Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Mich erreichte per Facebook eine sonderbare Einladung von einer Fremden. Und zwar wurde ich eingeladen, mit der eigenen Wildheit zu experimentieren, ungezähmt zu sein in der Bewegung und im Herzen. Spontan sagte ich dem Workshop «Metal_Flowmotion», der sich eigentlich eher an erfahrene Tänzer richtete, zu.

Am Samstagabend gab es gleich drei Dinge, die auf den ersten Blick nicht wirklich zueinander passten: Sommerhitze, ein Tanzworkshop und eine Doom-Metal-Band, die live spielte. So überraschte es auch nicht, dass die drei Organisatorinnen von «Metal_Flowmotion» keine 15 Minuten vor dem fünften Workshop meinten, sie hätten überhaupt keine Ahnung, wie viele Leute kommen werden.

Auch ich war mir der Sache nicht ganz so sicher und ging mit einem etwas mulmigen Gefühl hin: Auf was habe ich mich da wieder eingelassen? Ich hatte zuvor noch nie an einem Solo-Tanzkurs teilgenommen. Aber da ich schon immer ganz der Meinung war, Metal und Rock seien sehr tanzbar, wollte ich den Beweis der Profis mit eigenen Augen sehen. Und so begab ich mich ins Zürcher Tanzstudio Offdance.

Bild: Nathalie Meyer

Auch ein Schuss ins Blaue war der Abend für die Doom-Metal-Band Shrines of Dying Light, welche an diesem Abend live performten. Auf die Frage, wie sie denn auf die Anfrage reagiert haben, meinte Julian, der Sänger und Gitarrenspieler der Band, im Interview: «Wir waren alle überrascht. Denn uns war im ersten Moment völlig unklar, was uns erwarten wird. Die meisten Leute würden Metal wohl nicht in die Tanzecke stellen; ausser vielleicht das Headbangen. Genau darum wurden wir aber alle doch neugierig. Der wirkliche Zündfunken kam, als Sarah, Rebekka und Angela unser Konzert besuchten und wir die Sache etwas genauer besprechen konnten. Für uns ist es eine tolle und einmalige Erfahrung, ein zweistündiges Konzert zu spielen und mit echten Tanz-Profis zusammen zu arbeiten.»

«Be curious – move your body and soul to dark sounds»

Der «Metal_Flowmotion» Workshop versteht sich als eine Mischung aus Movement-Research, Performance und Konzert. Der Workshop sei offen für Tänzer, Performer sowie Musiker, hiess es in der Ausschreibung. Doch was heisst das nun für einen Nicht-Tänzer wie mich? Kann ich da mithalten?

Zum Start bat Sarah, die Hauptleiterin, uns auf den Boden zu legen. Sie führte uns darauf während einer kleinen Aufwärmrunde durch verschiedene Bewegungen, bei denen das Experimentieren mit dem eigenen Körper im Vordergrund stand. Push and Pull sei heute das vordergründige Thema. Als die sanften von explosiven, schnellen Bewegungen abgelöst werden sollten, merkte ich, dass ich wohl ausschliesslich von erfahrenen Tänzern umgeben bin. Aber dennoch: Ganz fehl am Platz fühlte ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und immerhin hatten wir alle eines gemeinsam: Wir schwitzten alle, wie die Schw…

Der verschwitzte Push-and-Pull-Kuscheleffekt

Schon bald ging es weiter mit einer Gruppenarbeit. Zu viert sollten wir in einen Flow kommen, bei dem jeweils eine Person im Zentrum stand. Mit verschiedenen Körperteilen sollten wir Druck geben oder auch Zug, wobei die Person entsprechend einen Widerstand aufbauen und so ihr Gewicht vom Boden abgeben konnte. Es entstanden ganz vielfältige und teils akrobatische Bewegungsmuster – ein ganz tolles Zusammenspiel.

