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Auch in diesem Jahr kamen Fans der Post- und Experimental-Rock-Szene am Bergmal Festival im Dynamo voll auf ihre Kosten. Wir haben uns am Samstag die volle Dröhnung Post Rock gegeben und erlagen an einer Überdosis.

Dreizehn Bands auf drei Bühnen und dies non-stop von 17 Uhr bis 1 Uhr morgens. Und dies bloss am Samstag. Anlässlich des bereits dritten Bergmal Festivals wurde erstmals ein zweitätige Ausgabe geplant. Zu den dreizehn Acts vom Samstag durften sich bereits am Freitag die vier Bands All You’ve Seen, huris., thisquietarmy und THOT zum Besten geben.

Was stand für den Samstag an? Nebst Merch, bei welchem man feuchte Augen bekommt, und Falafel, bei dem einem das Wasser im Mund zusammenläuft, durfte man sich folgende Genres nicht entgehen lassen: Unpredictable Downtempo Folk Doom, Heartbreak Post Rock, Space Jazz und Dark Electro Kraut. Klingt alles mehr als vielversprechend. Auf kurzfristigen Absagen zweier Bands reagierte das Bergmal-Team mit Bravour und holte mit A River Crossing aus Luzern und Astodan von Belgien hochkarätigen Ersatz.

A River Crossing

Die Konzertnacht beginnt früh. A River Crossing eröffnet den Samstag um 16:45 Uhr in der Cellar Stage und lockt rasch die ersten Hörlustigen vor die Bühne. Wer kommt, der bleibt, denn das Quartett baut eine trauernd-schöne Soundlandschaft auf und schwelgt träumerisch mit Songwriting-Finesse pg.lost nach. Die hallenden und sanften Melodien der Stimme betören, während sich die Gitarre in sphärische Ekstase spielt. Nach sorgfältigem Songaufbau lässt das erste Riff beherzt die Haare schütteln. Kann der Abend überhaupt noch besser werden?

Car crash weather

Lauter wird’s definitiv: Auf der grossen Roof Stage gehts mit car crash weather aus Zürich weiter. Bass und Schlagzeug bringen langsam und sicher eine schleppende Kriegstrommel-Maschinerie zu Tage, die Gitarren beissen sich in die Trommelfelle. Dann der erste Donnerschlag, lange wird nicht gefackelt: Der Schlagzeuger peitscht über die Cymbals und die Verzerrung der Gitarren treffen einen wie die Faust ins Gesicht. Kompromisslos werden Riffs serviert, die Nacken brechen könnten. Wie eine Klanglawine gewinnt die Band immer mehr an Wucht und Groove, bis sie schliesslich in flächigem Post-Rock mündet. Eine Stunde lang wagt das Quintett den Drahtseilakt zwischen mitreissenden Metalriffs und hypnotischem Post Rock – und liefert eine wahnsinnige Show ab.

Soldat Hans

Schreie hallen durch das Treppenhaus auf dem Weg zur Cellar Stage. Keine Frage, da muss Soldat Hans am Werk sein. In grünen Nebelschwaden getaucht brechen bleischwere Doom-Riffs auf die Zuhörer ein, ehe die Band zum schneckenartigen Drone Folk übergeht. Fans von Earth kommen voll auf ihre Kosten. Soldat Hans lässt dank sanften und idyllischen Melodien träumen, ehe der Keller erneut mittels dreier schonungslosen Gitarren in einen lärmigen Alptraum getaucht wird. Wer mehr will: Die Winterthurer haben im April ihr Debüt Es Taut veröffentlicht.

Preamp Disaster

Das Luzerner Quartett Preamp Disaster hat derweil die Experimental Stage erobert und beschallen die Besucher mit allem, was die Instrumente und Effektgeräte hergeben. Über harschen Stonerriffs brüllt der Sänger ins Mikrofon, der Bass gräbt sich tief in die Magengrube. Auf tranceartigen Intros wird mehr und mehr psychedelisches Gitarrenmaterial geschaufelt, bis das Post-Metal-Gewitter gewaltsam auf die Zuhörer niederprasselt. Kein Erbarmen, die Oropax scheinen nicht zu wirken.

Astodan

Anstelle des organisierten Math-Rock-Chaos von Mutiny On The Bounty präsentieren nun die Ersatzgruppe Astodan aus Belgien ihren düsteren und süchtig-machenden Post-Rock. Mit schnittigem Groove und finsterer Atmosphäre zieht die Band alle in ihren Bann. Gleich drei explosive Gitarren fahren ein verzerrtes Lärmbrett auf.

Unter einem tosenden Strobofeuerwerk wird man mit rauem Gitarrensound regelrecht überfahren. Die Band erhält die klammende Intensität über 30 Minuten lang aufrecht, indem sie Song an Song direkt aneinanderreihen. Das Set von Astodan dauert eine knappe Stunde und die Absage von Mutiny On The Bounty hat man lärmig vergessen.

H E X

H E X, das zurzeit wohl gefährlichste Westschweizer Quintett, lässt die im roten Licht gebadete Cellar Stage mit pulsierenden Electro Sounds auf ihre Grundmauern erzittern. Als hätte man nicht genug, setzt das Schlagzeug über die düstere Electro-Artillerie mit gnadenlosen Schlägen teuflische Akzente. Gleich drei Gitarren kreischen sich in einen verzerrten, dumpfen Schwall, bis man nur noch einzelne Klangfetzen der Klampfen heraushören kann.

