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Molllust aus Leipzig nehmen den Begriff Opera Metal wörtlich und stellen sich mit Sopran, Klavier, zwei Violinen, Cello und Kontrabass ungewöhnlich klassisch auf. Mit ihrem zweiten Studioalbum «In Deep Waters» gehen sie mit Orphaned Land und Stimmgewalt auf Akustik-Tour.

In Aschaffenburg scheint die Besetzung stark dezimiert: Die zweite Violine ist durch die Arbeit verhindert, Sänger Frank hat gerade eine Erkältung hinter sich gebracht und Sängerin Janika Gross kämpft gerade mit ihrer eigenen Mittelohrentzündung. Aber die Show muss natürlich weitergehen und Janika nimmt sich die Zeit, uns einige Fragen zum frisch veröffentlichten Album In Deep Waters zu beantworten.

Jannika Gross von Molllust will zum Nachdenken anregen (Foto: Khanh David To Tuan)

Janika Gross von Molllust will zum Nachdenken anregen (Foto: Khanh David To Tuan)

Negative White: Ihr seid gerade mit Orphaned Land auf Tour und habt gerade ein neues Album herausgebracht.

Ja, In Deep Waters. 75 Minuten symphonischen Metal mit viel orchestralen Stücken für Leute die klassische Musik und Metal mögen. Jetzt auf der Tour präsentieren wir allerdings die akustische Fassung davon. Die Metal-Seite muss ein kleines Bisschen zurückweichen und wir zeigen uns im klassischeren Gewand.

Aber es war vorher auch schon recht klassisch, richtig?

Das liegt auch ein wenig daran, dass ich als Songschreiber ursprünglich aus der Klassik komme und nicht aus dem Metal. Damit habe ich zur Klassik einen anderen Zugang als jemand, der hauptsächlich Metal macht und dann versucht, die Klassik einzubauen. Bei mir ist es eher, dass ich mir Metal erschliessen musste. Für mich sind die beiden Stilrichtungen so, als ob man mit verschiedene Soundfarben malt. Die klassischen sind eher die sanfteren und weicheren Farben, der Metal ist das Aggressive. Je nachdem, was ich ausdrücken möchte, nutze ich verschiedene Instrumente und auf diese Weise dem Ausdruck des Stückes entsprechend den Sound.

Du weisst bereits wie das Lied klingen soll und baust es dir zusammen? Oder entwickelt es sich von einem Part zum anderen?

Ich schreibe tatsächlich altmodisch wie die alten Komponisten: Ich sitze an meinem Rechner und habe eine Partitur vor mir und male quer durch die Stimmen Noten. Ich habe in meinem Kopf ein recht konkretes Bild und notiere es. Als erstes gibt es immer das Grundthema, dann wird der musikalische Verlauf gebaut, in dem ich genau weiss, was in welchem Teil text-technisch passieren soll. Die ganz konkreten Worte kommen meist zum Schluss.

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Wie wichtig sind denn eigentlich die Worte? Wenn man sehr klassisch singt, ist das für manche schon fast nicht mehr zu verstehen. Sind die Worte nur noch ein Träger für Noten?

Das würde ich so nicht sagen. Es ist natürlich immer schwierig einen Sopran zu verstehen. Aber wir haben ja alle Texte mit ins Booklet und auf die Homepage gepackt, damit auch Leute nachvollziehen können, was wir zu sagen haben. Auch jemand unsere Konzerte besucht, wird feststellen, dass ich immer zwischen den Stücken etwas dazu sage, was in den Stücken passiert. Mir ist wirklich wichtig, dass Leute auch wissen, wovon wir eigentlich singen. Wir haben viele gesellschaftskritische Dinge aufgegriffen; und ich finde es ganz gut, wenn wir zumindest zum Nachdenken anregen.

Ihr habt jetzt auch englische Stücke. Wie kam es dazu?

Wir haben bei Schuld, unserem ersten Album, die Rückmeldung aus dem Ausland bekommen: «Das klingt ja alles total cool, aber wir verstehen leider gar kein Wort». Wir haben damals Deutsch genommen, da wir in unserer Muttersprache mehr Ausdrucksmöglichkeiten haben als in einer Fremdsprache. Beim Nachfolger haben wir einen Kompromiss geschlossen und globalere Themen bevorzugt auf Englisch geschrieben, persönliche Themen im Deutschen belassen. Es hat sich merkwürdig angefühlt, persönliche Themen in einer Fremdsprache zu texten. So versuchen wir die Waage zu halten, sodass wir auch ausserhalb von Deutschland verstanden werden, aber unser etwas persönliches von unserer Muttersprache erhalten bleibt und wir unsere Wurzeln nicht verlieren.

Molllust_Aschaffenburg

«Ich liebe einen sehr natürlich Sound mit einer sehr grossen Bandbreite» (Foto: Khanh David To Tuan)

Ihr scheint ja wirklich auf die Wünsche eurer Fans einzugehen, euer Album wurde ja auch über Crowdfunding finanziert.

