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Ein düsterer Tag für die Berner – nein, die Schweizer Kulturszene. Beat Anliker, besser bekannt als MC Anliker und Betreiber des Café Mokka in Thun, ist verstorben.

Beat Anliker, besser bekannt als MC Anliker, ist im Alter von 59 Jahren gestorben. Das berichtet die Zeitung «Der Bund» unter Berufung auf das nähere Umfeld des Thuner Stadtoriginals. Die Umstände seines Tods seien noch nicht bekannt, schreibt «Der Bund» weiter.

Ich habe MC Anliker bloss einmal in persona erlebt. Das war 2012 am «m4music» in Zürich. Als Gast sass er mit Tim Renner in einer geselligen Runde, trank Rotwein und erzählte seine Anekdoten. Man hätte seinen Geschichten ewig weiterlauschen können. Er ging unbarmherzig, grobschlächtig und doch liebenswert mit der Vergangenheit ins Gericht. Unvergesslich die Erzählung, wie er einst ein Demo-Tape von Nirvana aus dem Fester auf die Strasse warf, weil sie «scheisse» klangen.

Im September 2012 war ich dann in der Rekrutenschule in Thun. Einmal verschlug es mich auch ins Café Mokka. Über dem Eingang zum Biergarten prangte ein Banner: «Woodstock war scheisse». Anliker spielte nie nach den Regeln, passte sich nicht an. Er kämpfte stets für sein Mokka, auch als bürokratische Schwierigkeiten dem legendären Lokal beinahe das Genick brachen.

Erst Anfang September ehrte ihn die Stadt Thun mit dem «Thunpreis 2016», der ihm am 1. November vom Gemeinderat verliehen worden wäre. Nun ist Anliker vorher von uns gegangen, und das ist eine sehr traurige Tatsache.

Mach’s gut Pädu!

Stimmen und Erinnerungen zum Tod von MC Anliker

Anliker war eines der letzten wahren Originale in diesem Rock’n’Roll-Zirkus. Er hat das getan, was er für richtig hielt. Es war im einfach total egal, was andere darüber dachten. Er war der selbsternannte «sexy Motherfucker», Bürgerschreck und gute Fee in Personalunion. Und er hat dabei vermutlich mehr für die Jugend in Thun und Umgebung getan als all diese Jugend- und Sozialarbeitenden zusammen.Frank Lenggenhager, Lautstark GmbH
Rest in peace, MC Anliker! Danke für jedes Gespräch, jedes Wortgefecht und jede Möglichkeit, in deinem tollen Club aufzutreten. Das Mokka war ein Spiegel deiner Seele: bunt, mysteriös, verrückt aber tiefgründig und mit unendlich viel Herz. Da oben sind ja inzwischen ein paar Jungs, die man bestimmt zu einem Konzert im himmlischen Mokka animieren könnte. In diesem Sinne: Musik ist scheisse!Knackeboul, Musiker
Ich kann nicht Berndeutsch schreiben, echt nicht. Aber jeder der den Pädu kennenlernen durfte, kennt folgende Situation während des Konzertes:

Durch das Mic in einer Pause zwischen zwei Songs – in breitestem Berndeutsch. «Die Dame mit dem lauten Gespräch am Telefon darf dies gern draussen weiter führen. Wir respektieren die Musiker auf der Bühne. Und dazu gehört NICHT zu telefonieren.» Oder die wirklich liebevoll zubereiteten Dinner im einzigartigsten Backstage der Schweiz. Die Augen, dramatisch untermalt mit besserem Eyeliner, als ich ihn je hatte. Der liebevolle Cappuccino, von ihm zubereitet. Das Motzen über alles und jeden. Und am liebsten über die Anwesenden. Aber mit dem grössten Herz, welches ein so bäriger Mann haben kann. Die 200 Franken extra nach der Show, obwohl die Show nicht gebreakt hat, er es aber toll fand. Sein Engagement für die Musik. Nicht die Musikszene, sondern für die Musik.

