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Missbrauch durch Frauen ist immer noch ein Thabuthema. Also reden wir darüber.

«Mutter missbraucht Sohn» titeln die Zeitungen in den letzten Tagen. In den Artikeln unter den Headlines wird nicht nur das Martyrium des Kindes beschrieben, sondern meistens noch darauf hingewiesen, dass eine pädophile Mutter eines der grössten Tabuthemen unserer Gesellschaft ist.

Was ich nur bestätigen kann.

Ich hab‘ nämlich auch so eine.

Der böse Mann im Schatten

Über dieses Thema zu sprechen, ist aus verschiedenen Gründen schwierig. Zum einen ist die Formulierung Kindesmissbrauch mit dem Bild eines erwachsenen, männlichen Triebtäters belegt, der kleine Kinder in seinen Van oder seinen Keller lockt. Diese Vorstellung geht mit einem eregierten Penis einher, der in eine kindliche Körperöffnung gezwängt wird.

Frauen haben keine Penisse. Und wenn sie kleine Mädchen missbrauchen, dann ist der sexuelle Übergriff lange nicht als solcher erkennbar. Mütter waschen und wickeln ihre Kinder. Tatsächlich ist es unumgänglich, die Genitalien eines Säuglings gut zu versorgen, sonst entzündet sich der Hintern in der Windel.

Frauen haben bei dem, was früher als «unsittliche Berührung» galt, einen viel grösseren Spielraum. Daneben kommt noch ein sehr unschöner Mechanismus zum Zug: Es ist das (pornographische) Bild der sexy MILF, die einen Jüngling verführt. Ein bisschen unanständig, ein bisschen Porno, und etwas, wovon angeblich jeder Mann träumt. Aber Pornos haben noch nie die Realität wieder gegeben.

Das Kind hat halt eine lebhafte Fantasie!

Als betroffenes Kind merkst du nicht, dass es nicht normal ist, Schokolade in Körperöffnungen gestopft zu kriegen als Strafe dafür, dass du welche stibitzt hast. Gerade weil Sextäter ihre Übergriffe gern legitimieren.

Ich war ein pummeliges Kind und meine Mutter musste mir den dicken Bauch «wegmassieren». Das war mir unangenehm, nicht zuletzt deswegen, weil sie mit der Massage schon unterhalb des Bauchnabels begann und sie ihre Hände tiefer wandern liess. Ausserdem massierte sie nicht, sondern kratzte und kniff.

Später verfeinerte sich das Schema. Sobald etwas geschah, dass man gastronomisch auslegen konnte, grapschte sie mir zwischen die Beine. Um mich daran zu erinnern, dass ich nicht essen dürfe.

Die Übergriffe begannen zu einer Zeit, als die elterliche Gehirnwäsche noch nicht vollends funktionierte. Ich kniff der Mutter einer Kindergartenfreundin in den Hintern, weil besagtes Hinterteil eben doch recht dick war. Ich hielt das für das angemessene Verhaltensmuster gegenüber übergewichtigen Menschen. Die Frau reagierte zurecht empört, und ich erklärte ihr meine Sicht der Dinge. Sie brach den Kontakt zu unserer Familie ab, wohl nicht zuletzt, um ihre eigene Tochter zu schützen.

Im Nachhinein ist das nicht die Reaktion, die ich mir gewünscht hätte, aber ich kann sie sehr gut verstehen. Die Frau hatte wohl nicht zuletzt Angst vor meinem Vater. Und dazu hatte sie vermutlich auch allen Grund. Mehr dazu später.

Eine andere Mutter reagierte deutlich fragwürdiger. Ich erzählte nicht nur, was geschehen war, ich machte auch Zeichnungen und legte dabei ein Wissen über Sex an den Tag, dass kein Kind in dem Alter haben sollte. Diese Frau rief meine Mutter an und forderte sie auf, ihre Tochter «enger an die Leine zu nehmen», weil ihr Sohn immer so zotig daher reden würde, nachdem ich zu Besuch gewesen sei.

