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Maik Weichert von Heaven Shall Burn über Scheindebatten, die EU und die Ruhe zur Meinungsbildung. Ein Gedankenprotokoll.

Es haben sich schon viele Philosophen beschäftigt, ob der Mensch grundsätzlich schlecht ist. Man kann schon den Eindruck gewinnen, dass Menschen, die Helden geworden sind, weil sie Gutes getan haben, die Ausnahme sind. Ich denke, es war auch das Problem von Marx, Engels und Co., dass sie die Menschheit falsch eingeschätzt haben. In einer Sache muss ich Albert Camus beipflichten, nämlich die Tatsache, dass es auf die Frage «Warum gibt es immer wieder Krieg?» nur eine Antwort gibt: Der Krieg ist in uns selbst. Krieg ist ein menschlicher Zustand und es gibt nur wenige Gegenbeweise.

Bring The War Home wurde von einem Bekannten inspiriert, der für die Bundeswehr im Ausland gedient hat. Er ist keine kriegsgeile Person, sondern dachte, dass er den Frieden in Deutschland beschützt. Er hatte jedoch dort das Gegenteil erlebt. Als er heimkam, hatte er psychische Probleme aufgrund des Erlebten: verletzte Kameraden, Tote in der Einheit. Es kam zu Schwierigkeiten in der Familie, seiner Beziehung. Er hat festgestellt, dass er hier viel mehr gebraucht worden wäre als irgendwo, wo er nichts bewegen konnte.

Die positive Motivation des Menschen wird von Kriegstreibern und der Rüstungsindustrie für den eigenen Profit ausgenutzt.

Stell’ dir vor: Da steht eine Mutter am Sarg ihres Jungen, der im Ausland Gutes tun wollte. Ein Jahr später zieht man die Truppen ab und es ist schlimmer als zuvor. Da wirft man ein Leben in den Mülleimer.
Es geht in Bring The War Home aber nur im die Beschreibung der konkreten Situation und gar nicht so sehr um die politische Dimension. Die positive Motivation des Menschen, der vielleicht auch perspektivisch keine andere Wahl hat als zur Armee zu gehen, wird von Kriegstreibern und der Rüstungsindustrie für den eigenen Profit ausgenutzt. Es geht ihnen gar nicht um die humanistische Mission, die überall auf den Fahnen drauf steht.

Es ist ein grosser Kampf, zu erkennen, dass man sich für eine falsche Sache aufgeopfert hat. Ich habe immensen Respekt vor Menschen, die sich das eingestehen können. Das erfordert unvorstellbares Format.
Wir von Heaven Shall Burn sagen, dass es sich lohnt zu kämpfen. Zumindest wofür wir einstehen: Toleranz und – wenn wir es hochtrabend ausdrücken wollen – den Humanismus der Aufklärung. Davon ausgehend, entstehen unsere Kritikpunkte: Stehe ich für diese Ideale ein, habe ich nun mal etwas gegen Kriegstreiber, Umweltzerstörung, Massentierhaltung. Gegen rechtsgerichtete Politiker oder religiösen Fanatismus, religiöse Ausbeutung.

Es gibt diese Leere, die durch einen Gott ausgefüllt werden muss. Das ist an sich nichts Schlechtes.

Letzteres prangern wir mit Prey To God an. Wenn Religion etwas Persönliches ist, habe ich überhaupt kein Problem damit. Das beinhaltet natürlich auch die Wahlfreiheit, sich gänzlich von der Religion loszusagen. Es ist in jeder monotheistische Religion aus dem Nahen Osten möglich, ein Leben als absolut glücklicher und guter Mensch zu führen. Trotzdem gibt es überall Gestalten, die den positiven und eigentlich guten Glauben der Menschen ausnutzen, um sie für eigene machtpolitische Ziele zu manipulieren. Irgendwie scheint es in der menschlichen Seele verankert zu sein: Es gibt diese Leere, die durch einen Gott ausgefüllt werden muss. Das ist an sich nichts Schlechtes. Aber wenn das missbraucht wird, um Menschen loszuschicken andere zu töten, ist es für mich das grösste Übel der Welt. Da mache ich keinen Unterschied zwischen den Religionen.

Über Polemiken wie «Alle Muslime sind Terroristen» mache ich mir keine Gedanken, weil es nicht die wahren Probleme sind. Das sind Scheindiskussionen. Politiker wagen sich halt auf diese Ebene, um Aktionismus zu machen und damit nicht wirklich Schaden anrichten.

Irgendwo ist die Menschheit ganz falsch abgebogen.

Es war stets unsere Herangehensweise, dass wir aktuelle politische oder gesellschaftliche Entwicklungen mit historischen Begebenheiten kommentieren wie etwa bei They Shall Not Pass. Um den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan zu kommentieren, muss ich gar nicht betrachten, was gerade jetzt geschieht, sondern einfach einen Blick in die Vergangenheit werfen: Wie ist es den Briten dort ergangen oder den Russen? Dann wirst du schon sehen, wie es sein wird. Ich glaube, dass sich die Geschichte in bestimmten Aspekten wiederholt.

