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Alles geht mal zu Ende, so auch das 25. WGT. Viele reisten am Montag schon ab. Wer noch in Leipzig war, liess es nochmals richtig krachen.

Am letzten Tag locken Sonne und blauer Himmel viele der verbliebenen WGT-Besucher ins Heidnische Dorf. Dort spielen Kyoll: Episches Orchesterklänge unterstützen die Mittelalter-Band und kreieren eine ganz eigene Klangfarbe. Manchmal schwer und traurig, mit Cembaloklängen und Synthesizer, manchmal klassisch wie Lacrimosa, dann wieder lüpfig und tanzbar. Dazu passend sind die Bandmitglieder gekleidet: etwas mittelalterlich, etwas gotisch, etwas steampunkig. Schwer einzuordnen, aber in sich sehr stimmig. Ich kannte die Band vorher noch nicht, und bin von der ersten Note an begeistert. Technische Schwierigkeiten überspielt die Band gekonnt: Zuerst mit Witzen (was liegt unter der Erde und stinkt: eine Furzel), danach wird das Publikum aufgefordert, einmal laut und herzhaft den Typen am Computer auszubuhen. Die Stimmung ist super, aber auch etwas melancholisch: Schliesslich ist es der letzte Tag und bis zum nächsten WGT vergeht ein Jahr.

Tüftler mit Steampunk-Maschine (Foto: Christian Saladin)

Tüftler mit Steampunk-Maschine (Foto: Christian Saladin)

Diese vage Traurigkeit wird mit umso härterem Partyverhalten kompensiert. Die nächste Band hat dafür den richtigen Sound: Hoch die Krüge! Versengold ziehen viele Leute an, der vergnügte Pulk tanzt vor der Bühne.

Ein letztes Mal kann man sich in Schalen werfen, die einem anderswo Unverständnis oder gar Ächtung einbringen. Zudem gibt es an diesem letzten Tag in der Agra-Shoppinghalle vieles vergünstigt. Die Rabatte locken grosse Mengen Schnäppchenjäger in die Halle. Wer kein Geld mehr zum Ausgeben hat, setzt sich ins Café oder draussen in die Sonne, an die Tische, die zwischen den Food-Ständen stehen. Dort fallen auch zwei Steampunker mit ihrer Maschine auf: ein qualmendes und blinkendes Ding auf Rädern, dass Musik abspielen kann.

Aesthetic Perfection-Fans geniessen den letzten Tag am WGT (Foto: Christian Saladin)

Aesthetic Perfection-Fans geniessen den letzten Tag am WGT (Foto: Christian Saladin)

Auch der Konzertsaal der Agra ist voll, die Stimmung kocht. Fotograf Christian Saladin war vor Ort und berichtet: Musikalisch steht der Abend ganz im Zeichen elektronischer Klänge: Aggrotech, Future Pop, Industrial, Alternativ. Gitarren sucht man vergebens, Synthesizer und Keyboard dominieren die Bühne. Obwohl die meisten vom Headliner Agonoize angezogen wurden, war die Halle beim US Duo Aesthetic Perfection schon richtig gut gefüllt. Mit Kriegsbemahlung und Mikrofon bewaffnet begeisterte Daniel Graves mit ruhigen Elektro Pop Sounds und klarem Gesang das Publikum, während der Kollege im Hintergrund wild auf seinem Instrument herumturnte.

Danach kommt Mark Benecke auf die Bühne und spricht ein kurzes Schlusswort zum WGT, um gleich danach Agonoize anzukündigen. Für mich trifft das Kofferwort des Bandnamens den Sound sehr gut: quälender (agonise) Lärm (noise). Die gnadenlos hämmernde Beats, die sich im Brustkorb fast schon unangenehm anfühlen, jagen den stark verzerrten Gesang durch den Gehörgang und geben einem zumindest in der ersten Reihe das Gefühl, als würde der Kopf gleich platzen. Aber die Fans waren schlicht begeistert von Sound und Bühnenshow, die auch richtig was hermachte, ein schwebender Leadsänger umspielt und Flammensäulen und einer passende Lightshow. Als der Frontmann Chris L. dann mit einem grossen Küchenmesser an seinem Hals herumspielte und den roten Lebenssaft in die vorderen Reihen des Publikums verteilte, waren die Leute dann völlig ausser sich, Blutüberströmt jubelten und tanzten sie zu den Aggrotech Klängen. Manchen ist das auch etwas zu viel, und sie ziehen sich an den Rand des Pulks zurück. Hier ist die Tonqualität etwas besser, und man hat schön Platz zum Tanzen. Trotz Rauchverbot hängt leichter Grasgeruch in der Luft.

Agonoize gaben Vollgas (Foto: Christian Saladin)

Agonoize gaben Vollgas (Foto: Christian Saladin)

Auch in der Moritzbastei wird noch einmal Gas gegeben – zumindest in den Gewölben. Als die Nacht hereinbricht, schliessen die Schausteller auf dem Dach ihre Stände und beladen ihre Trucks. Die Melancholie, die den ganzen Tag schon in der Luft hing, wird beim Anblick der abfahrenden Lastwagen greifbar. Auch die Bar macht zu, Gäste werden freundlich hinaus komplementiert, indem ihnen das Personal mit Hochstuhlen und Aufräumen zu verstehen gibt, dass auch sie gern mal Feierabend machen würden. Dafür rollt der Rubel am Grillstand, der noch Würste und Steaks anbietet.

Im Keller der Moritzbastei wird noch ausgiebig getanzt. Die Luft ist stickig und heiss, viele trudeln in den Innenhof, um sich abzukühlen. Ein letztes Mal kann man Goths aus aller Welt kennenlernen, ein letztes Mal in Leipzig tanzen – oder auch: sich ein letztes Mal volllaufen lassen. Denn so fanatisch wir die letzten Sekunden Szeneparty dem WGT heraus pressen: Es ist zu Ende. Ein tolles Jubiläum, das Lust auf mehr macht.

Wir sehen uns – spätestens nächstes Jahr in Leipzig.