Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Nach 35 Jahren im Dienste des Metals gehen Mötley Crüe, gezeichnet vom Rad der Zeit, äusserst würdig in Rente. Bei ihrem letzten, spektakulären Auftritt in der Schweiz in der St. Jakobshalle in Basel stand nicht nur Drummer Tommy Lee Kopf.

Gibt es eigentlich etwas Extravaganteres auf einer Bühne als das «Crucify Drum Solo»? Wohl kaum. Das rollercoasterähnliche Gefährt, lässt das gesamte Schlagzeugkit über den Köpfen des Publikums vor und zurück fahren und dreht den Schlagzeuger sogar kopfüber. Ein Traum, der in Erfüllung ging, meinte Drummer Tommy Lee. Und ein Specialeffekt, den man bestimmt zig Mal bestaunen kann.

Das bekannte Horrorkabinett von Alice Cooper

Da kam die ständig gleichbleibende Gruselshow von Alice Cooper im Vergleich doch langsam abgedroschen daher. Es sind immer wieder die gleichen Albträume, welche man an seinen Auftritten durchlebt: Das übergrosse Frankensteinmonster, die fette Schlange, die Guillotine und die Zwangsjacke mit der irren Krankenschwester. Diese Elemente der Show von Cooper bleiben wohl unverändert, aber auch er hat sich kaum gewandelt und das nun im positiven Sinn.

Trotz seines beachtlichen Alters von 68 Jahren stand er in alter Frische auf der Bühne und strotzte noch immer voller Energie. Manchmal hätte sich das Publikum zwar eher gewünscht, Cooper würde etwas weniger energievoll auf der Bühne herumspeeden und dafür sich mehr Mühe geben beim Treffen der Töne, aber als Begleitband für die grosse Abschiedstournee von Mötley Crüe war Alice Cooper im Grossen und Ganzen eine gute Wahl.

Exzess bei Mötley Crüe

Mötley Crüe waren am Montag bei ihrem letzten gemeinsamen Auftritt in der Schweiz keine grossen Freunde von emotionalen Ansprachen. Lieber liessen sie Taten sprechen, ihre Instrumente dröhnen und die Mötley-Tänzerinnen wirbeln. Nicht nur das «Crucify Drum Solo» war ganz gross, auch der Rest der Show sehr bombastisch. Feuerbälle, Funkenregen, Laserstrahlen und Papierschlangen schossen in alle Richtungen von der Bühne und zum Schluss wurden Vince Neil und Nikki Sixx mit einer Schiene über die Zuschauer gehoben. Die Band wurde ihrem exzessiven Image gerecht.

Der Abend versprach schon früh ein Happy Ending. Schon zum Start preschten die vier Herren mit Girls, Girls, Girls los, was das Publikum per sofort in Fahrt brachte. Insgesamt verhielt sich das Publikum über das ganze Konzert gesehen zwar sehr ruhig, was gar nicht zur generellen wilden Aufmachung passte. Die vom Alter her durchmischten Fans waren zum Teil passend glamrockmässig unterwegs mit Haarspray-Mähnen, Motorrad-Lederjacken und Bandanas.

Es war erstaunlich, dass sich so viele U30er unter den Zuschauern fanden, denn seit den 90ern war ja der Hype um die vierköpfige Band aus Los Angeles nicht mehr ganz so gross. Aber wo man hinhörte vor, während und nach dem Konzert: die ältere Generation berichtete den jüngeren Anwesenden mit leuchtenden Augen stolz von den früheren Auftritten der Crüe. Freude, die mitreisst. Mit 35 Jahren Bandgeschichte kamen da bestimmt einige Stories auch seitens der Fans zusammen.

Aus allen Löchern pfeifend, schossen sie aus allen Rohren

Aber auch wenn man die Band nicht von erster Stunde an verfolgen konnte, die Songs kennt man, wenn man sich in der Szene bewegt. Und ich fand, Mötley Crüe performten ihre Hits wie Wild Side, Same Old Situation, Dr. Feelgood und natürlich der Burner zum Schluss Kickstart My Heart, bei dem dann doch die ganze Fangemeinde Kopf stand und sich der eine oder andere vor der Bühne wie ein Rockstar fühlte, überzeugend und ohne grosse Müdigkeit.

Auch der optisch fast schon Scheintote, schwerkranke Mick Mars zupfte an seiner Gitarre als gäbe es echt kein Morgen mehr. Nach dem wortwörtlichen bewegten Drum Solo – das bei einigen Zuschauern zwar Kopfschütteln, wegen der Drum’n’Bass-Mucke auslöste – legte auch er ein bravouröses Solo ein. Da wurden ein paar Geister offensichtlich nochmals zum Leben erweckt. Wenn man etwas erreichen will, soll man einfach daran glauben und weiter machen.

Das haben die Herren wohl getan und so ihre Träume verwirklicht. Die Show wurde mit dem Stück Home Sweet Home, welches die ganze Truppe vom Mischpult in der Mitte des Joggelis spielten und Videoclip-Einspielungen von jüngeren Tagen, ehrenhaft abgeschlossen. Ein echt geniales Konzerterlebnis.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann stehen sie vielleicht noch heute auf dem Parkdeck bei der St. Jakobshalle. Denn von dort gab es fast kein Entkommen mehr an diesem Abend. Ein etwas mühsamer Abschluss, wenn man fast eine geschlagene Stunde warten muss, um abfahren zu können; das muss noch gesagt werden.