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Wo tiefgründige Texte und emotionsgeladene Musik aufeinanderprallen, steckt meist ein gewiefter Singer-Songwriter dahinter. Im Fall von David Rhodes, kurz RHODES, sogar einer, dessen Talent beinahe nie das Licht der Welt erblickt hätte. Umso geladener wirkt die Musik des Briten, umso beeindruckender dessen Aufstieg innerhalb von zwei Jahren. Negative White traf den 26-Jährigen vor seinem Auftritt am Blue Balls Festival in Luzern. Ein Gespräch über Familie, musikalische Verletzbarkeit und ein knuffiges Zwergkaninchen.

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Foto: David Schneider

David Schneider: Fangen wir ganz am Anfang an: Du stammst aus Baldock in Heartfordshire, einem 10‘000-Seelenort in England. Ist dies tatsächlich der Platz, an dem solch emotionale und ruhige Musik ihren Ursprung finden kann oder steht dein Schaffen nur bedingt mit deiner Herkunft in Verbindung?

Rhodes: Ich finde, es kommt nicht unbedingt darauf an, wo du herkommst. Viel eher spielt das persönliche Umfeld eine Rolle. Baldock war ein sehr schöner Ort zum Leben, wenn auch sehr klein. Alles war stets in der Nähe und durch dieses Übersichtliche fand man auch spannende Charaktere, sozusagen Originale. Ein wichtiger Ort jedoch war das angrenzende Hitchin. Es war eine musikalische Umgebung, wo ich auch studierte und viele Freunde hatte. Wir haben rund um die Uhr Musik gemacht und es waren auch einige Clubs vorhanden. Ich war damals sehr an Blues interessiert, auch wegen meinem Vater. Aber auch Folk, wie zum Beispiel Cat Stevens, erhaschte meine Aufmerksamkeit. Zu diesem Zeitpunkt konzentrierte ich mich aufs Gitarre spielen, ich habe niemals gesungen. Es war eine Phase, während der wir an zahlreichen Open Mic-Abenden spielten und unter Freunden jammten.

Zum Singen kamst du dann zum Glück ja doch noch. Und zwar durch Drängen deines Vaters. Wie brachte er dich dazu, auch deine Stimme für die Musik zu nutzen?

Das war wortwörtlich an einem Familienfest im Garten eines Kollegen meines Vaters. Ihm lag schon damals sehr viel an meiner Musik und meine Stiefmutter sagte zu mir, dass es ihn sehr stolz machen würde, wenn ich mit ihm zusammen sänge. Bis zu diesem Moment hatte ich noch nie vor Leuten gesungen und war sowas von verängstigt. Ein paar Whiskys später war ich jedoch bereit dazu. Auch wenn es einfach ein Nachmittag mit ein paar älteren Leuten war, die ihre Drinks genossen, war dieser Moment für mich sehr wichtig. Denn es gab mir eine gute Plattform das Ganze mal auszuprobieren. Und da habe ich auf einmal realisiert, dass es möglich ist.

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Foto: David Schneider

Dieser Moment fand Anfangs 2013 statt, nur sechs Monate bevor du deine ersten Demotracks auf Soundcloud veröffentlicht hast. War es dir also tatsächlich möglich, von diesem Hinterhoffest ausgehend deine Stimme innert kürzester Zeit so weit zu nutzen, dass du ein halbes Jahr später bereit warst, eigene Songs zu veröffentlichen?

Ja, das war tatsächlich so. Ich war mir gewohnt Lieder zu arrangieren und komponierte sehr atmosphärisch-cineastische Klangkulissen. Und es war damals auch mein Vater der mir nahelegte Wörter zu finden, Texte zu schreiben. So kaufte er mir nach diesem gemeinsamen Gig, an welchem wir Crossroads und Ray Charles spielten, ein Mikrofon und sagte «Du musst singen, pack die Sache an». So kam alles ins Rollen. Ich begann Texte zu schreiben, welche ich meiner Freundin zeigte. Sie zeigte die Texte meinem zukünftigen Manager. Und zwei, drei Monate später wurde ich ins Programm von BBC Radio 1 aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich erst um die drei bis vier Lieder zusammen.

Es ging also alles ziemlich schnell. Dein Dad brachte dich zum Singen, deine Freundin stellte dich deinem Manager vor und kurze Zeit später warst du im Radio. Sind das Momente, auf die du heute noch verdutzt zurückschaust?

