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«Menschen haben oft Angst, die falschen Fragen zu stellen»

Menschen leben, Menschen scheitern. Unterschiedlich wie wir sind auch die Lebensgeschichten. Doch haben wir jemals jemanden nach seiner Geschichte gefragt? Sandra Bühler und Sandra Schmid haben das, vier Jahre lang in über sieben Ländern. Sie sind nun alle in einem Buch verpackt. Ein Gespräch darüber, warum Memoiren erzählt werden sollten.

«Mann sass 21 Jahre unschuldig im Gefängnis». So oder ähnlich klingen Überschriften, die es schaffen, irgendwie in unseren Köpfen hängen zu bleiben. Sie handeln von Geschichten, über die wir dann mit Freunden und Bekannten sprechen, oftmals begleitet mit latentem Unbehagen, weil Ungerechtigkeit im Spiel ist und Dankbarkeit, weil man es ja eigentlich gut hat im Leben. Zum Glück.

Doch Sandra Schmid (27) und Sandra Bühler (29) wollten mehr: Nicht nur Geschichten hören, die unter die Haut gehen. Sie wollten zeigen, dass hinter grossen Schicksalsschlägen und kleinen, alltäglichen Ereignissen stets dasselbe steckt: Menschen, Niederlagen, Erkenntnisse und Emotionen. Also begannen sie, bewusst nachzufragen, zuzuhören und zu sammeln. Entstanden ist dabei das Buch Menschen wie du und ich.

Von der behüteten Schweiz in die weite Welt

Die beiden Frauen haben alles, was erfolgreiche Kreative aus der Grossstadt mitbringen: Sie sind jung, hübsch, intelligent und erfolgreich. Sandra Schmid ist Video-Editorin, Sandra Bühler Multimedia-Managerin, beide angestellt bei angesehenen Grossunternehmen. Im Gespräch versprühen sie Charme und Witz, erheitern mit Anekdoten ihrer Reisen und erzählen, wie sie Beruf und gemeinsames Grafikbüro unter einen Hut kriegen. Sie haben ohne Zweifel Perspektiven und stehen mit beiden Beinen fest im Leben.

Die beiden Frauen liessen sich durch nichts abschrecken. Bild: zvg

Warum entschliessen sich also zwei junge Frauen, die nach eigenen Angaben alles in Allem ein «unbeschwertes und behütetes» Leben hatten, innerhalb von vier Jahren immer wieder quer durch die Welt zu reisen und sich die Schicksalsschläge von Menschen erzählen zu lassen?

«Ich wollte Menschen die Augen öffnen.»

Der Ansporn sei in der Jugend entstanden, erklärt Sandra Schmid: «Ich wollte unbedingt etwas machen, das gewissen Menschen helfen kann und einigen die Augen öffnet. Auch fiel mir schon früh auf, dass die Leute das Gefühl haben, sie seien allein. Menschen reden nicht. Oft haben sie Angst, die falschen Fragen zu stellen.»

Es sei ein Eiertanz um gewisse Themen, stimmt Sandra Bühler zu: «Man traut sich nicht zu fragen. Zum Beispiel, wenn jemand gestorben ist.» Schnell wird klar, die beiden sind sich einig. Und zwar in vielen Bereichen, sonst hätte die Freundschaft kaum zwölf Jahre gehalten. Es ist eine spürbare Dynamik, die von den beiden Frauen ausgeht. Sie teilen sich nicht nur Geschäft und Projekt, sondern auch ihr Leben. Der gegenseitige Ansporn ist spürbar und trägt Früchte.

Authentische Aufnahmen

Entstanden ist die Idee zum Buch schon vor Jahren: Sandra Schmids Abschlussarbeit stand an und somit war auch das Grundgerüst für das heutige Projekt gegeben. Gemeinsam mit Sandra Bühler führte sie das Projekt weiter. In vier Jahren reisten und sammelten sie Geschichten. Diese wollen sie aber frisch gezapft vom Erzähler. Das war bis zum Schluss so.

