war immer der Typ in der Ecke»

Jonathan Jeremiahs Musik ist oldschool. Europäischer Soul in Reinkultur. Um sich neue Inspiration zu holen, hat er Ende Jahr einen Trip in die Schweiz gemacht. Negative White konnte Jonathan im Kosmos in Zürich treffen und erfuhr dabei, weshalb Ben Howard für ihn ein rotes Tuch ist.

Jonathan: Ach, nicht schon wieder.

Was denn?

Meine Freundin will ständig per Facetime telefonieren. Jetzt stell dir vor, du machst grad ein Fernsehinterview und dann ruft die Freundin an und will ein Facetime-Gespräch. So jetzt, Jonathan, professionell sein. Professionell.

Sag mal, hast du dir hier in der Schweiz die Inspiration für den Song Mountain geholt?

Nein, da stecken keine Schweizer Berge dahinter. Das ganze Album dreht sich um die menschlichen Kämpfe in einer Welt, die viel Negatives mitbringt und der man sich irgendwie entziehen will. Im Song geht es nicht zuletzt um meinen eigenen Kampf, ein Album aufzunehmen, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Berg ist ein metaphorischer.

Die Platte heisst The Good Day, wenngleich du eigentlich die schlechten Dinge des Lebens thematisiert. Willst du mit diesem Titel das Programm der Platte definieren, das Schlechte wegzusingen?

Absolut. Ich lerne das gerade. Es gibt viele schlechte Tage im Leben. Aber es gibt auch die guten. Und die Kunst ist, diese Momente zu ergreifen, sie zu nutzen, wenn sie da sind. Vielleicht ist es nur eine halbe Stunde des Tages, die wirklich gut ist. Die musst du voll geniessen.

Was tust du, wenn du morgens aufwachst und die Laune ganz mies ist?

Dann bleibe ich im Bett, bis sie besser ist.

Wenn man’s denn kann.

Kann ich auch nicht immer, natürlich. Wir alle müssen irgendwie durch den Tag kommen, unsere Dinge erledigen. Den Luxus, tagelang im Bett zu bleiben, haben wir nicht. Mit dem neuen Album versuche ich diese Haltung der Stärke, des Muts, die ich in anderen Menschen sehe, zu transportieren. Im Song Shimmerlove etwa gehts um Flüchtlinge, die einfach funktionieren müssen. Sie kämpfen jeden Tag, haben diese Kraft und unglaublichen Mut in sich. Diesen Kampf finde ich extrem inspirierend.

Fürs erste Album brauchtest du etwa acht Jahre. Unterdessen bist du schneller geworden. Was ist passiert?

Das hat ganz praktische Gründe. Ich hatte kein Geld. Also musste ich Tag und Nacht arbeiten. Und dann konnte ich mir mal den Cellisten leisten. Dann vielleicht mal den Drummer. Heute brauche ich weniger Zeit für ein Album, aber doch immer noch gute drei Jahre. Das ist viel.

Du kamst in die Schweiz um neue Songs zu schreiben. Wo und wie willst du das tun?

Ich bin seit meiner Kindheit ein Londonboy, verbrachte mein ganzes Leben in London. Um zu schreiben, suche ich aber ein anderes Setting. Eindrücke, die ich noch nie zuvor hatte. Also reise ich. Zürich habe ich noch nie richtig gesehen. Ich spielte zwar ein Konzert hier und sah ein Hotel von innen, die Stadt blieb mir aber fremd. Jetzt habe ich Zeit, die Stadt anzuschauen, ohne Druck und Terminkalender. Heute Abend fahre ich nach Basel weiter, um einen Freund zu treffen und dort einen Song zu schreiben.

Du sagst also: «Ab nach Basel, Song schreiben». So einfach?

Ja. So bin ich. Ich weiss nicht, ob es Fluch oder Segen ist. Aber ich lebe immer voll im Moment. Ich hab mich noch nicht einmal ums Ticket nach Basel gekümmert. Manchmal wäre etwas Planung aber nicht verkehrt.

«Ich habe eine Gitarre, einen Notizblock und meinen Kopf voller Stimmen.»

Dann weisst du jetzt aber wohl noch nicht, ob das mit dem Songschreiben in Basel klappt.

Oh doch. Ich habe eine Gitarre, einen Notizblock und meinen Kopf voller Stimmen. Sieben Songs auf einen Schlag. Und nun sagst du etwas zu mir, und ich denke: Mir gefällt die Art, wie er das gesagt hat, etwas anders als gewöhnlich – schon bin ich inspiriert.

Was hat dich in Zürich inspiriert?

Ich war in Rapperswil. Ich mag Orte mit Geschichte, ein Schloss, das über ihnen thront. Das setzt meine Vorstellungskraft in Gang. Wie spielten Kindern da einst in den Gassen? Was geschah am Hafen? Als Kind hasste ich Geschichte, heute liebe ich sie.

Gibts einen Song über ein Schloss?

Es ist interessant. Die Architektur von Städten ist weltweit überall so unterschiedlich; die Art des Bauens, immer wieder anders. Selbst die Züge sind verschieden. Dies mit neuen Augen zu sehen, macht Spass.

Du bist ein Beobachter.