Für mich ist es immer wieder erstaunlich, dass ich mich noch an all diese Eckpunkte und Momente erinnern kann, sogar das jeweilige Datum vor Augen habe. Es ist viel geschehen in dieser kurzen Zeit und trotzdem weiss ich mit Erstaunen was wann, wieso und wo passiert ist. Ich mag dieses Gefühl, alles war sehr organisch und natürlich.

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Foto: David Schneider

Passiert ist in den Anfängen auch die Entstehung deiner ersten EP Raise Your Love, die du damals unabhängig unter Hometown Records veröffentlicht hast und welche grosse Wellen schlug. Hättest du dir je vorstellen können, dass ein solch persönliches und emotionales Album eine so immense Auswirkung haben könnte?

Nein, auf keinen Fall. Sogar heute ist es teilweise noch komisch wenn ich an das Ganze zurückzudenken. Zum Beispiel kam ich im Taxi hierher und im Radio lief ein zehnminütiger Beitrag über mich, völlig per Zufall. Das war auch ziemlich speziell. Ich war vor einiger Zeit bei denen im Studio, als ich George Ezra in Zürich supportete. Und auf einmal höre ich das Ganze im Radio, so bizarr. Dadurch stelle ich immer wieder fest, dass ich mir nie hätte vorstellen können, dass die Dinge einen solchen Verlauf nehmen. Was Erfolg für eine Person bedeutet, ist nicht zwangsläufig was ein Anderer unter Erfolg versteht. Wenn du einmal etwas erreichst, dann willst du natürlich schon den nächsten Schritt machen.

Ein solcher Weg ist auch mit Erwartungen und Druck verbunden. Wie gehst du diese Punkte an, wenn es darum geht, von einem Schritt zum nächsten zu gelangen?

Ich persönlich versuche jeden Tag so zu nehmen, wie er kommt. So wie heute: Ich bin hier und spiele am Abend eine Show. Das wird ein grosser Spass und ich werde mich ganz dem hingeben. Das ist woran ich heute denke und morgen steht das Nächste an. Ich denke zum Teil an nichts anderes als Songwriting. Mein Manager und das Label kümmern sich um die strategischen Dinge und planen, was als nächstes kommt. Zu diesen Sachen gebe ich schlussendlich mein Okay, denn normalerweise ist alles in Ordnung. Klar, wenn auf einmal grosse Shows anstehen wie das Sheperd‘s Bush Empire oder das Koko in London ist das erst einmal einschüchternd. Der Druck ist gross, aber du musst das Beste daraus machen.

Du warst bereits als Support-Act von Grössen wie Laura Marling, Vance Joy oder sogar Sam Smith unterwegs und hattest so die Möglichkeit auf Auftritte ausserhalb von England. Kannst du dich an einen Ort zurückerinnern, der dich besonders beeindruckt hat und mit deiner Musik harmonierte?

Oh ja, das Paradiso in Amsterdam war so ein Ort. Ich betrat dieses Gebäude und es war sowas von atemberaubend. Die Art, wie sich die Musik im Saal ausbreitete war einfach unglaublich. Damals war ich mit Sam Smith auf Tour und ich möchte unbedingt für eine eigene Show dorthin zurückkehren. Bestimmen wie das Ganze aussehen soll und die Lichter arrangiert sind. Das ist eindeutig ein grosser Wunsch, an diesen Platz zurückzukehren. Und dann gibt noch den Admiralspalast in Berlin. Ein wunderschönes, altes Theater mit Kronleuchtern an der Decke, komplett unberührt in seiner ursprünglichen Art.

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Foto: David Schneider

In dem Fall haben diese Orte mit ihrem Epos vieles mit deiner Musik gleich, die ja auch sehr beeindruckend und atmosphärisch auf den Hörer wirkt. Musik in die man sozusagen eintauchen kann. Ist es für dich als Musiker wie eine Art Gleiten in eine andere Welt, wenn du auf der Bühne stehst?

Für mich sind Klänge und Musik etwas, das Emotionen erweckt. Jeder Einzelne nimmt diese Dinge auf seine Art wahr, aber mich trägt es davon zu anderen Orten. Von daher kam auch meine Faszination, was Musik ohne Text in einem auslösen kann. Ich habe zum Teil Sound-Fetzen Menschen vorgespielt und sie gefragt, was es in ihnen auslöst und ob es das bewirkt, wofür es gedacht war. Ganz ohne Worte. Wenn ich also Live-Shows spiele lasse ich mich treiben und versuche mich in der Musik wiederzufinden.

Gehst du auch neue Lieder so an, dass du dir bereits beim Komponieren vorstellst, wie die Arrangements sein müssen um die Leute in eine andere Atmosphäre zu versetzen?

