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«Ich komme nicht um junge Musiker herum»

R&B-Pianist Booker T. Jones ist einer der Mitbegründer des Memphis Soul, stand mit unzähligen Top-Stars wie Otis Redding, Neil Young oder Bill Withers auf der Bühne oder im Studio. Im Interview erzählt er von seiner schönsten Tour, Label- und Bandstreits und der Zeit, als Platten aus den USA noch Raritäten waren.

Booker T. Jones, Sie haben in fast 60 Jahren Musik mit Hunderten von Künstlern zusammengearbeitet. Welche Kollaboration war Ihre liebste?

Booker T. Jones: Die mit Otis Redding, eindeutig.

Weshalb Otis?

Ich war zu jenem Zeitpunkt fast ausschliesslich als Studiomusiker tätig. Mit Otis konnte ich 1967 erstmals auf Tournee gehen und die ganze Welt erkunden. Wir waren überall in den USA und in Europa – auch in der Schweiz. Das war das erste Mal, dass ich die USA verliess.

Was war damals in Europa anders als in den USA?

Ein wesentlicher Unterschied war etwa, dass man unsere Platten praktisch nirgends kaufen konnte. Dadurch waren sie echte Raritäten. In den Radios hörte man ab und zu einen Song von Otis, aber kaum jemand besass etwas von ihm.

Waren dadurch nicht auch die Konzerthallen leer?

Im Gegenteil. Alles war ausverkauft. Die Nachricht, dass Otis käme, verbreitete sich offenbar wie ein Lauffeuer. Sein Ruf eilte ihm voraus, auch wenn die Leute seine Musik nicht kannten. Das waren tolle Shows.

Sie tourten auch mal mit Neil Young durch die USA und Europa. Wie kam das zustande?

Ich traf Neil Young anfangs der 1990er Jahre in New York bei einem Bob-Dylan-Tributkonzert. Wir spielten zusammen auf der Bühne und sprachen im Backstagebereich miteinander. Wir verstanden uns gut. Er fragte mich dann an, ob ich ihn 1993 auf seiner Tournee begleiten wolle.

Neil Young mit Booker T. Jones am Dylan-Tribut-Konzert.

Sie machen eigentlich ganz andere Musik als er.

Ich bin da nicht so fixiert. Ich habe ja auch für Willie Nelson ein Album produziert. Zudem gefielen mir Neil Youngs alte Songs wie Only Love can break your Heart schon damals sehr gut.

Ist Neil Young so unnahbar wie er wirkt?

Durchaus. Aber er liebt Musik. Das verbindet.

Sie holten ihn dann vor ein paar Jahren fürs Album Potato Hole als Gitarrist in Ihre Band. Man sagt, er sei eigentlich gar kein besonders guter Gitarrist. Weshalb fragten Sie ihn dann an?

Also erstens hat Neil diese unglaubliche Leidenschaft für die Musik. Das ist mir viel wichtiger als das technische Können. Zweitens kommt Neil Young vom R&B her. Seine ersten musikalischen Schritte waren in einer R&B-Band, das wissen viele nicht. Dadurch hatte er den perfekten Zugang zur Musik, die ich auf jener Platte machte.

Fürs nächste Album holten Sie die Hiphop-Crew The Roots an Bord. Brauchen Sie ständig Abwechslung?

Das ist mein Ding. Immer wieder Neues ausprobieren.

Was tun Sie als nächstes?

Ich arbeite an einem R&B-Album mit meinem Sohn zusammen. Er ist ein hervorragender Gitarrist und Sänger.

«Ich brächte keinen Ton mehr aus der Oboe raus.»

Sie sind ja eigentlich selber Multiinstrumentalist. Sie spielen oder spielten gar die Oboe.

Da war ich noch sehr jung, etwa neun Jahre alt. Ich entschied mich für die Oboe, weil die niemand anderes spielen wollte. Meine Absicht war von Anfang an, mit Musikgruppen und Bands auftreten zu können. Mit der Oboe konnte ich das tun, da ich keine Konkurrenz hatte.

Können Sie sie noch spielen?

Jesses, nein. Die Oboe ist ein unglaublich schwieriges Instrument. Ich brächte keinen Ton mehr heraus, bräuchte Wochen, um das Instrument wieder halbwegs spielen zu können. Das Problem ist die Lippenmuskulatur. Die braucht enorm viel Aufbau.

In Soulbands begannen Sie als Saxofonist.

Genau. Von der Oboe kam ich zur Klarinette und schliesslich zum Saxofon.

Ich spielte zu Beginn auch Saxofon in Bands, dann wurde mir das zu langweilig und ich begann, andere Instrumente zu lernen. War das auch Ihr Problem?

Haha. Langweilig wurde mir tatsächlich manchmal. Aber das war nicht der Grund, weshalb ich wechselte.

Weshalb denn?