So entstand das Portrait von Emanuel. Bild: zvg

Auf ihrer Facebook-Seite dokumentieren sie ihre Reisen um den ganzen Globus. Je weiter nach unten man scrollt, desto mehr wird man sich bewusst, wie viel Arbeit und Herzblut die beiden in ihre Arbeit investiert haben. Dabei tauchen immer wieder Portraits auf, die in Menschen wie du und ich erscheinen werden.

Die Aufmachung ist stets gleich: Ein Portrait, schwarz-weiss, dazu der Name und darauf folgt die Geschichte. Die abgebildeten Personen wirken authentisch auf den Bildern, gar beinahe verletzlich. Dieses Gefühl wird stärker, wenn man die Geschichten überfliegt: «Natalie wurde mit siebzehn Jahren vergewaltigt. Wenige Jahre später die Diagnose: HIV positiv. Ihr Peiniger hatte sie angesteckt» oder «Mark folgte seinem Traum, ein Marine zu sein und wurde mit neunzehn Jahren Teil der besten Kampftruppe der Welt. Dass dieser Traum ihn eines Tages zerstören wird, hätte er nie gedacht».

Menschen dazu zu bringen, dass sie sich öffnen und solche Geschichten preisgeben, spricht für die vertrauenswürdige und aufrichtige Ausstrahlung von Sandra Schmid und Sandra Bühler. Doch wie findet man Menschen mit solchen Geschichten überhaupt?

«Menschen mit einem Funkeln in den Augen»

Angefangen habe alles während einer Reise in New York, erzählt Sandra Schmid. Sie hätten Menschen auf der Strasse angesprochen und nach ihrer Geschichte gefragt. Wahllos Leute ansprechen, die einem in der Grossstadt entgegen hetzen? «Solche, mit einem Funkeln in den Augen» klärt sie auf. Dabei haben die beiden das selbst, dieses «Funkeln». Es kommt zum Vorschein, wenn sie über Ansporn sprechen und darüber, was Schicksal ist.

Emanuel. Bild: zvg

Sandra Bühler erinnert sich an Nick, einem Unschuldigen im Todestrakt: «Uns war das Thema Todesstrafe sehr wichtig. Wir wollte das unbedingt im Buch haben und haben einen Mann interviewt, der 21 Jahre unschuldig sitzen musste. Aber wir wollten auch Themen aufgreifen, die den Leuten ermöglichen, sich in eine Situation reinzuversetzen, zum Beispiel in eine Frau, der mit 30 erblindete.»

«Wir alle streben nach Glück.»

Jenen eine Stimme geben, denen sonst niemand zuhört, das war den beiden Frauen ein Anliegen. Dabei liessen sie sich weder von gefährlichen Wohnvierteln in Los Angeles, noch von einem volltätowierten Gesicht einschüchtern. Offen sein war ihre Devise und es hat sich gelohnt. Bereits jetzt, vor dem Erscheinen des Buches, erhalten sie bereits viel Lob und Anerkennung auf den sozialen Netzwerken.

Doch nicht alle sehen das so. Geschichten mit Schicksalsschlägen, eindrucksvolle Portraits und Social-Media-Auftritte mit einigen kurzen, aber auffallenden Zeilen – bei manchen Lesern mag das vielleicht nach Sensationsstorys klingen, wie man es vom Boulevardjournalismus kennt. Tatsächlich beschwert sich ein Seitenbesucher über genau das und kritisiert, dass das Buch die Menschen exponiere.

Vergleicht man den Titel mit den präsentierten Geschichten, ist es nicht unberechtigt, sich die Frage zu stellen. Alltäglich scheinen sie nicht zu sein. Sandra Schmid klärt auf, dass es eben auch kleinere Dinge sind, die Platz im Buch gefunden haben. Zum Beispiel eine Scheidung, die das Leben eines Mannes auf den Kopf gestellt hat. Es seien letztendlich immer vergleichbare Gefühle, die wir Menschen empfinden und ähnliche Erkenntnisse, die wir aus solchen Ereignissen ziehen. Wir alle würden nach demselben streben, nämlich nach Glück, erklärt sie und fügt hinzu: «Bei niemandem, der in diesem Buch ist, haben wir das Gefühl, dass er oder sie nicht hineinpassen würde. Wir haben auch von Anfang an gesagt, dass alle Menschen ins Buch kommen, die wie gefragt haben. Wir haben die Geschichten nicht aussortiert oder dachten, dass eine zu banal wäre. Das würde nicht dem Titel des Buches entsprechen.»

