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Zuckerguss und Rotz

Dream Wife spielten im Winterthurer Albani ihr erstes Konzert in der Schweiz. Es war ein unerhörtes Spektakel.

Ein trüber Dienstagabend. Immer wieder entleeren sich die grauen Wolken. Man muss sich regelrecht zwingen, hinaus in die kalte Dunkelheit. Andererseits spielen Dream Wife ihr einziges Konzert in der Deutschschweiz ebendiese Nacht. Im Januar hat dieses verruchte Trio ihr gleichnamiges Debütalbum veröffentlicht. Zuvor sorgten die drei Frauen Rakel Mjöll Leifsdottir, Alice Gough und Isabella Podpadec über Monate mit ihren Singles für Furore.

Bereits mit Kids landeten Dream Wife im Juni 2016 bei uns in den «Songs der Woche». Wenig später legten sie mit Lolita nach. Die Mischung aus Zuckerguss-Stimme, Punk-Rotz, aus DIY-Attitüde und knallhartem Feminismus – sie hat einen Bann, der bis heute anhält. Dream Wife spielen mit Klischees, jonglieren mit Genres und kokettieren mit mädchenhafter Unschuld, nur um einem dann einen Tritt in die Eier zu verpassen.

Im Grunde, könnte man zusammenfassend sagen, steht ein vielversprechender Abend im Winterthurer Albani bevor.

Ausserirdischer Dadaismus

Sunna im Albani Winterthur

Bild: Janosch Tröhler

70, vielleicht 80 Leute haben sich aus der warmen Stube getraut. Die isländische Musikerin Sunna weiht die Bühne ein. Das Klangbild dieser Loop-Künstlerin könnte nicht unterschiedlicher zu Dream Wife sein. Obskure Sound-Konstrukte verkeilen sich im Raum; und Sunna – mal singend, mal flüsternd – legt ihre Texte über die vertrackten Töne.

Derart experimentelle Musik haben die Besucher*innen kaum erwartet. Doch scheint es ganz zum Konzept der Kompromisslosigkeit von Dream Wife zu passen, einen Act wie Sunna als Startpunkt zu wählen. Bisweilen hat die Isländerin gar technoide Anflüge in der Musik, doch besonders das akustisch dargebotene Amma offenbarte die bewundernswerte Stimme. Der Song endet dann in einem dadaistischen Tonteppich, der gleichermassen archaisch und ausserirdisch anmutete.

Getrieben und teuflisch leicht

Dann kamen Dream Wife. Ein Kontrast wie Tag und Nacht. «Now let’s have a good time, shall we?», sagte Sängerin Rakel – und die Eskalation nahm ihren Lauf. Rakel mimte das Püppchen perfekt, oft mit gekünsteltem Barbie-Lächeln im Gesicht. Unterlegt mit ihrem dreckigen Sound wurde das ganze Spektakel zum bizarren Anblick. Das gehört natürlich alles zur Show, das Spiel mit den Gegensätzen.

Euphorie erfasste den Raum.

Bild: Janosch Tröhler

Der endgültige Abriss folgte mit F.U.U. – ausgedehnt zum eskapistischen Fanal. Wir wurden Zeuge einer unerhörten Energie. Angesteckt vom Fieber, befeuert durch den rohen Lo-Fi-Sound, stürzte sich das Publikum immer intensiver in den Strudel. Hemmungen wurden mit messerscharfen Riffs zerfleddert. Springen, tanzen, jubeln! Im Albani roch es inzwischen nach Schweiss, Kunstnebel und Euphorie. Frech lärmten Dream Wife, unerschrocken und unersättlich. Getrieben, aber doch mit teuflischer Leichtigkeit. Die Bedenken, die heimelige Wohnung zu verlassen, sind längst verflogen. Dream Wifes erster Auftritt in der Schweiz: Eine Wucht.

Punk is not dead, it’s changed. Und Dream Wife gehören zur Speerspitze einer neuen Bewegung. Drei Frauen, die sich auflehnen. Sie krachen unaufhaltsam gegen Konventionen. Sie wüten und poltern. Hoffentlich noch lange.


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Eskalation im Albani: Dream Wife rockten die Bude.

Bild: Janosch Tröhler