Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Das Programm wirkt vielversprechend, das Wetter weniger. Wie tausend andere Festivalbegeisterte pilgerte ich am 14. Juli auf den Gurten, allerdings zum ersten Mal. Was mich wohl erwarten würde?

(Foto: Gurtenfestival/konzertbilder.ch)

(Foto: Gurtenfestival/konzertbilder.ch)

Mit grosser Vorfreude blicke ich auf meinen allerersten Besuch beim Gurtenfestival. Das Line-Up vom Donnerstag (Hust, Muse) hat es mir besonders angetan. Kaum verlasse ich mein Haus, versucht schon wieder der Regen mir meinen Abend zu vermiesen. Wetterprognosen versprechen Regen und arktische Kälte (um die 12°C), also ein typisch britischer Sommertag.

It’s a long way to the top, if you wanna rock’n’roll

Die Wahl zwischen der Gurtenbahn oder dem Fussweg fällt sportlich aus. Mit einem, zwei, vielleicht auch mehreren Bieren (Anzahl der Redaktion bekannt) wirkt der Aufstieg eher wie Frodos und Samweis‘ Odyssee am Schicksalsberg. Aber das gehört wohl dazu. Frank Turner macht sich über den Hügel bemerkbar, seine Stimme dröhnt durch die Wälder und beschallt die wandernde Masse.

 

Frank Turner sorgte für gute Stimmung (Foto: Gurtenfestival/konzertbilder.ch)

Frank Turner sorgte für gute Stimmung (Foto: Gurtenfestival/konzertbilder.ch)

Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffen wir es vor die Hauptbühne: Frank Turner spielt Lemmy’s Ace of Spades, Seifenblasen aus dem Publikum erfüllen die Luft und die Sonne vertreibt die letzten Wolken. Wo bin ich hier gelandet? Ist das das Nirwana, das Elysium oder doch bloss der Gurten? Frank Turner singt sich die Seele aus dem Leib, sein rauchiger Folk-Rock verbreitet gute Laune und manische Bewegung in die Meute, oder mit Four Simple Words: I want to dance! Die Spielfreude springt über, der charismatische Auftritt vom Frontmann und seiner Band The Sleeping Souls wird mit einem dankbaren Publikum belohnt. Tanzen, mitgröhlen, moshen und mitklatschen. Selbst ein ein schweizerdeutsches Lied (vermutlich Mani Matter) hat Turner gesungen; oder er hat es zumindest versucht.

Son of a bitch, give me a drink

Die Smoothness in Person erobert die Zeltbühne. Nathaniel Rateliff & The Night Sweats. Mein Soundtrack zur Stunde. Musik zum Verlieben. Auch wenn das Zelt rappelvoll ist, so bleiben doch keine Hüften ruhig. Songzitate wie «I really wanna shake Baby» passen genauso gut zur Beschreibung des Gigs wie «We were howlin‘ at the moon». Sein R’n’B lädt zum dezenten Mitschnippsen ein, soliert sich aber auch gerne mal in Ekstase. Vielleicht ist der kleine bärtige Frontmann ja ein verschollener Blues Brother? Im Auftrag des Herrn unterwegs, um Swing und Euphorie auf die Zeltbühne zu bringen.

(Foto: Nathaniel Rateliff/Facebook)

Gute Stimmung mit Nathaniel Rateliff & The Night Sweats (Foto: Nathaniel Rateliff/Facebook)

Die Berner würden ihn wohl als einen «lässigen Cheib» bezeichnen. Eine tolle Show, man möchte den ganzen Abend weitertanzen. Gegen Schluss des Konzerts ertönt endlich und leider schon mein Motto des Abends: «Son of a Bitch, give me a drink! If I can’t get clean I’m gonna drink my life away». Gesagt, getan.

Folk zum Sonnenuntergang

Ho Hey lockt uns nun erneut vor die Hauptbühne. Dort ist es bereits brechend voll. Enger als in einer chinesischen U-Bahn quetschen wir uns durch die Leute. Das Tolle am Gurten ist, das man von fast überall auf die Bühne sehen kann, dennoch herrscht vor der Rampe die beste Stimmung (die Legende besagt es zumindest). Sänger und Gitarrist Wesley Schultz verzaubert und entführt die Menge in seine fröhliche und melancholische Folkwelt.

