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Das m4music ist das grösste Treffen der Schweizer Musikbranche. Konferenzen und Konzerte locken während zwei Tagen nach Zürich. Wir sind mehr oder weniger live dabei.

 

00:25 Uhr

Eigentlich wollten wir uns noch Loyle Carner ansehen, doch die Box war schon dermassen voll, dass man anstehen musste und nur mit etwas Glück in den Genuss des neusten Hip-Hop-Sterns kam. Also ging es danach Richtung Halle, wo The Slow Show ihren epischen Indie-Folk-Rock zum besten gaben. Im November hatte die Band bereits das Plaza ganz ordentlich gefüllt.

Man durfte sich allerdings schon fragen, ob die Band mit ihrem doch sehr sanften Sound an einem Samstagabend um 23 Uhr zum passenden Zeitpunkt spielten. Ihre Musik hat einen sakralen Hauch. Eine weichgespühlte Andacht. Das Wort zum Sonntag am m4music. Doch das Publikum zeigte sich nicht sonderlich gläubig. Die Halle blieb nur halb gefüllt. Es ist eben nicht der Soundtrack um eine ausgelassene Nacht zu beginnen.

Nicht, dass das gegen die Band sprechen würde. Es ist schlicht nicht ihr Ding. Ihre Klänge sind für Tagträumer, für romantische Seelen, für die Melancholischen. Im April jedoch, mitten im keimenden Frühling, spielen die juvenilen Gefühle. Da bleibt wenig Raum für Nachdenklichkeit.

Doch The Slow Show waren ein perfekter Abschluss für unseren Liveblog. Wir beenden hiermit die Berichterstattung zum m4music 2017. Es war – trotz fehlender Fotopässe – ein amüsantes Erlebnis mit vielen Begegnungen und vertieften Einsichten ins Business.

Am Sonntag um 20 Uhr könnt ihr auf radio-meltdown.ch noch ein «Songs der Woche – m4music Special» hören. Ausserdem haben wir noch zwei Interview im Ärmel – mit Dominik Landwehr, Direktor Pop und Neue Medien beim Migros Kulturprozent, und Ruud Berends vom European Talent Exchange Programme. Also stay tuned und danke für eure Aufmerksamkeit

22:55 Uhr

Wieso gibt’s hier noch nichts Musikalisches? Gute Frage. Aber unsere liebe Pat kam spontan vorbei und hat sich Soybomb angesehen. Ihr Fazit:

Ein echter Geheimtipp, dem sich auch das vorbeilaufende Publikum nicht entziehen konnte. Explosiver Artpop – das sind Soybomb.
Synthesizer, Schlagzeug und der Typ an der Gitarre – der Sound divers und packend. Kein Moment ist vorhersehbar. Erst recht nicht die Kammerchoreinlage. Soybomb sollten kein Geheimtipp bleiben. Sympathisch, nah am Publikum und fucking rocking!

21:55 Uhr

Das letzte Conference-Panel des heutigen Tages fand zum schwarzen Gold statt: dem Vinyl. Der renommierte Musikjournalist Hanspeter «Düsi» Künzler sprach mit Nigel House von Rough Trade.

Jeder Vinylmaniac kennt diesen famosen Namen aus London: Rough Trade. Es ist ein Name, der zum Synonym für den Plattenladen an sich geworden ist. Rough Trade verkaufte als erster Laden Punkmusik oder die Motown-Sounds aus den USA. Nigel House meinte zum Gründer von Rough Trade, Geoff Travis: «Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.»

House kam 1977 nach für das Studium nach London und kaufte im Rough Trade seine Platten. Später wurde er gefragt, ob er nicht da arbeiten wolle. Er sagte zu und später übernahm er mit zwei Kollegen das Geschäft, als Rough Trade finanziell am Boden lag. Heute geht es dieser Marke wohl besser denn je.

