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«Unwetter und Sturm in Solothurn und Basel» – auf diese nicht gerade openair-taugliche Wetterprognose hatte die Metalanhängerschaft vergangenes Wochenende vier Abende lang eine Antwort parat: Die donnernden Bässe und Gitarrenstürme von rund 40 Metalbands und die unverwüstliche Fanschar, die Regen, Wind und Schlamm erfolgreich trotzte – und dabei auch noch einen Mordsspass hatte.

Donnerstag: Schlammschlacht, fliegende Pavillons und solidarische Metalheads.

Selbst eingefleischte Openairgänger wurden vergangenen Donnerstag, 7. Juni 2012, auf die Probe gestellt. Pünktlich zur Eröffnung der Schweizer Ausgabe des Metalfests beim Z7 öffnete der Himmel seine Schleusen und gab Preis, was er in den letzten Wochen an Regen und Unwetter angesammelt hatte. Innerhalb erschreckend kurzer Zeit hatte sich der Acker, der über dieses Wochenende als Campingplatz für die Festivalbesucher diente, in ein Schlammfeld verwandelt. Auf diesem standen die Zelte bereits abends dicht an dicht, wer also später oder gar erst am Freitag anreiste, durfte sich zwar nur noch in einen der raren sumpfigen Zwischenräume quetschen, dafür aber auf bereitwillige Hilfe beim Zeltaufbau zählen, um wenigstens das Gepäck und Zeltinnere einigermassen trocken zu halten. Solch eine selbstverständliche Hilfsbereitschaft gehört  einfach zu einem Metal-Openair wie das Salz in die Suppe.

Die glücklichen Besitzer von Wohnmobilen, Bussen und sonstigen kuschlig-warmen mobilen Unterschlupfen ernteten an diesem Abend so einige neidische Blicke…

Für die Wolfgang Petrys, sprich, die festivalwütigen Bändelisammler mit den halbvergammelten Exemplaren bis zu den Ellbogen, gab es jedoch keine Erweiterung der Sammlung. Fälschlicherweise hatte die Organisation nur einen Fünftel der bestellten Stoffbändeli erhalten und musste so mit Plastikbändel improvisieren. Dies wurde nicht nur von den Petrys bemängelt, sondern fiel allgemein auf und wurde daher im Z7-Forum bereits erklärt und entschuldigt. Es gibt ja auch Schlimmeres.

Musikalisch ging es an diesem Eröffnungsabend schon hoch her. Mit W.A.S.P. liess sich eine lebende Legende auf der Indoor Stage blicken. Kaum zu glauben, dass diese Herren schon seit den 1980er-Jahren auf der Bühne stehen und immer noch eine  solche Freude an der Musik zeigen. Diese Spielfreude und Energie begeisterte alteingesessene Fans, welche extra an diesem Abend angereist waren, gleichermassen wie die jüngere Generation.

Die Headliner des Abends waren die polnischen Death-/Black-Metaller von Behemoth. Wie in der Vorschau erwähnt, waren vermutlich jene Fans gespannt, welche die Band erstmals seit Sänger Nergals Leukämie-Erkrankung wieder live zu Gesicht bekamen. Besagte Krankheit schien jedoch nur äusserlich, in Form von fehlendem Haupthaar, seine Spuren hinterlassen zu haben. Ansonsten liess die Band ein wahres Donnerwetter über Pratteln hereinbrechen. Die Ausstrahlung und Bühnenpräsenz vor allem der “Frontgarde” der Saitenvirtuosen hielt das Publikum eine Stunde lang in ihrem Bann und wurde mit sorgsam ausgefeilter Pyroshow unterstützt.

Freitag: Schadensbegrenzung und Stilmix

Der Freitag liess wettertechnisch die Camper aufatmen und die Schlammpfützen ein klein wenig eintrocknen. Um die grössten Schäden wie halb abgesoffene Zelte, weggewehte Pavillions, im Schlamm verlorengegangene Kleidungsstücke oder einfach nur die Schlammkruste an Körper und Klamotten zu beseitigen, ging vermutlich für einige der Tag drauf. Nicht nur das – um weiteren solchen Strapazen entgegen zu wirken wurden Ikea, Otto’s Warenposten, Dosenbach (Gummistiefel! Was für eine Erfindung!) von den Horden schlammig-schwarzer Metaller erstmal halb leer gekauft. Um die jeweiligen Geschäfte nicht auch einzuschlammen standen jeweils freundlicherweise Kärcher, Bürsten und Wasserschläuche für die Springerstiefel-Reinigung zur Verfügung. Die Gemeinde Pratteln scheint sich also schon mit dem jährlichen Metalfest aklimatisiert und angefreundet zu haben.

Gegen Abend gab es dann vielschichtigen Folk-Viking-Metal von Ensiferum, die stilistisch von Folk bis hin zu Death-Metal-Elementen verschiedenste Spielarten zu einem prägenden und bisher sehr erfolgreichen Gesamtkonzept zu vereinen wissen. Wie gewohnt lieferten sie eine energiegelade Show ab, was unter freiem, langsam eindunkelndem Himmel bereits ausgelassene Stimmung unter dem vorwiegend trinkhornbewehrten Teil der Besucher verbreitete. Auf eben dieser beeindruckenden Openairbühne vor dem Z7 gab es anschliessend 75 Minuten lang legendenverdächtigen Stoner-Rock von Kyuss lives! rund um Sänger John Garcia, welcher seit 2011 wieder mit seinen ehemaligen Kyuss-Bandmitgliedern unterwegs ist. Mit Dark Tranquility gab es nach Mitternacht schwedischen, beziehungsweise göteborg’schen, Melodic Death um die Ohren. Show und Setlist überzeugten und werteten für den einen oder anderen Death Metal-Fan den musikalisch sehr durchmischten Tag auf.