In der Band, in der ich spielte, war mein Lehrer bereits als Saxofonist engagiert. Er hasste es, wenn ich auch Sax spielte. Er hasste es, wenn ich auch Sax spielte und liess mich das bei jeder Gelegenheit spüren, bis ich sagte, ich beherrschte übrigens auch das Piano. So fand ich doch noch einen Platz in der Band. Er behielt sein Revier als Saxer.

Spielen Sie noch Saxofon?

Ich spielte 1963 einen Saxpart für Rufus Thomas im Studio ein. Das war das letzte Mal, dass ich das Instrument gespielt hatte. Jetzt besitze ich noch ein Alt-Sax. Bariton- und Tenor-Sax habe ich verschenkt. Damals als New Orleans überflutet wurde, verloren viele Menschen ihre Instrumente. Ich spendete viele aus meinem Fundus, die ich nicht mehr benötigte. Auch die Posaune und die Klarinette sind weg.

Rufus Thomas war einer der grossen Musiker, für die Sie beim legendären Soul-Label Stax Records arbeiteten. Sie verliessen den Studio-Job 1967 in Unfrieden. Weshalb?

Die Hollywood-Produktionsfirma Paramount hatte Stax aufgekauft und kontrollierte fortan alles. Aus meiner Sicht war das absurd. Eine Filmfirma, die den Musikern sagen wollte, wie das mit der Musik geht. Hätte eine Plattenfirma ein Filmstudio übernommen, wärs auch schief gegangen.

Was war denn das Problem?

Die führten Schichtbetrieb für Studiomusiker ein. Haben Sie schon mal so etwas Bescheuertes gehört? Meine Schichten begannen manchmal abends um 17 Uhr und dauerten bis 2 Uhr morgens. So macht man doch keine Platten. Für mich war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich musste weg.

War das rückblickend die richtige Entscheidung?

Ja, sie war richtig, auch wenn sie die Gefühle meiner Bandfreunde von The M.G.s verletzte. Ich ging nach Kalifornien, wo ich sofort wieder einen Job hatte. Plötzlich konnte ich mit Grössen wie Herb Alpert, Quincy Jones oder Bill Withers arbeiten. Das war eine ganz neue Welt. Stax hatte mir nach dem Besitzerwechsel nicht mehr viel zu bieten – ich konnte mal noch für einen Film Musik schreiben, das war nett. Aber darüberhinaus: Absoluter Blödsinn.

Haben Sie sich mit The M.G.s wieder versöhnt?

Mehr oder weniger. Wir machten später noch zwei Platten zusammen, sie kamen aber nicht gerne nach Kalifornien. So lebten wir uns auseinander.

Für Ihr letztes Album kehrten Sie zu Stax Records zurück. Haben Sie Frieden geschlossen?

Ach, das ist nicht mehr wirklich Stax. Irgendwelche Menschen übernahmen den Namen, machten aber ein ganz neues Geschäft aus Stax.

Finden Sie das gut?

Nicht schlecht zumindest. Sie sind der Soulmusik mehr oder weniger treu geblieben, so weit das eben ging. Aber Stax ist heute eine topmoderne Plattenfirma. Da steckt nicht mehr der alte Geist drin.

Planen Sie weitere Alben für das neue Stax?

Nein. Ich habe keinen Plattenvertrag. Aber wir sprechen miteinander, es gibt keinen Streit.

Bild: Sean Davey

Mit welcher Band touren Sie in den nächsten Wochen durch Europa?

Von meinen alten Weggefährten ist niemand dabei. Die anderen Musiker sind alle im Alter meines Sohnes, so Mitte 20.

Bevorzugen Sie junge Musiker?

Bevorzugen? Nein. Ich habe je länger desto weniger die Wahl. Viele meiner alten Weggefährten leben nicht mehr. Ich bin bald 75 Jahre alt. Ich komme nicht um junge Musiker herum.

Funktioniert das gut? Die sind ja nicht mit diesem Sound aufgewachsen.

Das funktioniert hervorragend. Die jungen Musiker schätzen die alte Musik und bringen eine grossartige Energie in die Songs. Sie versuchen, den alten Groove zu rekonstruieren, zugleich aber auch neue Elemente aus ihrer Zeit einzubringen. Das gibt den Songs ganz neues Leben. Ich liebe es.

Sind Sie für Ihre Mitmusiker eine Art Lehrer?

Oh ja. Sie lernen viel von mir, etwa wenn es um Phrasierungen und Grooves geht.

Was werden Sie live spielen?

Alte M.G.-Sachen, aber auch neuere Kompositionen. Dazu etwas Jimi Hendrix, Beatles, Otis Redding. Ich gestalte jeden Abend anders. Viele meiner Fans kommen zu mehreren Shows hintereinander und sagen mir, ich solle dann nicht zweimal dasselbe Material spielen. Will ich aber ohnehin nicht, das würde ja langweilig. Am liebsten spiele ich mehrere Shows hintereinander in derselben Stadt. Dann kann ich die Leute ein bisschen anfixen. Aber in einer kleinen Stadt wie Zürich geht das halt nicht.

Booker T. Jones spielt am Samstag, 16. Februar, im Kaufleuten Zürich