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Ben Howard – der zerzauste Kobold im Niemandsland

Die Show von Ben Howard in der Samsung Hall wird zur Geduldsprobe fürs Publikum. Er spielt sein neues Album von A bis Z durch und bastelt daraus ein experimentell-abstraktes Soundgemälde ohne tieferen Sinn.

Ben Howards Lieder wären so zierlich. Diese liebevoll-schwermütige Stimmung, getragen von luftiger, unverstärkter Akustik, unaufgeregten Gesangslinien, die er einem direkt ins Gesicht flüstert. Da und dort das Spiel mit Geräuschen, stets elegant im Dienste des Songs.

Und dann das. Ben Howard stolpert wie ein zerzauster buckeliger Kobold auf die Bühne. Das Mikro sitzt zu tief auf dem Ständer, er beugt sich darüber, als wolle er es zerfleischen, wie ein Raubtier seine Beute. An seiner Seite: acht weitere Musiker. Allein das Bühnenbild präsentiert sich schon als massiver Kontrast zu seinen Aufnahmen. Die gemütliche Stimme gehört zu einer Art Quasimodo mit Bedhead-Frisur. Und diese sanfte Meeresbrise von Musik ist plötzlich ein Ozean orchestraler Geräuschexperimente.

Keine alten Sachen

Rasch stellt sich heraus, dass man sich an diesem Abend keine alten Sachen erhoffen kann. Howard spielt sich von A bis Z durchs aktuelle Album Noonday Dream. Allerdings in total verzerrter und verdrehter Form. Seine Gitarre lässt er knurren, jammern, husten, keuchen, aber kaum je singen. Die Synths und die Streicher vermengt er zu einem klebrig-sperrigen Klangteppich, der jeden Ansatz von Spielerei oder Virtuosität im Keim erstickt. Und seine Stimme scheint er durch hundert Effektgeräte zu würgen, bis sie verzögert, verzerrt und wie ein Echo aus der Ferne in die Halle schleicht. Die akustische Aura: Schwerfällig und schwermütig zugleich.

Bild: Steffi Sonderegger

Schlecht im technischen Sinne ist das nicht gemacht. Das Lärm-Experiment wirkt beabsichtigt und bis zu einem gewissen Grad abgestimmt. Aber auch beliebig. Howard zeichnet seine Musik wie ein abstraktes Gemälde, das zumindest teilweise aus Zufall entsteht und in das sich alles mögliche interpretieren lässt, weil es keine thematischen Grenzen setzt oder sich gar über Grenzen hinwegsetzt.

Bruch mit der Unterhaltungsmusik

Viele Elemente der Songs inszeniert er als bewussten Bruch mit der Herangehensweise der modernen Unterhaltungsmusik. Songstrukturen gibt es keine erkennbaren. Die Texte sind oftmals zufällig angeordnete Zeilen, die man kreuz und quer durcheinandermischen könnte, ohne dabei den Sinn gross zu verändern. Melodien gibt es zwar, aber nur fragmentartig, und sie zerfallen im selben Augenblick wie sie entstehen, da sie sich kaum wiederholen. Rhythmus, Takt, Akkordfolgen: Diese Parameter gibts nur punktell, häufig kann man sie bestenfalls erahnen – teils nicht mal das.

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Bild: 2Stern Fotografie / Steffi Sonderegger
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Bild: 2Stern Fotografie / Steffi Sonderegger
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Bild: 2Stern Fotografie / Steffi Sonderegger
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Bild: Steffi Sonderegger

Doch den Bruch inszeniert er um des Bruches Willen. Das Experiment hat keinen weiteren Zweck als zu experimentieren. Ben Howards Interpretation des eigenen Albums fehlt es an Doppelbödigkeit. Die Beliebigkeit des klanglichen und lyrischen Inhalts beraubt es der Relevanz. Das Treiben auf der Bühne ist reiner Selbstzweck, womöglich gar ein Hohn an die Adresse des Publikums, das brav applaudiert nach den einzelnen Songs, obwohl Howard dafür eigentlich gar keinen Raum gibt. Der Applaus stört dabei fast mehr als Howards seltsames Treiben. Denn er bedeutet, dass ein guter Teil des Publikums auf diesen Schwachsinn hereinfällt – oder die totale Verständnislosigkeit kaschieren will.

Die innere Stimme

Beides ist tragisch. Denn im aufrichtigen Konzertbesucher schreit je länger desto mehr eine innere Stimme danach, dem hochgejubelten Engländer zu sagen, dass seine exzentrisch-elitäre Hipster-Kreativität ihn in ein Niemandsland geführt hat, in das ihm mangels Relevanz und künstlerischer Tiefe kein Mensch wirklich folgen sollte – und wohl ohenhin nicht wollen würde.

Womöglich begreift er das gegen Ende selber. Denn als Supplement reduziert er den Soundteppich plötzlich, spielt – teils komplett akustisch – fünf weitere Songs, darunter Cat Stevens’ Wild World in einer Depro-Version. Das hat etwas Versöhnliches. Das Experiment ist beendet. Doch die Tonalität bleibt dunkel. Bis zum Schluss.