In den Anfangsjahren seien Overstocks, also zu hohe Lagerbestände, das grösste Problem gewesen. Dass Rough Trade dennoch überlebte, sei vor allem den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geschuldet. «Es braucht Verkäufer, die Wissen und Leidenschaft mitbringen, aber eben auch verkaufen können», erklärte House.

Das Internet macht House eher weniger Sorgen. Klar hätte Amazon mit tiefen Preisen etwas wehgetan, aber Rough Trade habe dieses Wetteifern über den Preis nie mitgemacht. «Es ist sinnlos, etwas zu verkaufen, wenn du damit kein Geld machst», begründete er die Strategie. Nachdenklicher stimme ihn, dass in den USA Verkäufe aus dem Backkatalog grosser Künstler wie den Doors oder Led Zeppelin mittlerweile mehr Umsatz machten als neue Künstler. «Wir müssen neue Sachen verkaufen und nicht in der Vergangenheit leben.»

Den Erfolg von Rough Trade im digitalen Zeitalter erklärt sich House folgendermassen: «Du musst den Menschen das Gefühl geben, dass sie Teil einer Community sind.» So ist Rough Trade heute nicht bloss ein Plattenladen, sondern auch ein Café, eine Bar und eine Konzertvenue, wo Künstler in sehr exklusivem Rahmen auftreten. Rough Trade ist kein normaler Laden, es ist ein Statement, ein Happening. Man müsse die Leute begeistern, meint House weiter.

Bezogen auf die Musiker, gab House dann noch den einen Tipp: «Stay underground a bit longer. Make yourself a bit cooler.»

 

19:45 Uhr

Hui, da ist ordentlich Zeit verstrichen seit dem letzten Update. Du fragst dich bestimmt, was wir in der Zwischenzeit getrieben haben. Nun, wir haben zwei sehr nette Jungs von Rola Music getroffen. Und danach haben wir uns rund 20 Minuten mit Ruud Berends vom European Talent Exchange Programme unterhalten. Das Interview folgt bald.

Wir haben auch das wohl amüsanteste Panel des ganze m4music 2017 besucht: Pop-Performace-Analysen mit den Satirikern Viktor Giacobbo und Dominic Deville. Was für ein Plausch! Die beiden triezten sich ohne Unterlass. Zuerst zeigte Deville ein Video seiner alten Band Failed Teachers. Da springt der heutige Moderator in einem kläglichen Stagedive-Versuch in die Menge, die sich teilte wie das Meer bei Moses. Deville, der früher Kindergärtner war, erklärte: «Ich bin dorthin gesprungen, wo es am meisten Kinder hatte, denn da landet man weich.»

Dann war Giacobbo an der Reihe und natürlich wurde seine Kunstfigur Harry Hasler gezeigt. «Ich habe mich echt geschämt», meint Giacobbo bloss, aber es sei schon eine Art Früh-Rap gewesen. Deville konterte: «Wenn man Vanilla Ice als Rap bezeichnet…»

Dann präsentierte Deville sein grosses Vorbild: G.G. Allin, ein richtig kranker Performer.

G.G. Allin sei der Auslöser gewesen, dass er Kindergärtner wurde. Deville meinte auch lapidar: «Einer, der sich auf die Unterhosen auszieht und einem in die Fresse haut, bräuchte es mehr in der Schweizer Popmusik.». Sein Plädoyer war dann auch, dass er für mehr Gefahr und Unterhosen am Adrian Stern-Konzert sei.

Giacobbo behauptete darauf, dass Allin gar nicht durch einen goldenen Schuss gestorben sei, sondern weiterhin unter dem Pseudonym Demis Roussos weiterhin Karriere machte. Als Deville das Bild von Roussos sah, sagte er überrascht: «Ich dachte erst, das sei dieser Rapper Skor. Aber Roussos hat mehr Flow.»