Meine Wohnung ist gepflastert mit Mokka-Goodies. Auf der ganzen Welt haben die Menschen schon den «Musik ist scheisse»-Kleber gesehen. Wie er mich, als unerfahrene Tourmanagerin zusammengeschissen hat, weil ich zu früh (!) da war. Mir aber am Ende des Abends in seinem Büro sagte: Das machst du schon gut. Und ich stolz war wie ein Honigkuchenpferd. Er wird fehlen. Uns allen. Seiner Familie und seien Freunden. Und seinen treuen Bands. Welche immer wieder wegen ihm gekommen sind. Er war ein Mentor, ohne dass er es sein wollte. Und doch hab ich vom Mokka-Pädu sehr viel gelernt. Sehr viel.Tanya Gavrancic, Siren Promo

MC Anlinker war meine erste Begegnung im Musikbusiness – vor etwas über 17 Jahren. Ich bin aus Lausanne nach Thun gefahren für ein Treffen mit ihm. Da hat er mich zuerst einmal gleich wieder wegschicken wollen – er habe «jetzt einfach keine Zeit für sowas». Als ich jedoch insistiert habe, haben wir schlussendlich eine halbe Ewigkeit über das Musikschaffen philosophiert.

Seither hat er viele Bands von unserer Agentur gebucht und dabei manchmal auf die Konzertverträge von Hand ein Herz gemalt. MC Anliker war der mit Abstand beste Gastgeber, den ich im Musikbusiness je kennenlernen durfte. Niemand machte diesen Job mit mehr Herzblut macht als er. Ich habe persönlich miterlebt, wie er eine Band heimgeschickt hatte, weil «das doch alles nichts mehr bringt mit euch» und weil «das doch sowieso niemanden interessiert». Er hatte sowas von Recht damals bei dieser Band, denn das war ein Haufen «wannabes» und mit Sicherheit keine Herzblutmusiker. Denn die hätte er niemals weggeschickt!

Ich kann mir kaum vorstellen, wie man sich um das ganze Booking, die Organisation, das Essen (er stand immerhin jeweils stunden selber am Herd und hat für die Musiker gekocht!) und den Ablauf (inkl. selber das Licht zu bedienen) kümmern kann, um am Schluss noch abzurechnen und bis zum bitteren Ende der Veranstaltung anwesend sein?! Das geht nur, wenn man es aus reiner inneren Überzeugung für die Sache tut. Sowas ist als Normalsterblicher eigentlich gar nicht möglich.

Mit MC Anliker geht einer der letzten wirklich Guten, die es nur aus reiner inneren Überzeugung und aus Liebe zur Kultur gemacht hat! Eines von MCs Mottos war: Gutes Essen = gute Stimmung = gute Show. Dank des tollen Essens, der unglaublichen Gemütlichkeit im Backstage und im Haus allgemein, habe ich im Mokka die besten Konzerte erlebt. Die Musiker sind über sich hinausgewachsen und haben unfassbar emotionale Shows gespielt. Und alle wollten immer wieder dort auftreten. Das habe ich in dieser Form sonst nie erlebt.

Bei jedem Event, bei dem ich als Veranstalter involviert bin, lege ich allergrössten Wert auf die Betreuung und das Essen. Das habe ich von MC gelernt. MC hatte sehr viele Facetten, die zusammen eine unglaublich eindrückliche Persönlichkeit ausmachten und die einen auch immer wieder zum Schmunzeln gebracht haben.
Ich kann mich zum Beispiel an seine Sonnenbrillen-Sammlung erinnern, die er mir mitten in der Nacht während einer Gagen-Abrechnung vorgeführt hat. Oder an seine E-Mails: Immer alles in Grossbuchstaben und immer mit einem anderen Foto aus dem Mokka-Dekorations-Fundus versehen.

A propos Dekoration: Wehe, wenn eine Band die Deko auf der Bühne verschieben wollte… Wenn MC mitten auf der Bühne einen hüfthohen Plastikflamingo platziert hatte, so blieb der Flamingo auch während eines Rockkonzertes genau mitten auf dieser Bühne. So war MC.Stefan Schurter, Booker KUFA Lyss