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«Ich bin ständig unzufrieden mit mir selbst»

Der Berner Akkordeonist Mario Batkovic hat ein neues Musikgenre erschaffen, das Akkordeon rocktauglich gemacht. In Zürich hofft er auf ein Publikum, das sich auf Intuition einlässt.

Mario Batkovic, du bist als Berner immer öfter in der Region Zürich zu hören. Letztes Jahr M4Music, Winterthurer Musikfestwochen. Jetzt Kaufleuten. Wie kommt das?

Mario Batkovic: Schwer zu sagen. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Newcomer, dabei mache ich das ja seit etlichen Jahren, mein ganzes Leben lang. Früher einfach in anderen Bands und Projekten, die nicht unter meinem Namen liefen.

Wie wurdest du zum Solo-Künstler?

Im Grunde waren schon diese Projekte meine Gedankenkinder. Das war meine Musik, aber ich war letztlich einfach ein Mitglied. Dabei wartete ich bis die Zeit reif war um solo zu gehen.

Wann war die Zeit reif?

Irgendwann waren genügend Referenzen und die Glaubwürdigkeit da.

Was für Referenzen?

Ich habe ein Studio, ein Label und viele verschlissene Bands. Man kannte mich. Als Komponisten, als Musiker. Irgendwann kam die Anfrage, ein Solokonzert mit Tango zu geben. Ich fragte, ob ich zwei eigene Songs spielen dürfe. So ging es los.

Wie reagierten die Leute?

Die waren überrascht. Ich, der vom Punk, vom Rock’n’Roll herkam, sass da plötzlich mit einem Akkordeon und eher avantgardistischer Musik auf der Bühne. Wer mich aber wirklich kannte, sagte: Das ist, was du schon immer gemacht hast. Aber es ist irgendwie seltsam in der Schweiz.

«Und hier fragt man sich: Was macht er da?»

Was ist seltsam?

Eben dieses Gefühl, ein Newcomer zu sein. Da spiele ich in Belgien oder Holland vor tausenden von Menschen. Das Rolling Stone Magazin setzt mein Album auf Platz 9 der besten avantgardistischen Alben des Jahres 2017. Und hier fragt man sich: Was macht er da?

Batkovic solo – das bist du und dein Akkordeon. Wie ist es für dich, so exponiert auf der Bühne?

Es ist unglaublich intensiv. Der Gig beginnt, wenn ich ins Auto steige und endet, wenn ich wieder zuhause bin. Dazwischen gibts keinen Moment des Verschnaufens. Während des Konzerts fällt jeder kleinste Fehler auf. Ich bin gefesselt an einen Stuhl. Mit einer Band kannst du zwischendurch ein Bier trinken, mal rasch aussetzen. Das geht solo nicht. Aber die Zuhörer bezahlen für die Ohren. Das ist schön. Sie bekommen keine Show, nur Musik.

Wie lange spielst du da jeweils?

Kommt aufs Publikum an. Und auf den Saal und so.

Und so?

Mal spürt man, dass die Leute den letzten Zug erwischen wollen. Oder es läuft eine laute Lüftung. Mal sitzen die Zuhörer wie gebannt im Saal und klatschen mich dreimal zurück. 70 bis 90 Minuten spiele ich üblicherweise schon. Es können aber auch schon Zwei-Stunden-Shows.

Alleine und in stetiger innerlicher Panik: Mario Batkovic. Bild: Janosch Tröhler

Wenn du spielst, muss dein Körper fast schon mechanisch funktionieren. Wie schaffst du das mit solcher Präzision?

Durch starke Zweifel und eine permanente Unzufriedensheit. Ich werde manchmal gefragt, ob vor meinem inneren Auge ein Film abläuft. Der einzige Film, der da läuft enthält die Worte: Hoffentlich greifst du nicht daneben. Es geht da um Leben und Tod – und genau für diesen Moment lebe ich. Er ist unglaublich und ich bin glücklich, dass ich ihn immer und immer wieder erleben darf.

Das klingt unterbewertet, fast schon zufällig. Aber deine Musik erfordert hohes technisches Können.

