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«Miss Saigon ist beispielhaft für die Welt, in der wir leben»

Ich hatte vor der Premiere die Chance, den beiden Hauptdarstellern Sooha Kim und Ashley Gilmour ein paar Fragen zu stellen. Dabei beschränkte ich mich aber nicht auf ihre Rollen als Kim und Chris. Mich interessierte generell ihre Motivation, im Musical «Miss Saigon» mitzuspielen und was sie tun, nachdem der Vorhang gefallen ist.

An der Grundschule spielte Ashley Gilmour beim Weihnachtsspiel mit. Es machte ihm viel Spass und er trat einer Theatergruppe für junge Leute bei. Mit elf nahm er erste Gesangsstunden und im Alter von 16 Jahren wurde im bewusst, dass er seine Leidenschaft für die Bühne zum Beruf machen könnte.

Sooha und Ashley waren 2014 bei der Wiederaufnahme von Miss Saigon beide im Ensemble. Die Rolle des Chris möchte jeder männliche Hauptdarsteller einmal übernehmen, verrät uns Ashley. Als sich für die Tour die Chance mit der Hauptrolle ergab, wollte er diesen Part unbedingt übernehmen. Er betont, es sei etwas sehr Besonderes, in derselben Show vom Ensemble zum Hauptcharakter aufsteigen zu können.

«I was in the 2014 revival of Miss Saigon in London and I was in the Ensemble. When this opportunity came up, I really wanted it. It’s really special to have made the journey from the ensemble to the leading man within the same show. It’s the same for Sooha as well.»

— Ashley Gilmour

Nach Soohas Engagement im Londoner Ensemble übernahm sie die Hauptrolle der Kim auf der Japan-Tournee. Ihre Muttersprache ist weder japanisch noch englisch. Ihre grösste Herausforderung ihrer Rolle stellt für sie deshalb die korrekte Aussprache dar. Sooha hat immer wieder Angst, das Publikum könnte nicht verstehen, was sie sagt. Deshalb übt sie auch jeden Tag aufs Neue, bis zum Schluss der Tour. Sie hofft denn auch, dass das Zürcher Publikum ihre englische Aussprache versteht.

Sooha Kim und Ashley Gilmore

Bild: Michelle Brügger

Das Musical ist sehr emotionsgeladen. Diese zu transportieren, ist für jeden Schauspieler eine Herausforderung. Beide versetzen sich dabei in frühere Situationen, um die erlebten Emotionen aufzubauen. Ashley betont: «Erfahrungen aus dem eigenen Leben helfen mir zu fühlen, was ich fühlen soll, wenn ich ein Lied singe. Es ist aber auch wichtig zu wissen, dass es sich um einen Charakter handelt. Ich bin nicht Christopher Scott, er ist jemand anderes, er ist anders. Wenn ich also das Theater verlasse, muss ich ihn irgendwie dort lassen.»

Sooha ergänzt, sie müsse jeden Abend so viel weinen, dass sie nach jeder Aufführung total erledigt sei. Aus diesem Grund sei für sie die Abgrenzung auch wichtig, damit sie diese Emotionen über einen längeren Zeitraum spielen kann. Mit der Zeit habe sie herausgefunden, jeden Abend 100 Prozent zu geben sei taktisch ungeschickt. Um langfristig nicht kaputtzugehen, gebe sie deshalb emotional nur noch 80 bis 90 Prozent. Sie dürfe sich nicht in den Emotionen verlieren und müsse wachbleiben, um das Stück bis zum Ende durchzuhalten.

Sooha unterschrieb bereits drei Mal für Miss Saigon. Sie ist fasziniert von der Geschichte, der Musik – eigentlich von allem, meint sie lachend. Das Stück werde ihr nie langweilig, obwohl sie jeden Tag sterbe. Bei jeder Aufführung entdecke sie etwas neues. Daraus schöpfe sie auch die notwendige Kraft.

Eine grosse Familie – auf und neben der Bühne

Man hört oft die Aussage, ein Ensemble sei wie eine zweite Familie. Deshalb will ich von Sooha und Ashley wissen, ob das tatsächlich so sei. Für beide ist dies ein klares Ja, ganz besonders bei Miss Saigon. Ashley: «Hier vereinigen sich so viele verschiedene Kulturen. 18 Nationalitäten, was toll ist, weil man das bei keinem anderen Job oder Musical hat. Wir konnten so viele verschiedene Gerichte probieren, so viele Kulturen und Sprachen kennenlernen.»

