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Akina McKenzie taufte im Widder ihre Platte «Miracle Man». Rituelle und musikalische Unterstützung bekam sie von Tim Holehouse. Ein bluesiger Abend, der erstaunlich hart gerockt hat. Vermutlich lag’s am Whisky. 

Der Widder ist eine linksalternative Kneipe im Herzen der Winterthurer Altstadt. Eine grosse Bühne hat er nicht, aber eine freie Ecke bietet Raum für Konzerte, die überraschend gross werden können.

Akina McKenzie hat für ihre Plattentaufe einen klugen Ort und ein interessantes Datum gewählt. Im Widder sitzen viele Leute, die an ihrem Sound gefallen finden könnten. Und die jetzt nicht unbedingt so Bock auf das Tschoing-Tätärä der Guggenmusik auf der Strasse draussen haben. Von der Fasnacht ist im Widder jedenfalls nichts spürbar.

Akina McKenzie

Das Konzert beginnt atmosphärisch. Akina arbeitet nur mit der Stimme, die Gitarre dient allein als Klangkörper für die Perkussion. Mit jedem Schlag klackt ihr Fingernagel gegen das Holz.

Erster Applaus brandet auf, und McKenzie grinst unter ihrem Hut hervor, schüchtern und stolz zugleich. Weiter macht sie mit dem Song Miracle Man. Ihre Stimme ist tief und klar, voll leidenschaftlicher Vibrationen.

Nach diesem zweiten Song ist der Applaus schon deutlich lauter. Immer mehr Leute scharen sich um die Ecke im Widder.

Kleine Frau, grosse Stimme: Akina McKenzie. Bild: Evelyne Oberholzer

Akina begrüsst das wachsende Publikum zur Plattentaufe: «Ich ha mis Ein und Alles i das Album gsteckt, wells genau das isch, wonich will!», ruft sie im Anschluss, und der Widder goutiert die radikale Ansage frenetisch. McKenzie kündigt den nächsten Song an, spricht über Wehleid, und dass sie viel davon zu geben habe. Aber so sei das halt manchmal.

Es ist die Einleitung zu A friend of mine. Magisch zittert die Stimme im Intro, dann fällt die Stimme in einen langsamen Dreivierteltakt, während Akina Seelenschmerzen besingt. Kurz zupft sie die Gitarre etwas schneller, ein Solo, wie nachlässig hingestreut, um den Gesang mit der letzten Strophe wieder aufzunehmen. Die Stimme ist dunkel vor Trauer: A friend of mine, he hung himself…

Trotz des düsteren Songs, das Publikum ist super drauf, und Akina McKenzie vom lauten Applaus sichtlich gerührt.

Den Whisky gibt’s erst nach dem Konzert: McKenzie trinkt vorläufig noch Tee. Bild: Evelyne Oberholzer

«Danke vill Mal, ich han no niä sonen guete Uftritt gha.»

Weiter geht es denn auch etwas weniger depressiv: Akina singt über Liebe, schneller und beschwingt. Und dann gibt’s den Babywechsel.

«Ez chunt mis Baby», erklärt sie, als sie ihre Gitarre weg stellt und nach einem andern Modell greift, das kleiner ist. Das Publikum lacht, und Akina erklärt überdreht: «Das isch mis Baby» (die neue Gitarre), «da häts es Baby» (die alte Gitarre), «döt häts Babies» (der Stand mit den CDs und LPs), und spätestens jetzt lacht der ganze Raum. «Babyseption!», schreit Akina und macht mit einer Reihe fetziger Songs weiter.

Nach dem Konzert erklärt sie, warum sie die Gitarre gewechselt hat:

«Meine Hände sind für diese beiden Songs nicht gross genug. «Defeat» habe ich für E-Gitarre geschrieben, und «Something I dont wanna loose» habe ich auf der kleinen Gitarre komponiert – die musste ich mir wegen einer Sehnenscheidenentzündung kaufen.»