Ja, so bin ich. Ich war auch früher an Partys immer der Typ auf der Treppe oder in der Ecke, der zuschaute. Ich stand nie in der Mitte und tanzte mit den Frauen. Als Kind stotterte ich zudem, bis ich etwa acht Jahre alt war.

Wie wurdest du das los?

Mit intensiven Sprachlektionen. Deshalb klingt mein Englisch heute so gehoben. Dabei ist das gar nicht meine Herkunft. Meine Familie ist alles andere als nobel. Wenn wir streiten, lachen sie mich deshalb immer aus.

Wie erklärst du deine musikalische Herkunft?

Ich konnte mich nie mit dem Gedanken anfreunden, dass musikalisches Handwerk vergessen geht. Ich mag die Idee, dass Errungenschaften über Generationen weitergegeben werden. Ich mag auch keine Mode. Obwohl sie wichtig ist. Aber Mode vergisst sehr schnell, was gestern grossartig war. Ich will das nicht vergessen. Ich mochte immer die Geschichte der Dinge. In Basel hoffe ich, etwas essen zu können, das Geschichte hat, das immer da war, weil es grossartig ist. Das Gute überlebt die Generationen.

Deine Musik, europäische Soulmusik, ist indes vergessen gegangen, bis du sie wieder belebt hast.

Mir ist wichtig, zur eigenen Herkunft zu stehen. Wir Europäer haben unsere eigene Soulmusik. Wir müssen nicht vorgaukeln, wir lebten auf der anderen Seite des Atlantiks. Serge Gainsbourg, Jacques Brel, Dusty Springfield haben das in den 1960er Jahren gezeigt. Wir haben unseren eigenen Sound, den wir feiern sollten.

Bild: Seraina Boner

An deinem Sound ist faszinierend, dass du mit vielen Elementen und Instrumenten spielst, dabei aber nie etwas verschwimmt. Alles ist sehr klar, hat seinen exakten Platz. Was steckt dahinter?

Ein Song ist für mich wie ein Bild. Ich stelle mir darauf etwa die exakte Position eines Cellos vor. Das Schlagzeeug ist dann da drüben. So baue ich mir das gesamte Arrangement zusammen. Da gibts kein Chaos, jeder hat seinen Platz. Mein Musikverständnis kommt von meinen irischen Wurzeln her. Musik ist dort eine Form der Konversation. Die darf nicht verschwimmen. Sie muss klar sein.

Hast du diese Feinheiten wie ein Pfeifen oder einen Chor schon im Kopf, wenn du komponierst?

Ja. Der Song entwickelt sich zwar, aber die meisten Dinge sind schon sehr klar im Kopf, wenn er entsteht. Das ist eine gewisse Verrücktheit in meinem Hirn, ein Film im Kopf. Genres sind dabei völlig irrelevant. Ich denke nicht über Schubladen nach. Da ist ein Song, der kommt raus und ist dann wie er ist. Vielleicht wärs besser, wenn ich einfach ein Soul- oder Folk-Typ wäre. Bin ich aber halt nicht.

Kürzlich war ich an einem Konzert von Ben Howard. Der hat einfach sein ganzes neues Album gespielt und dann war fertig. Du machst das offenbar nicht.

Nein, würd ich nie. Die Leute wollen doch auch Sachen hören, die sie schon kennen. Aber sag mal, wo spielte Ben?

In der Samsung Hall.

Wo spiele ich?

Im Kaufleuten.

Welches ist grösser?

Die Samsung Hall. Relativ deutlich. Aber er hat sie nicht gefüllt.

Wieviel? Halbvoll?

Vielleicht Zweidrittel.

Ha! Nur! Meinst du, ich kriege das, wie heisst es?

Kaufleuten.

Ja. Meinst du, das kriege ich voll?

Keine Ahnung. Was ist das? Eine Art Grössenvergleich?

Das ist eine längere Geschichte, sorry. Ich musste es jetzt einfach wissen.

Erzähl.

Nun gut. Ben und ich veröffentlichten unser Debütalbum etwa zur selben Zeit bei derselben Plattenfirma. Ben verkaufte 600’000 Stück, ich etwa 120’000. Seither liegt mir meine Plattenfirma in den Ohren, ich solle Sound wie Ben Howard machen. Ich kanns nicht mehr hören. Ich bin total anders gewickelt, meine Sparte ist eine ganz andere. Ich will nicht Musik wie Ben Howard machen, es würde vermutlich auch doof klingen. Das bin nicht ich.

Kennst du Ben denn?

Nein, ich hab ihn noch nie getroffen. Wir spielen auch kaum an denselben Festivals oder dergleichen. Er ist sicher ein absolut netter Mensch. Aber für mich ist er halt eine Art rotes Tuch. Tut mir leid.

Weshalb glaubst du, dass er erfolgreicher ist als du?

Was weiss ich. Illuminati vielleicht.

Spielst du in Zürich einen neuen Song, den du hier komponiert hast?

Wer weiss. Kommt auf Basel heute Abend an. Aber wenn du nun sagst, ich solle einen Schweizer Song bringen, dann mach ich das. Ich mag Herausforderungen. Aber er wird Englisch sein.

Jonathan Jeremiah spielt am 24. Februar im Kaufleuten Zürich.