The Lumineers (Foto: Gurtenfestival/konzertbilder.ch)

The Lumineers (Foto: Gurtenfestival/konzertbilder.ch)

Die Sonne geht langsam unter The Lumineers tragen bestens zu einer gelassenen und harmonischen Atmosphäre bei. Der Funke springt über. Ob alleine zu Slow It Down oder mit der Band Classy Girls zu spielen, die ruhige Stimme von Schultz lässt träumen. Der Druck wird immer grösser, ich halte es nicht mehr aus. «It’s better to feel pain, than nothing at all», diese Worte begleiten mich bis zum Toi-Toi, wo ich dringend meine Blase entleeren muss. Passt.

Das grande Finale

Ausgerüstet mit Speis und Trank beginnt nun die Wartezeit von über einer Stunde auf Muse, auf Senslerdeutsch «mitti mittz» – mittig vor der Bühne. Langsam wird es kühler und dunkler. Die Spannung und Vorfreude steigt dafür ungemein. Kurz nach 23 Uhr ist es soweit: Mit dem Drill Sergeant-Intro betreten Muse unter tosendem Applaus die Bühne und spielen Psycho an.

And the mob goes wild. Der Gurten formt sich zur hüpfenden Masse, sprühend vor Endorphinen und tobend als gäbe es kein Morgen. Mitgesungen werden Text, Bass- oder Gitarrenriffs und Solis, also eigentlich fast alles. Nach Plug in Baby (einer meiner Favoriten) fehlt mir schon die Stimme. Mit Bellamys hoher Stimme mitzuhalten wird zum Kraftakt. Muse reisst mit und lässt nicht mehr los, ein Hit nach dem anderen wird gespielt.

Neben meinem Stimmverlust macht sich ebenfalls eine permanente Gänsehaut bemerkbar. Fäuste werden in die Luft gereckt, die Seele aus dem Leib geschrieen. Die Beine werden müde, doch Körper und Geist geben nicht auf. Als Bassist ausser sich vor Freude, dass ich endlich einmal Hysteria mit anschliessendem Back In Black Outro live hören kann – now I can finally die in peace. Das Trio wird von einer packenden Bühnen- und Lichtshow begleitet, nichts für Epileptiker.

Muse hauten voll rein (Foto: Gurtenfestival/konzertbilder.ch)

Muse hauten voll rein (Foto: Gurtenfestival/konzertbilder.ch)

Schweissgebadet und überglücklich erlebt das Publikum ein abwechslungsreiches Set, welches von Knallern wie Stockholm Syndrom bis epischen Balladen wie The Globalist (ja, wobei auch dieser Song einige hammerharte Riffs innehat) reicht. Nach anderthalb Stunden folgt nach dem Choral Drones noch die Zugabe, startend mit Uprising. Der ganze Berg singt mit. Gurten bebt und lebt. Ein unvergesslicher Moment. Nach Mercy stimmt Chris Wolstenholme (der verdammt nochmal coolste Bassist) mit der Mundharmonika Spiel mir das Lied vom Tod an – das Intro zum letzten Song Knights of Cydonia. Spannung wird aufgebaut, welche sich ein allerletztes mal beim Schlussriff heftig ausbricht und den Gurten in einen Hexenkessel verwandelt. Ein unvergleichlicher Schluss einer unvergleichlichen Band.

Garten/Gurten Eden

Fazit: Kein Regen, eine ausgelassene Atmosphäre und überzeugende Acts. Erwartungen übertroffen. Glücklich und doch niedergeschlagen à la «Warum muss dieser Abend schon enden» trotten wir langsam den Gurten wieder hinab. Der Olymp wird verlassen, der Muskelkater erobert Arme und Beine. Trotzdem – I’m feeling good! Bis zum nächsten Jahr!