Ich bin ein politisch und geschichtlich interessierter Mensch. Es gibt so viele Themen, die an einem vorbeirauschen. Da bleibt ab und zu eines im Filter hängen. Bei Corium war es ein Artikel über Corium, das Material, das bei einer Kernschmelze entsteht. Alleine schon das Wort hat mich fasziniert.
Im Song geht es um die Atomkraft als Auswuchs der Technologie-Gläubigkeit. Es ist nichts Schlimmes, an den Fortschritt zu glauben. Die Gläubigkeit an falsche Technologie-Propheten ist es dagegen schon.
Irgendwo ist die Menschheit ganz falsch abgebogen. Früher nutzte man die Wasserkraft intensiv, bis die Revolution mit fossilen Brennstoffen kam. Das gab zwar einen riesigen Aufschwung. Das wiederholte sich mit der Atomkraft – und ist nochmals richtig falsch abgebogen. Man weiss bis heute nicht, wo man die Abfälle lagern soll. Wäre diese Frage geklärt, hätte ich nichts gegen Atomkraft.

Man hat als Musiker natürlich nicht die Macht, Wahlergebnisse zu beeinflussen. Es gab zwar Musiker, die so viel Macht hatten, etwa Victor Jara in Chile. In den USA mit der 68er-Bewegung natürlich auch. Bei uns ist das eine Vorstufe. Es wäre schon einen Erfolg, wenn du die Menschen dazu bewegen kannst, überhaupt zur Wahl zu gehen oder eine Meinung bilden. Das ist die Front, an der wir kämpfen. Wir spielen nicht auf einem SPD-Parteitag.

Vor drei Jahren haben wir European Super State von Killing Joke gecovert. Jaz Coleman singt «Ours to build, ours the choice». Wir singen da «We have no choice». Die europäische Integration ist so weit fortgeschritten, dass man gar keine Wahl mehr hat, sich an der Diskussion zu beteiligen. Colemans Welt ist natürlich der Grundgedanke der Völkerverständigung. Er denkt nicht über eine Wirtschaftsunion nach oder über gesamteuropäische Profitmaximierung. Die Europäische Union wurde den Menschen ja auch als Völkerverständigung verkauft. Dass die ganzen Instrumente, die Organe der EU gar nicht diesem Ideal entsprechen, sondern dass es wirklich nur um die Wirtschaft geht, ist eine andere Sache. Trotzdem klingt es auch in diesem Song an: «Why are the proud descendants of Plato paying off more debts accommodating NATO?»
Seither hat eine starke EU-Osterweiterung stattgefunden. Die Menschen dieser Staaten merken nun, dass es nur um den wirtschaftlichen Gedanken geht. Sie selbst haben nicht viel von der EU. Sie arbeiten trotzdem unter dem Mindestlohn. Diese Tatsache hat viele negative Vibes in die EU gebracht. Es geht eben nicht um eine Völkerfreundschaft mit Polen oder Ungarn. Das kriegen nun vermeintliche Krösusse wie Deutschland aufs Brot geschmiert, wenn es darum geht, Flüchtlingskontingente zu verteilen.

Das Tafelsilber der Gesellschaft wird in private Hand gegeben.

Was mir in Deutschland immer wieder sauer aufstösst: Alles was Gewinn bringt, wird privatisiert und alles was kostenintensiv ist oder Verluste einfährt, wir vergesellschaftet. Da ist plötzlich alles sozialistisch: Die Deutsche Bank oder die Kommerzbank kriegen staatliche Unterstützung vom Steuerzahler. Aber sobald wieder Gewinne eingefahren werden, ist alles privat.
Als Stadt hast du das Schwimmbad am Hals, die Spielplätze, die Bibliothek – eben alles, was Geld kostet. Die Abfallentsorgung, die Wasser- und Energiewirtschaft wird nach und nach privatisiert. Das Tafelsilber der Gesellschaft wird in private Hand gegeben.
Auf Ebene von Bundesländern oder dem Staat an sich geschieht das Gleiche. So entsteht ein gesellschaftliches Ungleichgewicht, das für viel Frustration in der Bevölkerung sorgt. Daraus resultieren auch Tendenzen wie Xenophobie. Die Menschen haben das Gefühl, sie hätten zu wenig Geld. Dabei ist genug vorhanden, aber es wird in immer weniger Taschen gewirtschaftet. Dieses Ungleichgewicht wird irgendwann unsere kapitalistischen Gesellschaften zu Fall bringen, wenn das nicht angegangen wird.

Die Leute denken, sie haben eine Meinung, weil sie einen Link auf Facebook posten.

Auf Wanderer geht es letztlich darum, die eigenen Standpunkte wieder klar zu definieren. Im momentanen ideologischen Sperrfeuer ist es gar nicht so leicht, sich eine eigene Position zu bilden. Die Leute denken, sie haben eine Meinung, weil sie einen Link auf Facebook posten. Aber der eigene Denkprozess hat nicht stattgefunden, und der muss eben in der Ruhe stattfinden. Diesen Moment schildern wir auf der Platte.

Es ist auch die Kernbotschaft des Albums: Lass’ dich nicht in den Scheindebatten und mit Absicht eröffneten Nebenkriegsschauplätzen verbrauchen, denn sie sind nur dazu da, Energie dahin zu lenken, wo sie keinen Schaden anrichten kann. Die Menschen sollen sich zurückziehen, nachdenken und den passenden Zeitpunkt abwarten, an dem sie mit ihrer Meinung losschlagen können. Sie sollen sich nicht in jede dumme Debatte mit jedem dummen Menschen werfen. Eine in der Ruhe gebildete Meinung ist heute ganz wichtig.

Protokolliert am 24. September 2016 durch Janosch Tröhler.