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Die Musik zu «Miss Saigon» stammt aus der Feder des Komponisten Claude-Michel Schönberg. Im Interview erzählte er über die Motivation im Schöpfungsprozess und was danach seine Aufgabe sei.

Während des Gesprächs erhielt ich ein paar Einsichten, die mich erstaunten. Und einige auch wieder nicht, weil sie absolut Sinn ergeben und logisch sind.

Das Musical Miss Saigon ist ein weiteres erfolgreiches Musical von Claude-Michel Schönberg. Ich fragte ihn, wie er sich damals am Premierenabend fühlte und ob er dachte, es könne so erfolgreich wie Les Misérables werden. Claude-Michel: «Nach einem Erfolg wie Les Misérables fragt man sich natürlich, ob man das ein zweites Mal schaffen kann.» Er erwähnte ein Zitat Stravinskys, der zu sagen pflegte: «Ein Schöpfer weiss nicht, was er schreibt.»

Claude-Michel Schönberg

Bild: Michelle Brügger

Gemeinsam mit Alain Boublil schrieb er Miss Saigon, weil sie es wollten und es für beide eine Notwendigkeit darstellte. So mache man das. Eines ist für den Komponisten eindeutig: Es muss eine Obsession sein. Wenn man auch nur eine Stunde am Tag verbringen könne, ohne an sein Werk zu denken, soll man gar nicht damit anfangen. Claude-Michel: «Also schrieben wir das Stück, weil wir es tun mussten. Wir spielten das Band Cameron Mackintosh vor, weil wir bereits Les Misérables gemeinsam realisiert hatten und nochmals mit ihm zusammenarbeiten wollten.»

Zuerst sagte ihnen Cameron Mackintosh, es sei sehr riskant, ein Musical in dieser Art aufzuführen. Er hörte es sich an und zwei Tage später bekamen sie die Antwort, er würde es tun.

«If you can spend an hour a day without thinking about it, don’t even start to work. It must be an obsession. So we did it, because we needed to do it.»

— Claude-Michel Schönberg

Claude-Michel Schönberg erklärt mir: «Wir haben unser Bestes gegeben, denn jedes Mal wenn wir etwas tun, kann es ein Erfolg oder Misserfolg sein. Wie Sie, wenn Sie etwas schreiben. Dann versuchen Sie, Ihr Bestes zu geben. Sie denken nicht: ‹Heute mache ich etwas Schlechtes›. Wir versuchen jedes Mal, unser Bestes zu geben.»

Für ihn stellt Erfolg eine Implikation dar. Hat man Erfolg, wird man auch Misserfolge haben. Und hat man Misserfolge, wird man auch Erfolg haben – aber immer mit viel Begeisterung. Sein Job, so Schönberg, bestehe häufiger aus Misserfolg nach Misserfolg, jedoch sehr begeistert.

Ich wollte von ihm wissen, wie sich der kreative Prozess in den 70ern und 80ern abspielte. Vor meinem geistigen Auge sehe ich den Komponisten an einem Tisch mit einem Stapel Papier und einem Stift sitzen, wie er kritzelt, Teile wieder streicht, eine Seite zerknüllt. Zu Recht fragt er mich, warum ich ausgerechnet diese Jahrzehnte ansprechen würde. Der Prozess an sich sei noch immer derselbe – egal ob man schreibe oder auf einem Computer tippe. Vielleicht drücke man sich heute nicht mehr gleich aus. Aber die Probleme bei der Schaffung seien dieselben.

«As a matter of fact our job is more often failure after failure, but very enthusiastic.»

— Claude-Michel Schönberg

Abgesehen davon, dass man heute über Internet verfüge, Workshops besuchen könne. Er sei auch nicht sicher, ob das wirklich alles einfacher mache. Der Wettbewerb, so Schönberg, sei wichtiger als früher, weil so viele Leute im gleichen Metier tätig sind. Es sei auch schwieriger, ein Projekt zu finanzieren. Die Produzenten seien heutzutage nicht so sehr daran interessiert, grosse Vorhaben oder schwierige Geschichten zu produzieren.

Ein Werk ist niemals zu Ende

Ich fragte Claude-Michel, ob er sich an den Moment erinnern könne, als Alain Boublil und er realisierten: «Ok, wir sind fertig – das ist Miss Saigon. Und jetzt zeigen wir es Cameron Mackintosh». Die Antwort auf diese Frage hätte ich mir eigentlich selber geben können. Was er sagte, kenn ich manchmal auch nur zu gut. «Unser Job», sagt er «ist ein Job ohne Befriedigung und wird niemals beendet sein. Aber wir wissen, wann wir aufhören müssen. Selbst wenn wir denken, dass wir es noch besser machen können.»