Normalerweise schreibe ich die Songtexte nachträglich. Zuerst erarbeite ich die Musik und die Melodien dazu und schaue, wie das alles auf mich wirkt. Von dem ausgehend mache ich mich dann hinter die Texte. Ich nehme die Sachen stets auf, habe Demos auf dem Handy oder dem Laptop und lasse mich auf die Stimmung des Stücks ein. Während des Entstehungsprozess versuche ich mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Ich mag es lieber, wenn es aus mir heraussprudelt. Und ich hasse es an Aufnahmen zu arbeiten, wenn ich zu sehr unter Druck stehe. Natürlich gibt es auch Situationen, bei welchen andere Erwartungen da sind und eine Art Deadline vorhanden ist. Aber das ist nicht mein bevorzugter Weg zu arbeiten. Mir ist es wichtig Zeit zu haben und die Musik für sich sprechen zu lassen. Das ist die ideale Umgebung für neue Songs, vielmehr als ein gedrängter Zeitplan.

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Foto: David Schneider

Wenn es um neue Musik geht, hast du einen harten Kritiker, der davonrennt, wenn es ihm nicht passt. Und dies erst noch auf allen Vieren. Erzähl uns mehr von diesem ungewöhnlichen Experten.

(lacht) Ah, unser Zwergkaninchen! Also eigentlich das Kaninchen meiner Freundin. Das ist wirklich eine lustige Sache, mittlerweile ein richtiger Running Gag. Wenn ich an neuen Ideen arbeite rennt die Kleine ins Zimmer und hört mir zu, um herauszufinden, ob es ihr gefällt. Und wenn sie dann dasitzt und es ihr nicht passt, rennt sie wieder aus dem Raum. Es ist eine tolle Sache und sie ist wirklich herzallerliebst. Was sie mag sind Beats und Drums, ein ziemlich musikalisches Haustier also.

Umso besser wenn dir die Zuschauer nicht davonrennen. Wie war es für dich als Singer-Songwriter während deinen Anfängen, als du kleine Club spieltest oder Support warst und dich mit zum Teil lautem oder gar rüpelhaftem Publikum konfrontiert sahst?

Ich kann mich diesbezüglich glücklich schätzen. Als ich begann Konzerte zu spielen, wählte ich immer sehr vorsichtig aus, wo ich auftreten würde. Wo ich aber zum ersten Mal mit solchem Publikum zu tun hatte, war während Festivals. Eines davon war The Great Escape in Brighton. Klar, seitdem habe ich schon viele andere Festivals gespielt und es wurde weniger schwierig. Aber dieser Auftritt war damals mein zweites Konzert überhaupt. Es war ein Sonntag und ich spielte in einem Pub. Stell dir vor, sonntags in einem Pub, wo die Leute seit drei Tagen kaum geschlafen haben. Das war schon ziemlich hart. Aber auch da gilt es sein Ding durchzuziehen. Und lustigerweise ist es ja meistens nur eine Person irgendwo hinten im Raum, die sich wie ein Vollidiot aufführt. Ich richte dann ein paar humorvolle Worte an diesen lauten und ruppigen Besucher, meistens beruhigt sich die Situation darauf.

Auf der anderen Seite berührt deine emotionale und atmosphärische Musik die Leute und deine Lyrics zeugen von Tiefgründigkeit. Wie oft gibt es diese Momente, bei denen Leuten nach der Show zu dir kommen und mitteilen, dass sie sich in deinen Liedern wiedergefunden haben?

Mir ist es beim Songwriting wichtig, dass ich den Leuten Raum für Interpretation lasse. Jeder einzelne Song bedeutet etwas für mich, aber ich mag es, die Stücke vieldeutig zu halten. Bei vielen Songs kamen Zuschauer nachträglich auf mich zu. Einer davon ist zum Beispiel Breathe und es scheint, als würde dieser viele Menschen ansprechen, die eine harte Zeit hinter sich haben. Die Leute erzählen mir dann, was sie durchmachen mussten. Ein Mann sagte zu mir, dass ihn seine Frau verlassen habe und in dieses Lied durch diese schwierige Phase half. Für mich ist es immer wieder erstaunlich, dass etwas, was ich in meinem Schlafzimmer geschrieben habe, jemanden so berührt. Sätze wie «Gib niemals auf» sind mehrdeutig. Für mich persönlich ist es an jemanden gerichtet, den ich gut kenne. Aber ohne zu sehr ins Detail zu gehen, kann so etwas für jeden etwas anderes bedeuten. Zum Beispiel in der Schule dranzubleiben, mehr Zeit für etwas zu investieren oder gegen eine Krankheit anzukämpfen. Es kann irgendetwas für irgendjemanden bedeuten und das mag ich. Ich finde, Musik sollte subjektiv sein. Auf jeden Fall gewisse Bereiche von Musik sollten es sein. Ich bin keine Folk-Sänger, erzähle keine geradlinigen Geschichten, sondern lasse Raum für Interpretation.