Giacobbo war es auch, der Vico Torriani als Pionier der Rockmusik ins Spiel brachte. Nun drehte sich alles um Publikumsanimation. «Wer schätzt eine Animation?», fragte Deville in den Raum und begann zu zählen: «Eins… Zwei… Drei… Elf Schlagerfans.»

Es folgte eine weit unter der Gürtellinie spielende Passage mit katholischen Priestern und Ministranten. Da wurde aus dem m4music schnell ein minors4music.

Der wirkliche Höhepunkt war, als Deville Alfonso Siegrist vom Mascotte, also dem Gastgeber seiner Late Night Show, einen Gin Tonic brachte. Siegrist gab ihn gleich an den Herren vor ihm weiter, als dann Giacobbo fand, es müsse da auch Gurke rein und ihm die ganze Gurke reichte. Wenig später – das Thema Gin Tonic schien bereits abgeschlossen – warf der Herr die Gurke wieder auf die Bühne. Giacobbo reagierte promt: Bei ihm würde immer noch Frauenunterwäsche hochgeworfen. Ihm, also Deville, werden Gurken von Männern zugeschmissen.
Deville brauchte natürlich auch wieder einen neuen Gin Tonic, also schnappte er sich kurzerhand den ganzen Eiskübel, schüttete massig Hendricks Gin rein und sagte beiläufig: «Ich mochte schon immer viel Eis in meinem Gin Tonic.» Danach schüttete er noch eine ganze Flasche Tonic Water unzimperlich hinterher. Als Finale steckte Giacobbo die ganze Gurke in das Mischmasch rein. Prost!

Mit Musik hatte das Panel zwar nicht viel zu tun, aber wer hatte das schon erwartet? Es war ganz angenehm, mal das Zwerchfell und nicht das Trommelfell zu beanspruchen.

15:50 Uhr

Eine ziemlich coole Performance-Idee: das interaktive Konzert.

13:05 Uhr

Die Jury der Demotape Clinic Rock ist zum Schreien: Tommy Vetterli, bekannt von Coroner und heute erfolgreicher Produzent, muss gefühlt bei jeder zweiten Band in den Ausstand treten, weil er die Musiker entweder zu gut kennt oder sogar die Demos produziert hat.

Dafür fegt Christian Wicky von Irascible die anderen Mitglieder der Jury mit seinen genialen Aussagen weg. Seine Tipps für die Bands sind unkonventionell, amüsant, aber vermutlich eben auch substanziell:

12:40 Uhr

Der Tag begann für uns mit dem Business Mixer Brunch, organisiert vom Swiss Music Export. Danke für die leckeren Knabbereien. Und vor allem: den Kaffee.

Jetzt sind sitzen wir in der Box und sind gespannt, wer dieses Jahr in der Demotape Clinic in der Kategorie Rock abräumt. Die Preise in den einzelnen Kategorien der Demotape Clinic sind mit 3000 Franken dotiert.

10:40 Uhr

Ausgeschlafen? Nicht wirklich. Spielt aber keine Rolle, wir bewegen unseren müden Hintern trotzdem wieder nach Zürich. Drei Panels, die uns an der heutigen Conference besonders interessieren:

Auch musikalisch wird es heute wieder spannend. Wir versuchen rechtzeitig bei folgenden Acts dabei zu sein:

  • Soybomb
  • Baba Shrimps
  • Loyle Carner
  • The Slow Show

 

Der Freitag im Rückblick

13 Updates in unserem Fast-Livefeed. 13 Stunden Erlebnisse.

Der erste Tag des m4music 2017 ist Geschichte. Wir haben drei Acts gesehen, die überzeugen konnten: Angefangen bei Yes, I’m Very Tired Now und Roosevelt. Zum Abschluss dann noch Crimer im Exil.

Aber auch ein Teil der sogenannten Conference bleibt in guter Erinnerung: Etwa die Lesung von Flake, seines Zeichen Keyboarder bei Rammstein, der mit seiner unaufgeregten Art und trockenem Humor für heitere Stimmung sorgte.