Samstag: Von Piraten und Überfliegern.

Durchmischt und voller stilistischer Abwechslung ging es auch am Samstag weiter. Die italienischen Newcomer von Fleshgod Apocalypse hämmerten um halb fünf auch den letzten den Kater aus den Gehirnen und überzeugten mit ihrem schnellen, technisch anspruchsvollen Death Metal. Bei Alestorm wurde klar, inwiefern sich die Geschmäcker der Metalfest-Besucher tatsächlich unterscheiden: die einen feierten ausgelassen ihre Helden des selbsternannnten «Piraten Metals», andere taten sie unter «Trinkmusik» ab und gewisse betranken sich tatsächlich – auf dem Zeltplatz, weit weg genug von der Bühne. Mit Legion of the Damned gab es anschliessend draussen knüppelharten und furztrockenen Death Metal auf Ohren und Augen – Circle Pits und fliegende Bierdosen inklusive. Die Niederländer bewiesen mit diesem starken Auftritt, dass sie auch bei strahlendem Tageslicht für einige Düsternis sorgen können. Klassischen Heavy Metal gab es von von Skull Fist. Deren Inspiration ist nicht weit zu suchen und liess die Jeanskuttenfraktion die Indoor Stage rocken. Und auch heute war der schwedische Death Metal nicht weit – aus Stockholm war anschliessend Peter Tägtgren mit Hypocrisy am Start. Doch was schreibt man zu einer Überfliegerband wie Hypocrisy – sie können’s einfach! Mehr als nur souverän spulten sie über eine Stunde einen Kracher nach dem nächsten ab. Mit Moonspell wurde es anschliessend nicht nur wettertechnisch düster, denn musikalisch kommen sie auch eher von der gruftigen Front.

Rekordverdächtig viele Fans zogen die mythischen Powermetaller rund um Goldkehle Hansi Kürsch nach draussen. Diese enttäuschten ihre Fans nicht und gaben Hits und Schmankerl aus ihrer Fantasywelt zum Besten. Der finale Streich dieses Tages lag bei Thomas Gabriel, wohlbekanntem ehemaligem Celtic Frost-Fronter, und seinen Triptykon. Sie liessen noch einmal die Black- und Death Metal-Herzen höherschlagen und gaben über eine Stunde Vollgas, um diesem musikalisch-vielfältigen Tag den letzten Schliff zu verleihen.

Sonntag: Techno und Restetrinken

Der Sonntagmorgen auf dem mittlerweile wieder fast trockenen Campingplatz lässt sich in etwa mit diesen beiden Worten zusammenfassen. Ein paar Festivalbesucher hatten entweder einen wundersamen Sinn für Humor oder stellten ihren breitgefächerten Musikgeschmack zur Schau, indem sie den Campingplatz in aller Hergottsfrühe mit Techno, Blümchen und Schlager beschallten.

Und da das ehemalige Schlammfeld die letzten Tage nicht unbedingt zum Verweilen eingeladen hatten, verfügten die meisten noch über massenhaft inzwischen aufgewärmtes Dosenbier, welches kurzerhand zur Dusche oder zu fantasievollen Gesellschaftsspielen umfunktioniert oder bestenfalls noch leer getrunken wurde. Die meisten schienen kein Verlangen zu spüren, noch eine Nacht im Zelt zu verbringen und so sah der Zeltplatz mittags schon wieder sehr karg aus. Die Idee der Veranstalter, jedem Camper 20 Fr. Depot abzuknöpfen, das nach Abgabe eines gefüllten Müllsacks zurückerstattet wurde, machte sich auch dieses Jahr wortwörtlich bezahlt. Im Gegensatz zu anderen Festivals hielt sich das Littering in Grenzen und der Platz wurde einigermassen aufgeräumt verlassen.
Das Line-Up hielt auch am letzten Tag noch einige Leckerbissen bereit, doch die Negative White-Redaktion schwächelte zugegebenermassen ziemlich und liess die Headliner (Powerwolf und Kreator) an diesem Abend sausen. Doch es schien auch anderen so zu ergehen. Um 16 Uhr  lockten die griechischen Septicflesh nur eine spärliche Anzahl Leute vor die Bühne und auch die beschwörende Performance von Sänger Seth änderte nicht viel. Also kam die Redaktion noch einmal in den Genuss des leckeren Angebots des Verpflegungsstandes, für den man den Veranstaltern wirklich ein Kompliment machen muss. Die goldene Mitte aus “nur Bratwurst” und viel zu bunter Schnickschnack-Fressmeile gab es einen Stand mit ausreichend Angebot: von Klöpfer bis Salatteller wurde dort zu fairen Preisen jeder satt.

So ging ein ereignisreiches Metalfest zu Ende und entliess die erschöpfte Metallergemeinde am Sonntagabend wohlverdient in die heimischen weichen und vor allem sauberen Betten plumpsen.