Obwohl es genügend Indikatoren gegeben hätte, die Lehrer und andere Mütter hätten hellhörig machen sollen, hatte ich schon in der Primarschule den Stempel einer Lügnerin, die Realität und Fantasie nicht unterscheiden konnte.

Und der Vater?

Mein Vater ist ein schwacher Mensch, der Probleme mit Gewalt oder Anzeigen löst. Beruflich ist er als Jurist tätig und hat eine recht schillernde Karriere gemeistert. Ausserdem hatte er den Schrank voller Schusswaffen.

Er hat mich nie angefasst – ausser, um mir Ohrfeigen zu geben.

Er wollte mit dem «Zickenkrieg», wie er es nannte, einfach nichts zu tun haben. Nach der Arbeit verbarrikadierte er sich mit Wein in seinem Büro. Wenn ich versuchte mit ihm zu reden, war er freundlich-desinteressiert. Aber er hielt seiner Frau immer die Stange, indem er den Missbrauch bagatellisierte. Sie sei halt etwas extrem, was die Diät angehe, ich solle mich doch nicht so provozieren lassen. Selbst als sie ihn aus dem Ehebett warf und mich hinein holte, hatte er nichts zu sagen.

Bis heute hält er daran fest, dass unter seinem Dach nichts Schlimmes passiert ist.

Das Kind ist halt verrückt

Als ich klein war, glaubte ich meinen Eltern ihre Lügen. Wenn du in ein Netz aus Gehirnwäsche-Mechanismen hinein geboren wirst, hast du keine Chance, dich zu entziehen. Erst als ich in die Pubertät kam, begann mir langsam zu dämmern, dass in meiner Familie Dinge verkehrt laufen. Zu dem Zeitpunkt waren die Übergriffe meiner Mutter zu blanker Quälerei verkommen. Meinen Arsch liess sie mehr und mehr in Ruhe, dafür riss sie mir Haare aus, stahl mir Geld und verleumdete mich.

Ich machte einige schüchterne Versuche, jemanden zu informieren, aber man glaubte mir nicht. Meine Mutter stellt sofort ihr kleines süsses Dämchen-Verhalten zur Schau, wenn sie in der Öffentlichkeit ist, und mein Vater bedroht jeden, der ihn schief ansieht.

Dazu kam, dass ich ständig weinte, die Beherrschung verlor und mir die Arme aufritzte. Es war für meine Mutter sehr einfach, mich als Verrückte hin zu stellen.

Die wahren Schäden

Seit über zehn Jahren bin ich in Therapie. Als ich vor vier Jahren den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen habe, begann die Therapie auch deutlich besser zu wirken.

Im Nachhinein kann ich sagen, dass das Hauptproblem beim Kindesmissbrauch nicht der altersunangemessene sexuelle Kontakt ist. Es ist die damit einhergehende Gehirnwäsche. Die Täter müssen die Erinnerungen in deinem Kopf umstellen, damit du nicht realisierst, was dir angetan wird.

Das zeigt sich gerade an folgendem Beispiel:

Viele Kinder erleben fürchterliche Dinge. Katastrophen, Todesfälle ihrer Eltern oder Krankheiten. Aber als Erwachsene kommen sie damit klar, weil sie schon als Kind mit der Verarbeitung der Tragödie begonnen haben. Niemand sagt den Fukushima-Opfern, der Tsunami sei nur ein Platzregen gewesen und sie sollen jetzt aufhören, sich wegen ein bisschen Wasser so anzustellen.

Aber genau so geht es den erwachsenen Missbrauchs-Opfern. Da ist ein Graben zwischen der eingepflanzten und der echten Erinnerung, und es braucht viel therapeutischen Aufwand, um die «Zwillingserinnerung» endlich als das zu erkennen, was sie ist: eine Lüge.

Bis zu dem Zeitpunkt sind die meisten Betroffenen mehr oder weniger verrückt. Und verrückt heisst hier: Borderline-Disorder, Dissoziativ, Posttraumatische Belastungsstörung, Essstörungen, Depressionen, Suizidalitität…