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25’000 Besucher am M’era Luna Festival in Hildesheim – ein Besucherrekord für das Festival der schwarzen Szene! Dass diese Szene gar nicht mehr nur schwarz, sondern vielgestalt und kaum eingrenzbar ist, werden unsere Fotostrecke und unser Bericht hoffentlich deutlich machen.

Machten nicht nur wegen ihrem neuen Album Freudensprünge: Satltatio Mortis (Sacha Saxer)

Machte nicht nur wegen ihrem neuen Album Freudensprünge: Alea von Saltatio Mortis (Foto: Sacha Saxer)

Organisation, Grösse und Stimmung sind drei Stichworte, welche bei der Kritik von Festivals meist eine gehobenere Rolle spielen. Das M’era Luna Festival in Hildesheim, das kann und muss man vorneweg so in den Raum stellen, erhält für alle drei Punkte einen hoch erhobenen Daumen.
Obwohl das eigentliche Festival erst am Samstagmorgen eröffnet wurde, war das Campinggelände bereits am Freitagnachmittag gut gefüllt mit vorfreudigen Festivalbesuchern. Mit Parkplatz unweit vom Zelt, unkomplizierter Bändchen- oder Ticketausgabe und einem Einlass ohne jegliches Anstehen durfte man das Gelände also betreten ohne sich das erste Mal völlig entnervt selbst zu verfluchen, sich den Festivalstress immer wieder anzutun… wie es dem Einen oder Anderen bei solch grösseren Events vielleicht schon ergangen ist.

Der Auftakt bildete am Freitagabend die Hangarparty im neuen Hangar, welche schon zahlreiche Feierwütige aus den Zelten und bis in die frühen Morgenstunden zum Tanzen lockte. Wer lieber gemütlich startete, konnte sich am Mittelaltermarkt durch die kaum endenwollende Vielfalt der kulinarischen Genüsse schlemmen – von der ganzen Sau am Spiess bis zum veganen Reisstand wurde jeder satt, sich mit mittelalterlichen Spielen die Zeit vertreiben oder allerlei Handwerkskunst bestaunen. Wer sein Smartphone mit dabei hatte und schon bald eine neue Batterieladung benötigte, der wurde am praktischen Volt-Stand fündig, welches für wenig Geld ein praktisches Aufladegerät zur Verfügung stellte. Und wer nebst der schwarzen Seele auch ein grünes Bewusstsein hatte, der konnte seinen Müll trennen und seine Pfandflaschen in Automaten entsorgen. Mit Viva con Agua durfte der bewusste Grufti des weiteren seinen Trinkbecher für die Realisierung von Wasserprojekten in Drittweltländern spenden.

Samstag

«Guten Morgen M’era Luna – das Festival ist hiermit offiziell eröffnet», schallte es am Samstagvormittag um 11:00 Uhr über das bereits gut gefüllte Konzertgelände und den noch etwas verschlafenen Zeltplatz. Dem von Festivaljury und Fans gewählten M’era Luna-Newcomer 2013 Molllust gebührte die Ehre der Eröffnung auf der Main Stage. Anschliessend scharten sich dutzende Fans der Hamburger Lord of the Lost vor der Hauptbühne – die nach eigenen Angaben eine rekordverdächtige Besucheranzahl zu dieser frühen Stunde darstellten, und rockten zur Mittagsstunde schon mal gehörig los.

Mit End of Green rockte eine weitere deutsche Band auf der Main Stage in dieser Manier weiter und sammelte nebst für die abwechslungsreichen Setlist vor allem Sympathiepunkte für Ausstrahlung und Spielfreude. Dies glich die vermeintliche Kluft zwischen düsterer, melancholischer Songs und dem strahlenden Sonnenschein wieder aus.

Die englischen Synthpopper Mesh gaben sich in gewohnt souveräner Manier und lockten Fans der elektronischen Klänge an – welche jedoch durch die Mittelalterfraktion auf Main- und Hangar Stage in Form von Saltatio Mortis und Cultus Ferox kurzzeitig wieder vertrieben worden sein dürfte. Die Masse der Fans von Mittelaltermusik war jedoch vor Begeisterung kaum zu bremsen – einstimmig hallte der Spielmannsfluch von Saltatio Mortis über das nachmittägliche Festivalgelände – es war eine wahre Freude. An The Crüxshadows am fortschreitenden Nachmittag schieden sich wohl die Geister – die Einen tanzten ausgelassen zu den poppigen Synthklängen der Amerikaner, die Anderen standen der etwas wuseligen Performance ein wenig skeptisch gegenüber. Mono Inc. kamen ein klein wenig lustlos herüber und Deine Lakaien mit ihrem Akustikprogramm hätte man sich in eine kleine, familiäre Atmosphäre gewünscht.