Weniger erquicklich war dann The Grill, bei dem Schweizer Musik geröstet werden sollte. Weshalb das aber ein gutes Zeichen für die Musikszene ist, liest du hier.

 

01:15 Uhr

Let’s call it a day… 13 Stunden m4music reichen für einen Tag vollkommen aus. Und für eine Ein-Mann-Aktion ist das Resultat ganz passabel, oder?

Nun gut, unsere Arbeit können wir schlecht beurteilen. Das müsst ihr für uns machen. Wir stehen dann wieder morgen frisch und nicht wirklich ausgeschlafen auf der Matte.

Was schon an diesem Freitag auffiel, ist ein bekanntes Phänomen: fomo – fear of missing out. Also die Angst etwas zu verpassen. Das m4music ist in dieser Hinsicht ein Paradebeispiel. Hier spielen Bands und Musiker vor gestopft vollen Publikumsreihen. Nicht, dass sie das nicht verdient hätten, im Gegenteil. Doch wenn einige dieser Acts dann auf ihrer Tour in der Schweiz Halt machen, bleiben die Konzerte vergleichsweise schlecht besucht. Aber am m4music ist man dann doch dabei. Sehen und gesehen werden scheint oft vor der künstlerischen Leistung zu stehen, auch wenn’s natürlich kaum jemand zugeben würde.

Und obwohl das Festival der Öffentlichkeit zugänglich ist, bleibt es doch im Kern ein Treffen der Musikbranche: Der Kuchen frisst sich gerne selber.

Ist das schlimm? Nein, solange es Bier und interessante Musik gibt, erträgt man auch den Laufsteg des Who-is-who mit Gelassenheit.

00:25 Uhr

Kurz vor Mitternacht wurde es nochmals richtig spannend im engen Exil. Crimer aus dem St. Gallischen Rheintal hatte seinen grossen Moment im kleinen Club. Er ist sowas wie die lokale Version von Roosevelt – mit einem deutlichen Unterschied: Crimer macht keinen Hehl aus seinen 80er-Allüren. Vom Look bis zum Sound ist alles auf das Jahrzehnt des Schulterpolsters getrimmt. Sein Tanz inspiriert von Klassikern wie Flashdance oder Footloose. Das zu breit geschnittene Jacket umflattert den Körper, der bis zum Hals in einem weissen Rollkragenpulli steckt. Die Frisur: unbeschreiblich aus der Mode gekommen.

Doch das Konzept des jungen Musikers ist stimmig und geht auf. Seine Single Brotherlove wird landauf, landab gefeiert. Der Aufstieg des Rheintalers ist so rasant, dass er der heisse Kandidat für einen Raketenstart ist.

Auf der Bühne des Exils drehte Crimer aber erst richtig auf. Und wie! Als sei er dem Wahnsinn verfallen wirbelte er hin und her. Ein animalischer Trieb schien ihn gepackt zu haben. Doch nicht die astreine Referenz an die Achtziger macht Crimer aussergewöhnlich, sondern seine Stimme. Sie hat Charakter, bleibt einem noch lange im Ohr hängen. Hier steht er Dave Gahan in keinster Weise nach. Crimer mag eine ganze Generation von Depeche Mode-Fans begeistern.

Skeptisch darf man trotzdem sein: Wird das Retro-Konzept auf Dauer funktionieren oder ermüdet es nicht zu sehr? Aber mit einem Kapital wie dieser Stimme darf man Crimer wohl nicht zu schnell abschreiben. Wenn er es richtig macht, kann er gross werden.

22:45 Uhr

Die nächtliche Dunkelheit ist über den Schiffbau hereingebrochen, doch vor seinen Toren vibriert das Nachtleben noch in vollen Zügen. Denn erst jetzt ist das echte Publikum, die Fans, da und voller Neugier. Das m4music ist eines der weniger Festivals in der Schweiz, die konsequent Newcomer bucht.

