Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Mando Diao sind vieles; Newcomer, Aufsteiger, Profis. Aber eines sind sie ganz besonders: wandelbar. In der Schweiz waren die Schweden schon ein paar Mal zu Gast, doch das Konzert am 25. November im Komplex 457 war eine ganz neue Erfahrung. Bericht über einen seltsamen, tollen Abend.

Mando Diao nahmen das Klima auf der Bühne sehr ernst. (Foto: Matthias Hoffmann)

Mando Diao nahmen das Klima auf der Bühne sehr ernst. (Foto: Matthias Hoffmann)

Wer diesen Mittwochabend dachte, er könne die Wochenmitte mit einem coolen Konzert ohne grosse Nebenwirkungen zelebrieren, der hat sich getäuscht. Auch die Witzbolde, die beim letzten Konzert der schwedischen Rockband Tumult gemacht hatten und dachten, sie könnten das wiederholen, die haben sich getäuscht. Und wer bereits die Vorband miterlebte, der fragte sich erst einmal zu Recht: was soll das?

Punch To Add Drama

Kristal and Jonny Boy, so hiess das ominöse Duo, das zum Stimmungmachen verdammt wurde, haben keinen Wikipedia-Eintrag, aber wer braucht das schon, solange es die Facebook-Fanpage gibt. Das dünne Mädchen in schillernd blauen Sport-Shorts und der etwas krank aussehende Gitarrist, der Engelsflügel auf dem Rücken trägt, bieten kein Konzert, sondern eine sonderbare Mischung aus Theater, Tanzshow und Musikeinlage. Befremdlich, dass Kristina Hanses dabei eine Maske so auf dem Kopf trägt, dass sie zu Boden schauen muss, um den Blickkontakt mit dem Publikum zu imitieren, geradezu beängstigend, wie ausdruckslos ihr Engel dabei zusieht. Geradezu Gessneralleeisch wirkt die Soundinstallation: «Punch To Add Drama» steht auf einem Schild über drei riesigen Buttons, die je ein seltsames Geräusch von sich geben, wenn man auf sie einschlägt. Amüsant, aber auf die Musik konzentriert sich da niemand mehr; spätestens als die Sängerin zu tanzen beginnt, auf eine Art, die weder wild noch beruhigend wirkt, und ihr Hinterteil dazu auf eher aufdringliche Weise bewegt (was immer noch um ein Tausendfaches eleganter wirkt als das leider nur zu bekannte twerken), sagt sich der Mando Diao-Fan: das ist ein Scherz.

Eine Wiedergeburt

Doch als die Protagonisten des Abends schliesslich auf die Bühne treten und einige Songs spielen, merkt der treue Kenner, dass ab jetzt alles anders ist. Auch wenn es sympathisch ist, dass die Sänger Björn Dixgård und Gustaf Norén, die nur in Aladdin-Hose und ein Frottéetuch, das sie sich um den Hals geworfen haben, endlich eine Lösung zum Problem des Sauna-Feelings auf der Bühne gefunden haben, so erinnert doch nichts an die frechen, rockigen Kerle, die auf dem Album Cover von Give Me Fire! (2009) verschmitzt durch die Sonnenbrille grinsen oder in Krawatte und Lederjacke um Gloria (Give Me Fire!) werben. Diese Männer sind nicht mehr zwanzig, und sie haben wohl ein bisschen etwas dazugelernt; Lärm machen ist eben nicht alles. Aggression muss nicht durch aggressives Verhalten kommuniziert werden; auch wenn das fast schon schade ist, bei all der Wut, die sie immer so gekonnt in positive Energie umwandelten. Der Fan kann sich viele Fragen stellen: Wo sind meine Rebellen hin? Warum sind die restlichen Bandmitglieder dazu verdammt, in weissen Morphsuits und mit ausdruckslosen Masken eine derart emotionale Show zu spielen? Und darf man das überhaupt, kein Oberteil tragen auf der Bühne (und das schon nach dem dritten Song…)?

Eine musikalische Meisterleistung

Etwas ist bei all den Zweifeln, Fragen und Absonderlichkeiten unbestreitbar: Mando Diao bringen Höchstleistungen, immer wieder, und immer anders. Sie wissen, dass jeder im Publikum Dance With Somebody hören will, dass sie die Frauen mit Gloria kriegen und dass Nostalgie mit dem absolut genialen Mister Moon hervorgerufen wird. Dennoch spielen sie vor allem neue Songs, viele Klassiker werden ausgelassen; und – das ist der Clou – keinen stört’s. Keiner hat’s gemerkt. Und prompt kommt ein Stück in Schwedisch, und jeder denkt sich, warum auch nicht? Die beiden Sänger singen nach wie vor unvergleichlich gut, und die Band macht noch immer verdammt gute Musik, und sie wird es auch immer tun. Die einzige wichtige Frage, die bleibt, ist, wie es weitergeht; war das nur ein kleiner Abstecher in die für nicht-Theaterpädagogen unzugängliche Welt der Farb- und Lichtspiele oder wird man den Zug zurück in die «Wirklichkeit» wieder finden? Und schlussendlich ist auch diese Frage irrelevant; solange die schwedische Band weiterhin genial bleibt.