Das Gefühl von Familie erstrecke sich auch auf die Show. Sie seien wirklich eine Gemeinschaft, mit tragenden Rollen, wie beispielsweise unsere Geschichte oder die des Engineers, aber ohne das Ensemble haben sie nichts zu bedeuten. Es geht um das Geschichtenerzählen als Ganzes. Wie eine grosse Familie.

Sooha Kim und Ashley Gilmore

Bild: Michelle Brügger

Ich bohrte nach und kitzelte heraus, ob tatsächlich jeden Tag nur Friede-Freude-Eierkuchen herrscht. Meine Frage sorgte denn auch für Lacher in der Runde: «Ich stelle mir vor, es kann sich auf Tournee auch wie an einem Feiertag anfühlen. Man hat die ganze Verwandtschaft um sich, es wird stressig und irgendwann ist jeder wütend auf alles und jeden. Nun… wie fühlt es sich für euch an, jeden einzelnen Tag mit der Familie zu verbringen?»

Auf Tour sei man schon sehr aneinander gebunden und es könne sich zwischendurch schon so anfühlen. Sooha wirft ein, sie seien alle nur Menschen, was nochmal für einige Lacher sorgt. Ashley führt aus, sie hätten Urlaub und wenn die Show zu Ende ist könne jeder gehen und tun was er wolle. Sie hätten in ihrer Branche das  grosse Glück, erst um 18 Uhr mit dem Warmup beginnen zu müssen. Dadurch hätten sie den ganzen Tag zur Verfügung, um rauszugehen, zu tun was zu tun sei und sich zu amüsieren.

«What I do is I have to find Asian Supermarkets and Korean Restaurants. For me that is really important. I always bring my rice cooker with me. I’m touring with my rice cooker, because that’s what I always need.»

— Sooha Kim

Die Darsteller wohnen nicht in Hotels sondern in gemieteten Apartments, wenn sie längere Zeit am gleichen Ort auftreten. Auf diese Weise fühlen sie sich etwas mehr wie zu Hause. Dazu gehört auch putzen, einkaufen und kochen. Ashley geniesst es beispielsweise, für sich und andere zu kochen. Sooha erkundet anfangs die Stadt, um einen asiatischen Lebensmittelladen und koreanische Restaurants ausfindig zu machen. Ein wichtiger Begleiter auf Tour ist ihr Reiskocher, weil sie den ständig im Einsatz hat.

Die kleinen Geheimnisse, die es zu entdecken gilt

Neugierig wie ich bin, frage ich die beiden, ob sie mir ein kleines Geheimnis verraten könnten. Etwas, das dem Publikum nicht bewusst ist, aber erkennen könnten, wenn sie es wüssten?

Ashley zwinkert uns zu und meint, die Geheimnisse seien sehr gut versteckt. Beispielsweise die Arbeit der Techniker, die Szenenwechsel. Ein Teil des Sets werde beispielsweise von der Besetzung in Position gebracht. Man sieht es jedoch nicht, weil das Licht so clever gesetzt wird. Es seien diese Art von Dingen hinter den Kulissen, die man nicht zu sehen bekommt. Aber das sei die Magie des Theaters. Alle Zuschauer sehen, dass es passiert, aber sie wissen nicht, wie es passiert ist.

Sooha Kim

Bild: Michelle Brügger

Zum Abschluss des Interviews wollte ich von Sooha und Ashley wissen: Warum sollten sich die Leute Miss Saigon ansehen?

«People should come and watch Miss Saigon, because it’s so relevant to the world, we live in now. The key themes of the show are war, motherhood and surviving. And those are present in the world we live in. As humans we never really learned to love everyone and accept everyone’s differences. So it’s really important for people to come and experience the story that we are telling.»

— Ashley Gilmour

Bei Miss Saigon dreht es sich um das Thema Krieg und Trennung. Sooha stammt aus Korea, ein Land das getrennt ist und man gegenseitig nicht besuchen kann. Auch wenn der Vietnamkrieg lange her ist, ist das Thema noch immer sehr aktuell auf der Welt, sagt sie.

Ashley meint abschliessend: «Die Leute sollten sich Miss Saigon anschauen, weil es beispielhaft ist für die Welt, in der wir jetzt leben. Die Hauptthemen der Show sind Krieg, Mutterschaft und Überleben. Und diese sind in der Welt, in der wir leben, präsent. Als Menschen haben wir nie wirklich gelernt, jeden zu lieben und die Unterschiede aller zu akzeptieren. Es ist also sehr wichtig, dass die Leute kommen und die Geschichte, die wir erzählen, erleben.»