Bild: Nathalie Meyer

Choreos zum Explodieren

Nach dem eher entspannten Gruppenkuscheln ging es dann weiter mit der ersten Choreo. Sarah führte die Teilnehmer Schritt für Schritt ein, jedoch für einen Nicht-Tänzer in einem sehr zackigen Tempo.

Bei der zweiten Choreo musste ich dann auch kapitulieren: Drehen, Springen, Rollen, 180° und 360° dorthin rotieren, runter rauf und das in einem zum Teil sehr explosiven Tempo, das für mein postoperatives Knie zu viel war. So nutzte ich aber die Chance, um dem Spektakel vom Rand her zuzuschauen. Es sah einfach toll aus, die herumwirbelnden Tänzer zusammen mit der Band in Action zu sehen.

Bild: Nathalie Meyer

In einem anschliessenden Interview erfuhr ich noch mehr.

Was ist denn das Spezielle an diesem Workshop?

Sarah: Dass Live-Metal und Tanz zusammengeführt werden, gab es vorher wohl noch nie. Ich liebe beides, doch vorher war Metal eher in meinem privaten Leben zu finden und beim Tanzen wurde andere Musik gespielt. Metal eignet sich wunderbar um Wut heraus zu lassen. Ich meine damit nicht die destruktive Form, sondern vielmehr die kraftvolle Energie.

Angela: Ja, man kann sich einfach mal gehen lassen und muss sich nicht, wie es in der heutigen Gesellschaft üblich ist, ständig zusammenreissen. Man kann seine Wildheit voll herauslassen.

Wie entstand die Idee «Metal_Flowmotion»?

Sarah: Das Ganze entstand aus einem Jux. Wir fanden einen Musiker, der eine ganz tolle Stimme hatte und so beschlossen wir es mit einem Jam zu versuchen. Wir waren extrem erstaunt, als es so gut funktionierte. Der ursprüngliche Musiker wollte dann aber andere Wege gehen und so kamen wir dann auf Shrines of Dying Light. Die Tiefe der Musik und diese Naturverbundenheit, welche die Musik und die Band ausstrahlen, haben einfach von Anfang an gepasst.

War es denn schwierig für euch, euch auf die Tänzer einzuspielen während der heutigen Live-Session?

Julian: Normalerweise spielt man halt einfach seine Setlist runter. Wir haben uns auch für heute Notizen gemacht, aber dann nur improvisiert. Es war total ok, dass während dem Workshop ab und zu ein Input seitens der Tänzer kam. Es hat irgendwie einfach sehr gut funktioniert.

Sarah: Ich fand es auch genial, wie ihr euch einfach so unter die Leute gemischt habt. Plötzlich seid ihr mit der Gitarre und dem Bass bei uns gewesen. Das hat voll gepasst.

Angela: Die Band hat unsere Bewegungen verstanden, ohne dass wir uns abgesprochen haben. Das gab eine Mega-Energie.

Hört sich an, als ob das Experiment geglückt ist. Wie geht es weiter?

Angela: Ja, es hat vieles automatisch funktioniert. Das gibt Raum für Entwicklung.

Sarah: Genau! Und auch das Interesse ist definitiv da. Es hat heute wegen der Hitze gerade gepasst, dass nicht ganz so viele Leute anwesend waren. Aber ich stosse mit diesem Projekt auf ganz viele offene Ohren. Der nächste Workshop findet im Sommer statt, dann jedoch ohne Live-Band. Aber im Herbst möchten wir gerne nochmals etwas mit der Band planen. Es könnte auch an einem anderen Ort stattfinden, wie dem Dynamo oder einer anderen Konzertlokation.

Julian: Das wäre auch für uns passend. Wir suchen nämlich nach einer Möglichkeit für den Release unserer ersten Platte. Das könnte eine gute Kombination geben.

Bild: Nathalie Meyer

Zustimmendes Nicken und freudige Gesichter von allen Beteiligten. Man sieht das «Metal_Flowmotion» funktioniert und auch blutige Anfänger Spass haben können. Und ich hatte zudem meinen Beweis, dass Metal physisch mitreissen kann und tanzbar ist.