Es ist eine Gratwanderung. Man kann nicht alles nach Wünschen schreiben, man hat ja auch selber eine Vorstellung von dem, was man machen möchte. Aber wir sind immer offen für Feedback und versuchen sie einfliessen zu lassen, wenn wir das Gefühl haben, es ist konstruktiv, bringt uns weiter und ist der Musik zuträglich. Das Zauberwort an dieser Stelle ist Balance.

Wollt ihr bei dem Modell Crowdfunding bleiben oder ist ein Label das endgültige Ziel?

Wir haben uns auch tatsächlich nach Labels umgesehen, aber schlichtweg noch nicht das Richtige für uns gefunden. Und ist es wichtig, dass uns das Label nicht beschneidet und wir unsere künstlichere Freiheit behalten. Das ist nicht immer ganz einfach. Zum anderen stecken wir sehr viel Herzblut in die Geschichte. Aber gerade als kleine Band wird man beim Label ja oft unter «ferner liefen» behandelt. Ich glaube weder das Crowdfunding noch das Label ist der Allheilsweg. In den unterschiedlichen Stadien einer Bandentwicklung ist mal das eine, mal das andere hilfreicher. Von daher kann ich gar nicht genau sagen, wo die Reise hinführt. Wir werden immer versuchen den Weg zu finden, der uns und unsere Musik am besten weiterbringt.

Was hältst du denn vom Thema digitale Musik? Wie geht ihr damit um?

Ich sehe das Thema zwiegespalten. Einerseits ist es toll, dass Musik auf diese Weise leichter zugänglich wird. Eine CD irgendwo nach Alaska zu schicken ist schwieriger als ein File über die Leitung zu laden.
Andererseits lebt eine CD aber auch dadurch, dass man Stücke hat, die auf dem ersten Hörgang sofort zugänglich sind und wiederrum Stücke gibt, die beim vierten, fünftem Hören so langsam erst ins Ohr gehen und ihre Wirkung entfalten. In dem Moment, wo Menschen nur noch die eingängigsten Stücke herunterladen und die Rosinen rauspicken, nehmen sie sich selber viel. Das fällt mir schwer, das finde ich sehr schade. In dem Moment, in dem es als Gesamtwerk geladen wird, stört es mich nicht mehr ganz so. Was natürlich auch die Schattenseite hat, dass es super einfach illegal herunterzuladen ist. Beim Künstler kommt dann überhaupt kein Geld mehr an. Wir wollen mit der Musik nicht reich werden, aber zumindest unser Album refinanzieren.

Vor allem in Hinblick auf das nächste Album!

Genau, gerade bei einer aufwändigen Kompositionen mit vielen Instrumenten ist es alles andere als billig aufzunehmen. Irgendwoher muss das Geld dann kommen!

Du hältst auch am Modell Album fest? So manche Künstler würden nur zwei bis drei Songs alle paar Monate releasen und wenn die 15 voll sind gehen sie auf Tour.

Ich versuche schon diese Mischung zu erhalten. Ich persönlich liebe sehr komplexe Werke. Wenn ich den Leuten plötzlich 15 sehr komplexe Werke vorsetzen würde, wäre das nicht gut. Es braucht Sachen, in die man leichter hereinkommt und Sachen, in die man sich tiefer einhören muss. Genau das ist mit den digitalen Songs schwierig.

Ich habe den digitalen Download eures Albums. Mir kommt es so vor, als wäre er leicht übersteuert. Habt ihr da Einfluss darauf, oder habt ihr das anders wahrgenommen?

Es mag sein, dass du das Mastering meinst. Das ist letztendlich eine Geschmacksfrage, wie sehr die Kompression angezogen wird. Das ist tatsächlich eine Sache, mit der ich jedes Mal mit unserem Produzenten sehr hart diskutiere.

Ich persönlich liebe einen sehr natürlich Sound mit einer sehr grossen Bandbreite. Das ist allerdings dann ein Problem, wenn du es mit vielen anderen Bands gegeneinander hörst und dein Track plötzlich ultraleise losgeht und fast verschwindet. Leute drehen ihre Stereoanlage auf und wenn das Ding richtig losgeht, rennen sie wieder zur Anlage und drehen sie runter. Das ist immer ein Kompromiss, wie sehr wird das Ganze komprimiert um die Dynamik noch zu erhalten, aber zeitgleich mit anderer Musik zusammen hörbar gemacht. Ich bin mir da nie mit unserem Produzenten einig!

Es gab schon eine Tendenz, es noch stärker zu komprimieren, es hat sich schon etwas gelegt. Wir haben es extra analog gemastered, um diesen Effekt zu minimieren. Für meine Ohren würde ich auch manchmal sagen, ich würde es noch weniger komprimieren. In dem Moment würde mir aber jeder, der eine Playlist für den Discoabend zusammenstellt, einen auf den Deckel hauen.

Molllust nach ihrem Auftritt in Aschaffenburg, Deutschland (Foto: Khanh David To Tuan)

Molllust nach ihrem Auftritt in Aschaffenburg, Deutschland (Foto: Khanh David To Tuan)