Eine dieser Newcomer-Bands kommt aus St. Gallen und trägt den wohl coolsten Namen überhaupt: Yes, I’m Very Tired Now. Sie spielten den letzten Auftritt auf der Showcase-Stage, die nicht mehr als ein seitlich geöffneter Lastwagen ist. Der saubere, kühle Sound, den sie in den Studioaufnahmen verbreiten, bekommt auf der Bühne hingegen Ecken und Kanten. Der energetische Drive vereint sowohl Rock-Strukturen als auch Club-Charakter. Wem Yes, I’m Very Tired Now also aus der Konserve nicht so zusagt, tut gut daran, sich die Band auch live in Aktion zu gönnen. Man könnte positiv überrascht sein.

Yes, I’m Very Tired Now aus St. Gallen. Bild: Janosch Tröhler

Kurz nach den St. Gallern zog es viele Besucherinnen und Besucher in die grosse Halle. Denn Marius Lauber alias Roosevelt verspricht tanzbaren Sound à Discretion. Tatsächlich ist der junge Wahlkölner einer der vielversprechendsten Electropop-Emporkömmlingen. Am m4music wird dann auch deutlich weshalb: Der Musiker schafft den Spagat zwischen knochenbrechenden Bässen, filigranen Ohrwurm-Melodien und melancholischer Partylaune. Diese scheinbar unvereinbare Mixtur stellt den echten Startschuss für eine aufregende Konzertnacht dar.

Man kommt zwar nicht umhin, Roosevelt ein kleines 80ies-Fever zu attestieren. Trotzdem wäre es zu simpel, den Sound als Teil der Retromania abzutun. Der Musik haftet Zeitgeist an. Die nahtlose Fusion bunter Disco-Tunes auf technoiden Steroiden und groovigen Indie-Rock-Kapriolen schafft aus Altvertrautem ein frisches Klangerlebnis. Eines, das vor allem durch seinen Treib und seine Tanzbarkeit überzeugt.

Roosevelt rockt. Bild: Janosch Tröhler

20:40 Uhr

Es ist wieder einige Zeit verstrichen seit dem letzten Update. Wir haben zum Beispiel den bekannten Twitterer @sms2sms getroffen. Unserer Ansicht nach der intellektuellste Troll der Schweiz. Er ist als ehrenamtlicher Helfer am m4music unterwegs:

Dann haben wir uns mit Dominik Landwehr, Leiter der Abteilung «Pop und Neue Medien» beim Migros Kulturprozent, unterhalten. Aus einem kurzen Interview wurde plötzlich ein 20 Minuten langes Gespräch über Digitalisierung und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Wir werden das Interview im Anschluss an das m4music publizieren.

Ein kleiner Schock war der Verlust des «kleinen Schwarzen», dem treusten Begleiter an Konzerten: Ein Notizbuch von Moleskine. Glücklicherweise gibt’s noch ehrliche Menschen, die das Büchlein im «Fundbüro» abgegeben haben. Besten, herzlichsten Dank an den oder die FinderIn. Du hast ein Bier bei uns gut: Melde dich!

Nach der Aufregung um das Notizbuch war dann das Exil schon so pumpenvoll, dass man sich den Auftritt von Odd Beholder eigentlich nicht mehr ansehen konnte. Deswegen bleiben wir jetzt an der frischen Luft und warten auf die Band mit dem coolsten Namen: Yes I’m Very Tired Now.

18:45 Uhr

Das sind Katinka und Johanna vom «Rockstar Magazine», sie tickern ebenfalls vom m4music. Aber ein bisschen mehr mit Gifs als wir:

17:55 Uhr

Wieder mal ein Besucher des m4music. Wir haben noch ein paar «People of m4music» für euch bereit:

17:40 Uhr

The Grill – eigentlich sollte hier «Schweizer Grillfleisch», also Musik, aufs Feuer geworfen werden und mit scharfen Worten auf Herz und Nieren geprüft werden. Auf dem Podium im ehrenwerten Moods sassen Jens Balzer, scharfzüngiger Musikkritiker, und Petra Husemann-Renner, Geschäftsführerin von Motor Music. Sie sollten die Schweizer Musik richtig zerpflücken, während Jean Zuber von Swiss Music Export sich mit Leidenschaft für die Bands ins verbale Feuergefecht wirft.