Nach dem tiefen, bisweilen dunklen und unheilschwanger vibrierenden Einstieg präsentiert McKenzie nun eine andere Seite von ihrer Stimme: höher und härter, absolut Rockröhren-tauglich. Zwischendurch singt sie einzelne Töne so klar und scharf wie das akustische Äquivalent einer Messerklinge, aber meistens klingt ihr Organ viel schwärzer, als es ihr Bleichgesicht vermuten liesse.

Auch ihr Gitarrenspiel kann sich hören lassen. McKenzie kann zart zupfen, hart schrammeln und lustvoll swingen. Je länger das Konzert dauert, desto mehr driftet die Melancholie des Blues in die Partystimmung des Rock. Die Songs werden härter, und Akina hebt immer wieder die Gitarre in die Luft und macht die Pommesgabel.

Schliesslich verklingt der letzte Ton. Es ist Zeit für die Plattentaufe. Priester ist niemand anderes als Tim Holehouse, der nachher spielen wird. Und weil ein Bild mehr als tausend Worte sagt, haben wir hier dieses schöne Video für euch.

Und dann kredenzt Akina Whisky. Sie gibt gern zu, dass sie eine Vorliebe für dieses Getränk hat:

«Süesse und rauchige Whisky, zum Beispiel Bowmore.»

Tim Holehouse

Der zweite Act des Abends ist härter. Das liegt zu grossen Stücken daran, dass Tim Holehouse eine Stampbox benutzt. Wie Akina McKenzie ist er ein Solo-Künstler mit Gitarre und beeindruckender Stimme, doch das Klopfen mit dem Fuss macht einen ziemlichen Unterschied. Es sind meistens nur schnelle Taktschläge, aber es rockt gewaltig.

Tim Holehouse bringt den Widder zum Kochen. Bild: Evelyne Oberholzer

Der Brite ist ein Entertainer. Seine Ansagen sind teilweise recht lange und witzig – vorausgesetzt, man versteht, was er sagt. Immer wieder springt er zwischen den Songs von seinem Stuhl auf, um mit dem Publikum zu interagieren. Als die Stimmung schon mächtig beschwingt ist, macht er einen Rhythmus vor: zweimal stampfen, einmal klatschen. Als die vordersten Reihen mitmachen, singt er mit seiner Reibeisen-Stimme We will rock you.

Dann kehrt er zu Stuhl, Gitarre und Stampbox zurück. In fetzigen Rhythmen singt er über Mexicoreisen und Gefängnisaufenthalte, strukturiert von kleinen Ausreissern im Takt. Der Sound fährt in die Beine, und die kleine Tanzfläche, ein Viertelring zwischen dem Musiker und den stoischeren Gästen, füllt sich mit Leuten, die abgehen. Darunter auch zwei Frauen, die glitzern und hier zu Tims Musik eine Anti-Fasnacht feiern.

Tims Einmannshow erreicht derweil mit dem letzten Song den Höhepunkt:

«I am from Portsmouth, its in South England, and it’s a shithole. The first town I’ve visited in Switzerland was Winterthur, and it’s not a shithole.»

Das Publikum johlt, und Tim singt über Winterthur. Natürlich fickt er dabei Zürich blöd an. Der Song ist schnell und rockig, und Tom geht am Schluss so ab, dass er sogar seinen Hut verliert.

Glitzer und Konzert: So steigt die Anti-Fasnacht. Bild: Evelyne Oberholzer

Geiler Abend

Damit endet der offizielle Teil der Plattentaufe. Akina und Tim bauen ihren Merch zwischen Bar und Hinterausgang auf, wo jetzt ohnehin viele Gäste hinströmen, weil man im Fumoir nicht kiffen darf. Die Stimmung bleibt fröhlich. Ein gelungener Abend, und damit eine gelungene Taufe für Miracle Man.