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Ein vielversprechender Abend verträumter und verzerrter Klänge: Long Distance Calling, Leech, Motorowl und Darius sorgten für Post-Rock Manie im Z7. Ein Freitagabend ganz im Zeichen der Nackenschmerzen und der Gänsehaut.

Gerade vorweg: Anstatt Darius hies es für mich Stau und Regen auf der Autobahn. Glücklicherweise schaffte ich es noch rechtzeitig zum Beginn von Motorwl. Die noch junge Band aus Thüringen hat mit den zwei spannenden Alben Om Generator und Atlas und einem Mix aus Retro Stoner, Prog-Rock und Doom auf sich aufmerksam gemacht und mischt seit 2014 die Szene auf. Nun begleiten sie Long Distance Calling auf ihrer Tour und sorgen mit schleppenden Dampfwalzen-Riffs den Gegenpol zur aufmischenden Gitarrenmaschinerie.

Motorowl

Noch haben nicht viele Hörbegeisterte den Weg ins Z7 gefunden. Die allesamt langhaarigen Jungs auf der Bühne hauen nichtsdestotrotz mit vollem Elan in die Gitarren, auf die Becken oder auf die Tasten. Auf betonschwere Riffs folgen düstere Gitarrenmelodien, begleitet von einer diabloschen Hammond-Orgel, allesamt Retro angehaucht. Passend dazu die raue wie aufhellende Stimme von Max Hemmann, gleichzeitig der einzige Sänger des Abends.

Das Quintett von Motorowl liefert ein finsteres Gemisch von orgellastigen Doomriffs, rasanter Metalklampferei und psychedelischen Zwischenteilen. Die Band geniesst den Auftritt auf der Bühne, auch in der vorderen Reihen werden erste Mähnen geschüttelt. Nach 40 Minuten ist der Auftritt vorüber, ein interessantes Gegenstück zum eher Post-Rock-lastigen Abend.

Leech

Für die nächste Band ist die Erwartungshaltung schon ziemlich hoch gesetzt. Zurecht! Leech, die Schweizer Post-Rock-Pioniere, Gründerväter und Galionsfiguren der Szene haben einen deutlichen Massstab gesetzt. Mit dem neuen Album For Better or for Worse ist dies nicht anders.

Songwriting und Dynamik – beginnen die Songs noch sanft idyllisch, so enden sie mit mitreissender Gitarrenarbeit und Nackenschmerzen unter einem bombastischen Strobofeuerwerk. Alles dazwischen ist eine minutiös geplante und aufbauende Post-Rock-Aufbauarbeit. Verträumte Gitarren, Synthie und Marimba lassen eine versunkene und melancholische Soundlandschaft entstehen. Eben diese verträumten Gitarren reissen als Vorschlaghämmer mit ordentlicher Verzerrung alles wieder nieder.

Verzerrung und Gänsehaut

Die Schönheit in der Musik von Leech entfaltet sich am meisten in der Härte, wenn bei in den Höhepunkten der Stücke das Publikum mit allem beschallt wird, was die Instrumente hergeben können. Durch den Schwall verzerrter Gitarren und peitschenden Schlagzeugs jedoch hört man das nostalgische Thema des Marimba und dies verleiht dem ganzen eine gewisse Zerbrechlichkeit. Für viele vielleicht ein Detail, für mich hingegen hebt dies Leech auf eine ganz andere Schiene des Post Rocks, wenn man schafft, mit einer enormen Spielwucht dennoch eine melancholische Zartheit einfliessen zu lassen.

Erwartungen übertroffen, hypnotisiert und baff hört das Konzert nach 75 Minuten wunderschönem Wahnsinn auf. Eine Klasse für sich. Eine Band, bei welcher ich stolz alle Texte mitsingen kann.

Long Distance Calling

Der Headliner des Abends Long Distance Calling wirkt nach Leech gerade wie eine ruppige Holzfällerbrigade. Ein hämmerndes Riff jagt das nächste. Ganz im Sinne von: Dynamik laut, Songwriting noch lauter. Bissige Gitarren bellen um die Wette und flirten mit Metal. Dem Publikum werden derweil die Nacken gebrochen. Live definitiv härter als auf der Scheibe. Mit tollem Charisma und sichtlichem Spass auf der Bühne lässt das Quartett aus Münster den Funken auf das Meute los und bereitet den Zuhörern eine tolle Zeit.

Die Band hat es auf zwei Alben mit Gesang versucht, sich aber mit Boundless wieder auf die rein instrumentale Musik besonnen. Für mich allerdings mit der immer wiederkehrenden Rifferei zu wenig Abwechslung. Wirklich überzeugt hat mich die Band erst in den ruhigen und entspannteren Teilen ihrer Songs, wenn sich die Gitarren in sphärischen Höhen verlieren und das Schlagzeug mit einfachem aber antreibendem Beat einen soliden Grundgroove beisteuert und sich alles langsam zu einen Höhepunkt aufbauscht. Die anschliessenden ekstatischen Riffs gewinnen damit ebenfalls an Tiefe. Leider passierte dies zu wenig. Wer weiss, vielleicht habe ich auch einfach zu wenig getrunken.

Gitarrenschwall und Rauch

Nach fast anderthalb Stunden reinem Gitarrenschwall und Rauch ist fertig. Die dankbare Band verabschiedet sich von einem noch dankbareren Publikum. Auch wenn es toll ist, dass live die Post mehr abgeht als auf der Scheibe, so hätten Long Distance Calling des Post Rock wegens ruhig ein wenig zurückschrauben dürfen. Auch wenn sie hammerharte Riffs gelieferten haben, so waren es doch Leech, die einerseits die Fundamente erschaudern und durch Mark und Bein faszinieren konnten. Ob meine Meinung durch die Präferenz von Leech voreingenommen ist? Mag sein. Zurecht? Natürlich.