Er erwähnt als Beispiel ein Instrument, das er vor 30 Jahren in die Melodie schrieb und es bei einer Aufführung nicht hören konnte. Es sei ein Holzblock, der für ihn entscheidend sei, aber niemand anderes es bemerke wenn er fehle. Es gäbe immer etwas zu tun. Man habe eine perfekte Vorstellung der Musik und Darbietung, wie es ein sollte. Seine Aufgabe sei es, das Baby zu beschützen. Wenn man es sich selbst überlasse und sich alles Abend für Abend millimeterweise verschiebe, habe man nach einem Jahr nicht mehr dieselbe Show auf der Bühne. Ihre Aufgabe sei es also nicht, zu geniessen was sie geschrieben haben, sondern sicherzustellen, dass die Show originalgetreu bleibe.

«You have a perfect image of the sound and visual of what you want. And my job is to protect the baby. Because if you leave it, over time with everything changing 1mm each night, you don’t have the same show after one year. So our job is not to enjoy what we have written, it’s to be sure that the show is true to the originally part.»

— Claude-Michel Schönberg

Unsere Musical-Kultur sei noch sehr jung. Deshalb sei dieses Musical auch wichtig für unsere Stadt. Zudem sei es sehr interessant für die Schweiz, weil es nicht den klassischen Regeln eines durchschnittlichen Musicals folge.

«Ehrlich gesagt bin ich nach Zürich gekommen, weil ich hier viele Freunde habe, die ich zur Eröffnungsnacht einladen wollte. Und ich denke, es ist auch für die Stadt wichtig, weil ihre musikalische Kultur sehr jung ist», sagt Schönberg. «Sie haben einige Musicals gesehen, aber einige Musicals, die Sie nicht so gut kennen, die sich vom Rest der Musicals völlig unterscheiden, weil sie nicht den Regeln eines durchschnittlichen Musicals wie Les Misérables entsprechen. Ich dachte, es wäre sehr interessant für die Leute aus der Schweiz, es zu sehen.»

Premieren-Abende aus der Sicht des Komponisten

Bei grösseren Produktionen wie beispielsweise der Amerika-Tour die im September startete, war er bereits zwei Mal vor Ort, um sie zu sehen. Heute ist der Komponist auch aus einem anderen Grund in Zürich. Nicht nur, weil er Freunde in der Stadt hat und sie zur Eröffnungsnacht einladen wollte. Er ist auch deshalb hier, weil die Show inzwischen mehr als ein Jahr unterwegs ist und er sie nochmal sehen wollte, bevor die Tour im März 2019 in Köln endet.

Auf meine Frage ob er sich nur die Show konzentriert anschaue oder ob er auch die Reaktion des Publikums beobachte, meinte er: «Natürlich, natürlich, natürlich! Aber um ehrlich zu sein wir wissen, dass die Show gut ist. Wenn die Zuschauer sie nicht mögen – und wenn die Aufführung gut war – dann tun sie mir leid.» An der Vorpremiere hätten sie eine wunderbare Reaktion des Publikums erlebt. Sie standen, stampften mit den Füssen und riefen begeistert in Richtung Bühne.

«I don’t know a painter who is in love with his own painting. And I’m not in love at all with the score. I am just listening, if it’s well performed.»

— Claude-Michel Schönberg

Die Premiere wird auch meine Premiere sein, ich habe Miss Saigon bislang noch nie gesehen. Deshalb fragte ich mich, ob es einen Part gibt, die Claude-Michel Schönberg am meisten liebt. Er verrät mir, dass seine Lieblingsstelle nur 60 Sekunden einer Gegenmelodie sei, die er speziell für Lea Salonga schrieb, die 1989 in der Uraufführung die Rolle der Kim spielte. Dies sei sein Lieblingsmoment, weil er sich dann daran erinnert, als er mit ihr gearbeitet habe. «Ich sagte zu ihr, sie solle das nicht so singen. Das Orchester spielt die Melodie und für dich schreibe ich eine Gegenmelodie. Wir machten das direkt. Und es war ein wunderbarer Moment, weil sie direkt verstand, was ich meinte.»

Am Ende des Interviews betonte er: «Ich kenne keinen Maler, der sein Bild liebt. Und ich bin absolut nicht in die Partitur verliebt. Ich höre nur hin, ob das Stück gut aufgeführt wird.»