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Im Boulevard Theater am Albisriederplatz gastiert zurzeit das Zürcherensemble «teatro orfeo» mit einem Stück aus eigener Feder. Untermalen von der Live-Musik der Band The Moonling erzählt die Truppe eine Geschichte zwischen Humor und Gesellschaftskritik: «Mensch Made In»

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Foto: zvg

Keine Lust auf dein Zimmer aufzuräumen? Genug vom Rasenmähen am Samstag? Von Geschirrspülen nach dem romantischen Abendessen zu zweit? Oder doch eher genug von deinem Ehemann, der gar nichts von romantischer Zweisamkeit hält und sowieso nie zuhört?
Die Firma hat die Lösung für all deine Probleme entwickelt: «das Produkt». Es sieht aus wie ein Mensch, bewegt sich wie ein Mensch und spricht mit dir fast genau wie ein Mensch. Das Schöne am Produkt: es arbeitet ohne zu murren, hat keine Gefühle. Sein Verhalten stört dich? Du kannst es ganz einfach umprogrammieren. Es ist immer folgsam und leicht zu bedienen. Sein Aussehen gefällt dir nicht mehr? Kein Problem! Du kannst es wegwerfen und eines im neusten Design holen. Das Neue wird genau so perfekt funktionieren wie das Alte.

Theater mit Musik – eine gute Mischung

Bei wem angesichts dieses kurzen Werbetext ethische Alarmglocken zu blinken beginnen, für den ist das Mensch Made In, eine Kollaboration der Züricher Band The Moonling mit dem teatro orfeo, genau das Richtige. Das Stück bietet während zwei äusserst kurzweiligen Stunden eine Mischung aus Gesellschaftskritik und bissig schwarzem Humor.

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Foto: zvg

Dabei dürfte das Stück sogar Theatermuffeln gefallen, denn durch die musikalische Untermalung von The Moonling bekommt es einen ganz eigenen Schwung: Wo in herkömmlichen Theatern während dem Umbau meist Stille herrscht, wird hier musiziert. Die zwielichtige Figur des Sängers, gespielt von Sebastian Möhr, tritt hinter dem Vorhang hervor und die Mondlinge spielen auf.
Der vielfältige Sound der Band, die raue Stimme Möhrs und nicht zu vergessen die auf die Handlung abgetimmten Texte, ergänzen dynamisch das Geschehen auf der Bühne. Die Musik hat die Zürcher Band eigenes für das Stück komponiert. Und das merkt man! Jeder Song lässt nachdenklich werden, kommentiert und erklärt das Geschehen auf der Bühne und verschafft Mensch Made In so mehr Tiefe…

Der Mensch wird zur Maschine

…wo das Stück doch auch ohne Musik schon viel Tiefe hätte. Es spielt in einer futuristisch anmassenden Version unserer Welt. Produkte gehören zum Alltag. Manche sehen sie als Segen an, andere verteufeln sie. Hinter allem steht Die Firma, welche die Mensch-Roboter erschafft. In der Firma arbeitet auch die junge Technikerin Eliane, die mit Oliver, einem Lehrer und gescheiterten Komponisten, liiert ist. Das Leben des jungen Paars wird durcheinandergewirbelt, als Eli eines Tages unerwartet befördert wird und als Geschenk ihrer Arbeitgeber ein Produkt namens Aurora vor ihrer Haustür steht. Doch Elis Beförderung bringt nichts Gutes: Sie wird von der Direktorin der Firma für ein Projekt namens Homo mechanicus missbraucht. Ausgang des Experiments: unsicher. Mögliche Folgen: Tod.

Die Maschine wird zum Menschen

Derweil steht die Firma vor anderen Problemen: Zwei Produkte der ersten Genration aus der Produktionsstätte paradise haben sich plötzlich verselbstständigt. Sie gehorchen keinen Befehlen mehr und befinden sich auf der Flucht vor ihren Erschaffern. Diese fürchten sich davor, dass sich andere Produkte mit Gefühlen und eigenständigen Gedanken anstecken könnten. Genau das ist tatsächlich das Ziel der beiden Produke «made in paradise» Protheva und Adameus. Doch das Haltbarkeitsdatum der beiden neigt sich dem Ende zu und sie befinden sich auf einer verzweifelten Suche nach ihrem Schöpfer.

Fazit

Die Produktion Mensch Made In regt zum Nachdenken an und verliert dadurch trotzdem nicht an Leichtigkeit. Dass es sich bei den Akteuren des teatro orfeo mehrheitlich um Amateur-Schauspieler handelt merkt man kaum. Die beiden Autoren des Stücks, Martin Willi, Regisseur und Leiter des teatro orfeo und Sebastian Möhr, haben beim Skript ganze Arbeit geleistet: in der vergnüglichen Geschichte tummeln sich lauter versteckte und weniger versteckte Anspielungen auf grosse Philosophische und Literarische Werke.
So bemerkt Produkt Aurora mit René Decartes Worten: «Ich denke, also bin ich.» Und Protheva aus der Produktionsstätte paradise lehnt sich Goethes «Prometheus» zitierend gegen ihre eigenen Erschaffer auf.
Und am Ende, da fragt der Zuschauer sich zwei Dinge besonders stark: Inwiefern werden wir in unserer technisierten Welt selbst zu Maschinen?

Und wieso hat eigentlich nicht jedes Theater eine Live-Band?

Weitere Informationen

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