Auch deine neuste Single Close Your Eyes von deinem im September erscheinenden Debütalbum „Wishes“ lässt Raum für Interpretation. Das Video dazu erzählt verschiedene Geschichten und spielt mit religiöser Symbolik. Was steckt hinter diesem Song?

Grundsätzlich geht es in diesem Stück ums füreinander das sein. Ich will damit auch meinen Freunden ausdrücken, wie dankbar ich ihnen bin, dass sie stets für mich da waren und sie gleichzeitig wissen, dass sie auch auf mich zählen können. Meine Gedanken drehten sich auch um die schwierigen Dinge im Leben, um Probleme und Ängste. Auch um meine eigenen Ängste und Sorgen. Aber dieses Freundschaftliche ist zentral. Hätte ich nicht meine Familie und Freunde, die mich unterstützt und ermutigt haben, gäbe es meine Musik nicht. Ich würde keine Konzerte spielen und ich wäre nicht offen mit meinen Emotionen, eher verschlossen. Und es gab auch Zeiten, wo ich inmitten von mir bekannten Leuten beobachtete und mir zentrale Fragen stellte. Sachen wie Religionsfragen oder die missbräuchliche Beziehung eines Freundes. Und in allen Szenarios ist es wichtig, eine Person an seiner Seite zu haben und nicht auf sich alleine gestellt zu sein. So kommen im Musikvideo einige Geschichten vor, welche die Botschaft des Songs widerspiegeln.

Grundsätzlich ist es dir also wichtig, dass deine Lieder die Hörer auch zum Nachdenken und Reflektieren auffordern. Dass sie also auch mal hinter ihre eigene Fassade schauen. Hat deine Musik dadurch auch schon fast einen seelenheilenden Aspekt?

Ja, das ist ein schönes Gefühl, wenn Leute dadurch Hilfe erfahren. Natürlich handeln manche meiner Stücke von schlimmen Sachen, die nicht wirklich schön sind. Meine Eltern trennten sich, als ich noch sehr jung war und ich schreibe viel über diese Zeit. Dadurch versuche ich zu verstehen, wie mich das Ganze als Person verändert hat und wohin es mich in meinem Denken gebracht hat. Wem ich zum Beispiel trauen kann und welche Werte mir wichtig sind, was richtig ist und wofür Liebe steht. All dies steckt in Liedern wie Raise Your Love. Und dann gibt es Menschen, die zu mir kommen und sagen, dass sie zu diesem Song vor den Altar treten werden. Es ist ziemlich verrückt, wie unterschiedlich die Dinge gedeutet und verstanden werden können. Das mag ich sehr. Denn ich schreibe meine Lieder für die Leute, die sie schlussendlich hören. Ich schreibe nicht nur, damit ich etwas für mich habe. Ansonsten wäre ich nicht hier, sondern würde das alles in meinem Zimmer behalten und wegschliessen.

Als Singer-Songwriter packst du viel Persönliches und deine eigenen Emotionen in deine Songs, wie eben auch deine Vergangenheit. Hast du dadurch nicht manchmal Angst, dass du dich dadurch verwundbar machst, weil die Leute so viel von dir wissen?

Das ist eindeutig eines der Dinge, über die ich viel nachdenke. Vor allem wenn es um Leute geht, die du liebst und um die du dich kümmerst. Da willst du zum Teil nicht, dass sie zu viel über dein persönlichstes Denken lesen. Denn ich schreibe viel über Dinge, die meine Engsten betreffen. Also meine Eltern, meine Freundin und nahestehende Freunde. Es sind Gedanken, aber zum Teil sind es nicht die richtigen Gedanken. Manchmal kommt es mir wie ein Tagebuch vor. Und gerade da willst du nicht, dass gleich jeder davon weiss. Wenn es aber ein guter Song ist, dann willst du, dass die Leute ihn hören. Das kann schon schwierig sein. Denn zum Teil kommt eine gewisse Person auf dich zu und sagt «Um was geht es in diesem Lied? Sag mir bitte, dass es nicht darum geht». Und dann musst du Haltung bewahren und ihr gespielt versichern, dass es natürlich um was anderes geht. Du musst nicht gleich etwas erfinden, aber je nach dem ist es schon ziemlich schwierig.

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Foto: David Schneider