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Der Rohdiamant

Vor einigen Jahren traf unsere Reporterin Steffi Sonderegger den Musiker Marius Bear in einem fast leeren Café in Appenzell. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Ein Rückblick.

«Danke, dass ihr alle an mich geglaubt habt», ruft Marius Bear in die Menschenmenge des Zürcher Kaufleuten. Das Haus ist ausverkauft. 1100 Augenpaare starren gebannt auf den 25-Jährigen. Der weiss gar nicht so richtig, wie ihm geschieht. Ich kann es ihm nachempfinden.

Doppelter Whiskey

Ich weiss es noch, als wäre es erst gestern gewesen. Marius Bear – bürgerlich Marius Hügli – setzte sich mir gegenüber an einem der kleinen Tische am Fenster. Wir sind in Appenzell. Es ist ein Donnerstagnachmittag im Oktober. Das Café ist fast leer und wir kommen ins Plaudern. Es sollte ein gewöhnlicher Interviewtermin für mich werden. Bear war Teilnehmer eines Bandcontests, ich sollte die jeweiligen Künstler aus der Region porträtieren. Mangels Zeit konnte ich vorab keine grosse Recherche betreiben. Ich hatte keinerlei Ahnung, was der damals 21-Jährige für ein Typ und mit welchem Talent er gesegnet ist. Das Gespräch war dennoch angeregt. Der Strassenmusiker erzählte mir von seiner Leidenschaft zur Musik, die er im Militär entdeckte. Er erzählte von Lampenfieber und einem doppelten Whisky, der dem Problem Abhilfe verschaffte. Dass einige Leute sagten, er hätte eine besondere Stimme, erwähnte Marius Bear nur beiläufig. Überhaupt errechnete er sich keine Chance für den anstehenden Wettbewerb. Das Mitmachen stand für ihn im Vordergrund.

Zurück in der Redaktion machte ich mich ans Schreiben. Endlich hatte ich auch die Zeit, mir seinen Youtube-Kanal anzuschauen. Ein Cover der Foo Fighters zog meine Aufmerksam auf sich. Marius Bear performte Best of you auf offener Strasse. Das Video qualitativ schwach, die Stimme hingegen erstaunlich rauchig und ausdrucksstark. Was er einige Stunden zuvor beiläufig erwähnt hatte, war vollkommen zutreffend. Marius Bear war ein Rohdiamant, das war mir schnell klar. Ich behielt ihn im Auge.

Immer barfuss

Ein halbes Jahr später hatte der Appenzeller nicht nur besagten Wettbewerb, sondern eine ganze Reihe davon gewonnen. Er durfte auf zahlreichen Festivals auftreten. Ich fragte ihn für eine Reportage an. Bear willigte ein. Zu der Zeit hatte er bereits seine erste EP eingespielt und sollte mit seinen schweizerdeutschen Songs das Stars in Town vor Bligg und Patent Ochsner auftreten. Ich traf mich um die Mittagszeit mit dem heute 25-Jährigen und seiner Band. Er war sichtlich aufgeregt. Zur Nervenstärkung hatte er LED-Kerzen mitgebracht. Denn Bear mag es gemütlich und heimelig. Nur war die Bühne an diesem Tag zu gross und die Kerzen zu klein. Sein Teppich musste reichen. Kaum auf der Bühne zum Soundcheck, zog er die Schuhe aus. Was damals kaum einer wusste, ist heute allgemein bekannt: Barfuss spielen ist das Markenzeichen von Marius Bear. Es erdet in und Erdung brauchte er an diesem Tag. Doch seine Sorgen, sein Lampenfieber waren umsonst – der Auftritt kam an, das Publikum war beeindruckt von der Stimmgewalt und Präsenz des Künstlers. Mir ging es gleich. Eine solches Talent hatte ich nicht erwartet. Zu bodenständig und bescheiden war der Appenzeller im Umgang.

Noch nicht fertig geschliffen

Doch ich muss gestehen, Marius Bear gefiel mir mit seinen englischen Coverversionen besser als auf Mundart. Dass das eine rein subjektive Wahrnehmung war, zeigte die regelmässige Rotation seines Liedes Momou auf SRF3. Dennoch erstaunte es mich nicht, als ich vom Sprachwechsel erfuhr und mich kurz darauf mit dem Appenzeller über seinen Umzug nach London unterhielt. Das Talent war einfach zu gross, um es in der Schweiz klein zu halten. Der Wegzug zum Musikstudium an der renommierten Musikschule BIMM in London war für mich komplett nachvollziehbar. Das Ergebnis erschien vergangenes Jahr: Seine EP Sanity mit der gleichnamigen Single. Schnell war Bear gefragt bei Radiostationen. Seine Songs wurden hoch und runtergespielt, während ich mich morgens für die Arbeit fertig machte. Der Diamant wurde endlich geschliffen. Ich freute mich.

Die Nomination als «SRF 3 Best Talent» für die diesjährigen Swiss Music Awards war für mich keine Überraschung. Den Marius Bear bringt alles mit, was ein Künstler braucht: Talent und Bühnenpräsenz. Genau das zeigte er auch bei seiner ersten ausverkauften Show im Zürcher Kaufleuten. Ohne viel Schnickschnack und künstlerischem Getue trat er auf die Bühne, zog seine Schuhe aus und legte los. Manch einer weinte, andere tanzten, viele sangen mit. Sie alle glauben an ihn und seine weitere Karriere. Und ich gehöre auch dazu: Nach vier Jahren weiss ich, der Kerl kann was. Der hat was drauf. Der Diamant ist noch lange nicht fertig geschliffen.