Es gibt sicherlich noch bessere Techniker als mich. Aber sie spielen nicht ihre eigenen Kompositionen. Ich verstehe mich nicht als Akkordeonisten, sondern als Musiker, der zufällig Akkordeon spielt. Egal, welches Instrument du spielst: Ein gewisser Standard an Technik ist erforderlich, damit du die Musik spielen kannst, die du spielen willst. Aber wenn du ein paar Jahre intensiv üben würdest, könntest du auch so spielen wie ich. Für mich ist das nicht der relevante Teil an meiner Musik.

«Technik ist nicht der relevante Teil an meiner Musik.»

Die Kreativität ist dir wichtiger, also die Komposition …

Ich spiele mittlerweile keine Werke von anderen mehr. Ich merke, dass ich mit meiner eigenen Musik glücklicher bin. Bei Kompositionen aus dem Barock denke ich etwa, ich sei dafür nicht gut genug. Oder sie seien schlicht nicht für mein Instrument komponiert worden. Meine Interpretation des Akkordeons: Es ist der erste analoge Synthesizer.

Für deinen Sound gibts viele Bezeichnungen.

Die Journalisten versuchen das immer einzuordnen. Manche nennen es Neo-Klassik. Ein furchtbarer Begriff. Andere kategorisieren meine Musik als Experimental oder Minimal. Minimal ist er sicher nicht, manchmal klingt es ja wie ein ganzes Orchester.

Wie nennst du deine Musik?

Ich habe zwei Begriffe: Professionelles Fantasieren und primitive zeitgenössische Musik. Das Rolling Stone schrieb: «Die Musik klingt nach Klassik, ist aber Indie-Rock. Das gefällt mir noch, weil irgendwie alles drin ist.»

Ich finde deinen Synthesizer-Vergleich noch gut. Der Sound hat etwas von Jean-Michel Jarre, aber ohne Elektronik.

Ja, das stimmt auch. Jemand fand mal: The Dark Drone Accordeon. Mir ist das doch egal. Ich sagte immer, ich hätte keinen Musikgeschmack und keinen Stil. Und irgendwie schlägt sich das jetzt auch auf meinen eigenen Sound nieder. Einige finden auch, ich hätte einen neuen Stil entwickelt.

Hast du das nicht?

Woher soll ich das wissen? Ich bin dafür zu wenig objektiv. Ich mache, was ich für richtig halte. Das ist, als würde jemand sage, du siehst aus wie Johnny Depp. Und wenn du in den Spiegel guckst, merkst du: Das stimmt gar nicht. Es ist mir doch Wurst. Ich bin ich, auch wenn ich aussehe wie jemand anderes. Oder klinge wie jemand.

«Ich könnte jede Woche ins Studio gehen und ein neues Album aufnehmen.»

Kommst du vor lauter Auftritten eigentlich noch dazu, solch aufwendige Kompositionen zu schreiben?

Natürlich. Ich liebe etwa lange Soundchecks. Da werde ich wahnsinnig kreativ und entwickle neue Ideen. Momentan habe ich allein drei Projekte am Start. Ich könnte jede Woche ins Studio gehen und ein neues Album aufnehmen. Aber die Maschinerie des Musikgeschäfts kommt mit diesem Tempo nicht mit. Also muss ich mich etwas zügeln.

Bild: Janosch Tröhler

Ist das Musikgeschäft so wichtig für dich?

Ich höre schon auf Leute. Das ist mir wichtig, mache aber trotzdem mein Ding. Ich will auch das Urvertrauen in mich selbst behalten. Das Business kann einem dieses Vertrauen schnell kaputt machen.

Was treibt dich an?

Die ständige Unzufriedenheit mit mir selbst. Es gibt kein perfektes Konzert. Gäbe es das, wäre meine Musik auf einen Schlag vorbei.

Was erwartest du vom Konzert im Kaufleuten?

Einen schönen Abend, gute Leute. Menschen, die sich gerne überraschen lassen, die gerne auf ihre Intuition hören. Und auf meine.

Mario Batkovic spielt am 16. Februar im Kaufleuten Zürich. Weitere Informationen gibt es in unserem Kalender.