Lola Marsh – Remember Roses

Das israelische Duo Lola Marsh haben ihr neues Album «Remember Roses» veröffentlicht. Es ist eine abenteuerliche Reise, die garantiert in Erinnerung bleibt. 

Das Album Remember Roses beginnt schlicht. Ein Klatschen hallt im Raum, dann steigt die Melodie ein und kurz darauf ertönt die markante Stimme von Yael Shoshana Cohen. You’re Mine ist ein aufgestellt hüpfendes Stück. Die Blaupause der Mischung, die das Duo Lola Marsh so gut wie keine andere Band erzeugt: exzentrischer Pop trifft nachdenklichen Folk.

Cohen und ihr Kollege Gil Landau aus Tel Aviv sind im Begriff, die Welt zu erobern. Viele haben Lola Marsh bereits gehört, vermutlich ohne es zu wissen. Ihr Song Wishing Girl untermalt die jüngste Werbekampagne von Ebay. Gleichzeitig ist das Stück im Kontext des Albums eine Anomalie: einfach, sehr poppig und am ehesten noch mit You’re Mine verwandt. So sind diese beiden Songs die einzigen euphorischen Tupfer auf Remember Roses. Allerdings will sich Wishing Girl dennoch nicht so recht in die übrigen Songs integrieren. Es erinnert gar an die Melodie von One Day aus der Feder ihres Landmanns Asaf Avidan.

Die wahre Genialität offenbart sich im Titelsong Remember Roses. Über einer unsterblichen Gänsehaut-Melodie erzählt Cohen eine Geschichte mit beispielloser Detailverliebtheit. Kein anderer Song kommt nur annährend an diese überlebensgrosse Hymne heran. Das Lied ist schlicht perfekt, so grenzenlos überwältigend, dass Worte nicht gerecht werden können.

I remember roses in the garden,
And my mother walking with her tray.
I was washing our car with my brother,
It was a lazy, sunny saturday.

Mit She’s A Rainbow erweitern Lola Marsh ihr musikalisches Spektrum erneut. Es erinnert mit den weiten Steicher-Parts an den Symphonic Rock von The Moody Blues. Das Pathos dominiert, jedoch ohne ins Schmalzige zu fallen. She’s A Rainbow ist kaum ein Song, den man von einer Pop-Folk-Band erwarten würde.

Genau dies ist die grösste Stärke von Lola Marsh: die Überraschung. Das Album ist wie das Meer; immer in Bewegung, immer unberechenbar. Man weiss nie, was einen hinter der nächsten Welle erwartet. Vielleicht ist es eine einsame Insel, vielleicht ein Ungeheuer, vielleicht ein anderes Boot. Insofern nimmt das Cover von Remember Roses dieses Gefühl perfekt auf.

Auf She’s A Rainbow folgt Bluebird, das mit seiner lieblichen Gitarre erstmals wirklich im Folk verhaftet ist. Doch langsam treten epochalere Gestalten aus den Schatten. Bluebird bekommt einen fast schon marschierenden Rhythmus. Lola Marsh kreieren eine beklemmende Atmosphäre.

To be free is the only wish I had

Danach erreicht The Wind beinahe die Flughöhe von Remember Roses. Wieder beginnt der Song ganz simpel und steigert sich in eine herzzerreissende Sehnsucht. Der Refrain kennt kein Erbarmen und zerfetzt die Seele mit Liebeskummer. The Wind frisst sich unter die Haut. Eine wundervolle Qual für alle, die schon einmal geliebt haben.

Das kleine Boot treibt weiter auf der See, als die Sirenen zu locken versuchen. Sirens schreitet unbeirrt vorwärts. Die mythischen Verführerinnen bezirzen mit Glockenspiel. Und obwohl Sirens alles andere als abgründig erscheint, schaffen Lola Marsh doch einen Abwärtsstrudel durch die absteigende Tonfolge, die einen in die Tiefen des Mittelmeers ziehen.

Stranger ist wieder ein klassischer Indie-Folk-Song, der allerdings auch kaum heraussticht. Nach einem kurzen Sirens (Interlude) schillert dafür Morning Bells wieder mit einer starken Pop-Melodie und einem mitreissenden Groove. Dass sich der Pop in ihrer Musik nicht so wie in Wishing Girl manifestieren muss, ist nach Morning Bells klar. Und ehrlicherweise muss man zugeben, dass es Lola Marsh so viel besser steht.

Mehr Blues und Soul denn Folk zelebriert Hometown. Ein langsames, trottendes Werk, das voll auf die Stimme Cohens setzt. Selbst wenn Hometown wiederum eine neue Facette von Lola Marshs Variantenreichtum zeigt: Der Song will nicht wirklich im Gedächtnis bleiben. Erst gegen Ende, als das Stück plötzlich Fahrt aufnimmt und mit dem Pfeifen gar an einen Western erinnert, kommt Euphorie auf.

Das wohl reinste Folkstück bleibt In Good Times. Stimme und akustische Gitarre schaffen ein liebliches Lied, das man den Kindern vor dem Schlafengehen vorspielt. Dann beschliesst Le Sud das Album. Noch einmal scheinen Lola Marsh ihre Qualitäten zu verpacken. Die einvernehmende Erzählung von Cohen, die perfekt ausbalancierte Instrumentalisierung. Ein versöhnlicher Abschluss.

There is a place that looks like Louisiana,
In Italy.

Remember Roses ist hervorragend produziert. Jeder einzelne Song besitzt seine individuelle Natur, seinen einzigartigen Charakter. Doch wird man das Gefühl nicht los, dass das Album mit 13 Songs einen Tick zu lang ist. Mit zehn Songs wäre man genauso überzeugt gewesen. Andererseits ist es auch unmöglich zu sagen, welche Songs man ohne zu zögern vom Album streichen würde. Das spricht definitiv für Remember Roses in der vorliegenden Fassung.

Lola Marsh haben mit Remember Roses ein starkes Werk veröffentlicht. Es sind herausragende Songs darunter, dazwischen sind gute Stücke gestreut, aber kein einzig Schlechtes. Lola Marsh mögen streckenweise durchaus massentauglich sein, doch geschickt propagieren sie auch einen hohen Anspruch ans Songwriting, die Arrangements und Produktion. Eine Fahrt auf dieser Nussschale ist gewiss ein akustisches Abenteuer, das in Erinnerung bleibt.

Remember Roses

4
/5
9. Juni 2017

Release

Anova Music

Label

Tracklist

  1. You're Mine
  2. Remember Roses
  3. Wishing Girl
  4. She's A Rainbow
  5. Bluebird
  6. The Wind
  7. Sirens
  8. Stranger
  9. Sirens (Interlude)
  10. Morning Bells
  11. Hometown
  12. In Good Times
  13. Le Sud