ASP als bekannte Gänsehautbescherer enttäuschten auch auf dem M’era Luna nicht. Die Setlist liess kaum einen Hit aus und die Performance wurde durch Feuerwerk und «Schnipselregen» untermalt. Ein Highlight der schönen Menschen von ASP war vielleicht das Type O Negative Cover I don’t wanna be me, welches die Songauswahl perfekt abrundete. Headliner des Abends waren die Finnen von HIM, welche sich seit 2002 nicht mehr auf dem Hildesheimer Festival hatten blicken lassen und somit heiss erwartet wurden. Und sie enttäuschten nicht! Trotz aktuellem Album im Gepäck war die Setlist durchmischt von alten und lange nicht gehörten Songs und wenigen neuen Klängen, was insbesondere die langjährigen Fans gefreut haben dürfte. HIM überzeugen live leider nicht immer und Sänger Ville Valo ist nur Stimmungskanone, wenn er gerade Lust hat – so verlor dieser zwar kein direktes Wort zum Publikum, seine Mimik und auch die Dynamik der einzelnen Bandmitglieder untereinander sprachen jedoch Bände: HIM sind zurück und mit sich im Einklang und liessen so einen rundum gelungenen ersten Tag erfolgreich zu Ende gehen.

Sonntag

Der Sonntagmorgen startete mit Schwarzer Engel und Unzucht – und besonders letztere legten einen soliden Start in den Tag hin. Das Publikum schien von der ersten Sekunde mit dabei zu sein und Sänger Schulz sprühte über vor Motivation und Eifer. Einzig die Texte der Hannoveraner liessen einen teilweise eher schlucken oder die Brauen runzeln – insbesondere wenn man nur einen Textfetzen wie «kleine geile Nonne, warum bist du nackt» über den Zeltplatz wehen hörte…

Coppelius, bekannt als experimentelle Combo, vermochten ihre Fans mit aufwändiger Bühnendeko und Kostümierung in ihren Bann zu ziehen. Bei der Musik, welche mit Cello und Klarinette teilweise jazzartige Züge aufweist, schieden sich abermals die Geister. In Punkto Innovation und Kreativität waren sie ihren Nachfolgern, den finnischen The 69 Eyes jedoch um Längen voraus. Wer letztere schon live gesehen hat, der bestätigt vermutlich, dass die «Eyes» sich live genau wie ab Platte anhören und es vielleicht sogar teilweise sind. Schade. Mit Tanzwut auf der Hauptbühne ging es daraufhin wieder energisch-mittelalterartig weiter während sich die alteingesessene Gruftigemeinde in der Hangar Stage zu Clan of Xymox einfand, die eher ein älteres Publikum begeisterten.

Apoptygma Berzerk stellte für zahlreiche Besucher das Highlight des Sonntagnachmittages dar – ihre energiegeladene Show riss mit und liess einen jegliche Gedanken an das Morgen vergessen. Die heissersehnten IAMX hatten bedauerlicherweise kurz vor knapp abgesagt und waren nun durch die hochkarätigen Zeromancer ersetzt worden – ein Hoch auf die Festivalleitung an dieser Stelle. Stampfender EBM von Front 242 bedeutete ein weiteres Highlight für die ältere Generation – für andere erschienen sie wiederum etwas monoton und langweilig. Allen kann man es schliesslich nie recht machen- das beweisen auch Nightwish immer wieder. Mit neuem Gesicht erschienen die Finnen am Sonntagabend als letzte Band auf der Main Stage und mischten das schwarze Publikum noch ein letztes Mal ordentlich auf. Bassist und Sänger Marco Hietala war zu einigen Spässchen aufgelegt und auch Floor Jansen, die erwähnte neue Sängerin, schien alles andere als auf den Mund gefallen. Doch natürlich bleiben neue Sängerinnen seit dem Ausstieg von Tarja Turunen niemals unkritisiert – für die einen ist Tarja unersetzlich, für andere stellt Floor Jansen endlich ein würdiges Mitglied der neuen Nightwish dar. Wie dem auch sei – Jansen bewies, dass sie stimmlich nicht nur neuere Nightwishproduktionen beherrscht sondern auch alte Klassiker perfekt performen kann. Jeder Ton sass und doch war es keine Tarja-Kopie, welche in der Mitte der Bühne headbangte und das Publikum anfeuerte. Die Chemie scheint auf jeden Fall zu stimmen und dies schien sich aufs Publikum zu übertragen, schenkt man den zahlreichen glücklichen Gesichtern und positiven Feedbacks Glauben.

Fazit

Als Fazit lässt sich nun anführen, dass sich am Line-up dieses Jahr die Geister zu scheiden schienen – die Veranstalter des M’era Luna als absolutes Traditionsfestival würde wohl vielen langjährigen und treuen Besuchern eine riesige Freude bereiten, wenn im nächsten Jahr ein paar niedagewesene Bands, ein paar ungeschliffene Diamanten oder zumindest die eine oder andere Überraschung im Line-up auftauchen würden.
So long, stay goth – und bis zum nächsten Jahr.