Der echoartige Gesang von Sängerin Laure Betris lässt einen dabei langsam und sicher wahnsinnig werden. Brutal und doch unvergleichlich schön. Die repetitive Krawallpoesie von orchestralem Ausmass scheint kein Ende zu nehmen und gipfelt immer wieder aufs erneute in manischer Überlagerung von Kraut-Gitarrenarbeit, forschen und komplizierten Rhythmen und eingängigen Electro-Einflüssen. Der Geheimtipp, welcher eigentlich längst kein Geheimtipp mehr sein sollte, hat soeben den Keller zerlegt.

Toundra

Seit diesem Jahr ist das instrumentale Quartett erneut auf den Bühnen Europas unterwegs. Grund dafür ist ihr fünftes Studioalbum Vortex. Toundra entpuppt sich als Aufheizer und Muntermacher: Dank unermüdlichem und groovigem Drum kommt ordentlich Bewegung in die ersten Reihen auf. Ruhelos und rasant kollidieren wuchtige Schlagzeug-Rhythmen auf bissige Gitarrenklänge. Im grossen Saal liefert die spanische Post-Rock-Grösse eine Stunde lang einen soliden Auftritt als Headliner hin.

Her name is Calla

Auf der Experimental Stage erzählen Her Name is Calla tragisch-traurige Geschichten. Die Zauberformel liegt in der Verbindung von eingängigen Klavierthemen, welche an die Departure Songs von We Lost The Sea erinnern (Geheimtipp!) und wehmütiger Geige. Die melancholischen Melodien branden schliesslich in wütender Gitarrenarbeit.

Die Band aus Leeds absolviert gerade ihr letztes Konzert in der Schweiz. Obwohl sie im nächsten Jahr noch eine Handvoll Shows spielen, verabschieden sie sich mit dieser letzen Tour von einigen europäischen Ländern. «Fifteen years are enough. We’ve got too many kids and shitty jobs», witzelt der Frontmann. Mit dem letzen Song New England  verabschiedet sich die Band vom Bergmal und der Schweiz. Liebhaber der Band bekommen allerdings einen bittersüssen Abschied: Im nächsten Jahr soll das letzte Album von Her Name is Calla veröffentlicht werden.

Jaga Jazzist

Jaga Jazzist, der zweite Headliner des Abends, besteht aus acht verrückten Bandmitgliedern, die sich über eine Stunde lang auf verschiedensten Instrumenten austoben und dabei gehörig grooven. Die norwegische Band hat sich einen Namen gemacht, indem sie jedes Album einem komplett neuem Stil zugeschrieben haben.

Über die Jahre unterlag die Gruppe einem steten Wandel und so kommt es, dass die ehemalige Progressive-Rock-Band, Rap- und Reggae-Truppe, Polka- und Electronica-Garnison sich jetzt auf höchstem Niveau in sphärischem Experimental Rock austobt. Dieser erlebt durch die preschenden Akzente von Saxophon und Posaune einen schnittigen Groove.

Jaga Jazzist präsentierten mit dem letzten Album Starfire rocklastigen Space Jazz, welcher nach wilder Ekstase 80er Prog Rock Bands klingt. Die Truppe verwandelt die Roof Stage über eine Stunde lang zur Tanzfläche und erstaunt mit abgedrehten Sounds, nicht nachvollziehbaren Rhythmen und spielfreudigen Solos. Die Starfire-Space-Droge mit der Lizenz zum einfahren.

SPOIWO

Zum Abschluss lockt die polnische Band SPOIWO in den Keller, um nochmals in melancholischem Post Rock zu schwelgen. Die Band, welche mit ihrem Debütalbum Salute Solitude 2015 im selben Jahr zum populärsten Newcomer und mit dem besten Post-Rock-Album von Polen ausgezeichnet wurden und im darauffolgenden Jahr dazu noch zum besten Live Act gekürt wurde, verspricht einen mehr als angemessenen Schluss.

Die Band betritt mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keybaord und Synthie bewaffnet die Bühne und rasch wird einem klar, dass sie ihren Titel nicht unverdient erhalten haben. Wie keine andere Band schafft es SPOIWO mit dynamischer Finesse eine Film-ähnliche und melancholische Soundlandschaft zu errichten: Die Band baut mit pochendem Schlagzeug und zunehmendem Bass immer mehr Spannung auf, über tristen Klavierakkorden hallt die sphärischer Gitarre in tragischen Schreien durch die Kellerwände.

Schliesslich löst sich die Spannung mit hammerharten und ergreifenden Riffs auf, in gleissendem Licht tobt Gitarrist Piotr Gierzyński auf der Bühne und treibt das Lied zu seinem Höhepunkt. Das Beste zum Schluss. Ein letztes Mal zieht SPOIWO die Zuhörer in den magischen Bann des Post Rock und lässt einen für eine Stunde lang alle Sorgen und Ängste vergessen.

«Post-rock is way more than a term of genre. Post-rock is an attitude that inspires endless and eternal enthusiasm: it’s about experimenting, about exploring textures and structures; about shifting the boundaries of traditional rock instruments and song elements. With the bergmal Festival, we want to create a platform for the almost endless spectrum of experimental rock music.»

So lautet die Einleitung des Bergmal-Teams im Programmheft und besser könnte man es nicht beschreiben. Danke an das Bergmal-Team, alle Freiwilligen und Bands. Ein erneut unbeschreiblicher Abend, da reichen auch meine 1361 Wörter nicht aus. Beim nächsten Jahr bist du besser dabei, sonst verpasst du was!