Sandra Bühler und Sandra Schmid haben Menschen nicht aussortiert. Bild: Nicola Tröhler

Das überzeugt, wenn man durch die Geschichten stöbert, die bunter und unterschiedlicher nicht sein könnten. Eine spielt sich in den Anden in Bolivien ab, eine andere in Angola. Sandra Schmid und Sandra Bühler waren stets vor Ort. Haben sie aus erster Hand erfahren, haben sich mit den Menschen ausgetauscht. Unberührt sind sie nicht davongekommen. Beide bezeichnen ihre Reisen als «die beste Schule des Lebens». Dabei sind sie auch schon an ihre eigenen Grenzen gekommen und waren froh um den andern.

«Da sassen 100 Jahre Weisheit vor mir, doch ihr Mundwerk machte mich baff.»

Bei Sandra Bühler war das, man würde es nicht vermuten, im überschaubaren Basel: «Margrit werde ich nie vergessen, wir waren einmal bei einer über Hundertjährigen. Ein Lebemensch, sie hat sogar Einstein kennengelernt. Sie erzählte Männergeschichten, war frech und eine starke, aber harte Persönlichkeit. Sie hat uns gefragt, warum wir denn gekommen seien und ob man uns endlich denn Kuchen servieren könne, damit wir wieder gehen würden. Da sassen 100 Jahre Weisheit vor mir, doch ihr Mundwerk machte mich baff. Die andere Sandra schaffte es aber, bei der Sache zu bleiben. Ich war froh, denn ich war völlig überfordert. Das war sehr lustig und verwirrend zugleich.»

 

Die Hundertjährige

Die Hundertjährige, die mit ihrer kraftvollen Stimme und ihrer direkten Art uns beinahe sprachlos machte. Ein kleiner Ausschnitt aus unserem Gespräch im Jahr 2015 .

Gepostet von Menschen wie du & ich am Freitag, 12. Mai 2017

 

Prägende Eindrücke, das verändert auch das eigene Leben. Sie haben ihre eigenen Lebenslektionen aus den Reisen gezogen. Sandra Bühler habe gelernt, offener zu sein: «Früher hatte ich nicht viele Leute aus verschiedenen Schichten und Bereichen gekannt. Ich bin unbeschwert und ohne Schicksalsschläge aufgewachsen. Doch jetzt kann ich mich besser in jemanden einfühlen», sagt sie. «Ich habe schon immer versucht, gewissen Menschen beizubringen, genauer hinzuschauen und nicht vorschnell zu urteilen», erklärt Sandra Schmid.

«Fragt wie Kinder.»

Genauer hinschauen, nicht urteilen, zuhören: Die beiden jungen Frauen wollen ihre Mitmenschen genau dazu anregen. Mit Lebensereignissen von Menschen weltweilt, zu einem Buch zusammengetragen in den kleinen Schweiz. Ob es uns hier wohl einfach zu gut geht? Sandra Bühler ist nur teilweise einverstanden: «Wenn man vielleicht Reichtum anschaut, klar. Es geht uns gut. Wie haben eine hohe Lebensqualität, doch leben wir auch ständig in Erwartungen an uns selber, weil wir viele Möglichkeiten haben.»

Sandra Schmid spricht ein anderes Problem an: «Früher hatte man mehr Zeit und die Dinge waren nicht so schnelllebig. Das ist nicht unbedingt ein Schweizer Problem. Alles ist hektisch, man ist im Internet und stets informiert über alles und jeden. Das Grundlegende geht völlig verloren. Man vergisst es, zu reden. Bestes Beispiel: die Leute sitzen im Restaurant und alle starren auf das Handy.»

Deshalb ist die Botschaft auch klar, die sie den Menschen mit diesem Buch ans Herz legen möchten: «Fragt wie Kinder. Habt weniger Berührungsängste und macht euch nichts aus Stereotypen.»

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