Doch anstatt einem feurigen Grill gab es bloss eine Marinade des Lobes. Den Anfang machte FlexFab aus Neuenburg mit seinem abgefreakten Trap. «Trap funktioniert weltweit», meint Husemann und Balzer fügt an: «Mein Fuss hat auch gewippt. Das Video fand ich super.»

Danach kamen One Sentence. Supervisor an die Reihe. Würden hier die Kritiker böse Worte finden. Nein, natürlich nicht. Nach dem Video zu Untiteld fragte Balzer nur: «Habt ihr hier in der Schweiz gerade ein 80er-Revival?» Husemann meinte dann aber, dass ihr Algo Rhythm besser gefalle. Ok, einverstanden. Die Band würde sich «gut auf einem Acid-Rave-Druffi-Festival machen», sagte dann Balzer noch. Überhaupt glänzte Balzer als einziger mit seiner Wortakrobatik, die ab und an dem Publikum ein Schmunzeln ins Gesicht treiben konnte.

Mit Zeal & Ardor wurde es richtig spannend. Das Projekt von Manuel Gagneux ist sowas wie die grosse Hoffnung des Schweizer Musikbusiness. Wehe, wenn hier auch nur ein böses Sätzchen fiele. Die Sorgen waren unberechtigt. Balzer meinte nur lapidar: «Gospel und Metal sind gar nicht so weit voneinander entfernt: Beide beschäftigen sich mit schweren christlichen Symbolen.» Devil Is Fine fand er aber – meines Erachtens zurecht – nicht der stärkste Track des gleichnamigen Albums.
Beim zweiten Song Come On Down sagte Balzer dann, dass er es gut fände, wenn man merke, dass jemand eine Ideee hat und einzelne Facetten dann Track um Track zeigen könne. Auch nicht wahnsinnig brisant, diese Aussage. Petra Husemann rechnet Zeal & Ardor auch gute Chancen in Deutschland aus: «Wir sind ein Metal-Land.» Und der virale Hype um das Projekt hätte ein gutes Fundament für den Erfolg gelegt.
Balzer brachte dann zum Glück doch noch etwas Skepsis mit, indem er einen Vergleich zur Band Babymetal zog: «Es gibt schon einen Wunsch nach Metal plus irgendwas. Aber bei Babymetal war der Hype dann schnell verpufft.» Er könne sich das Konzept von Zeal & Ardor nicht als Karrieremöglichkeit vorstellen.

Zuletzt waren Odd Beholder daran, in die Marinade getaucht zu werden. Hier musste Jean Zuber, der die ganze Zeit über etwas hilflos dasass, weil er Hintergrund zu den Bands liefern sollte, den er gar nicht bieten konnte, erstmals in die Bresche springen. Denn Balzer meinte nach Landscape Escape: «Ähm, hübsch. Für mich etwas zu niedlich. Ein Ausreisser täte ganz gut. Die Songs haben alle die gleiche Temperatur.»

Am Ende waren Balzer und Husemann in wunderbarer Hippie-Harmonie: Zeal & Ardor hat die grössen Erfolgschancen, aber sie fänden alle Künstler gut. Das ist für die Schweizer Musikszene natürlich ein tolles Lob. Noch vor zwei Jahren wurden etwa Yokko nach Strich und Faden auseinandergenommen. Die Zeichen stehen also gut für das Schweizer Musikexportwesen.

Allerdings funktioniert die blumige Einigkeit und das liebliche Lob für das Format eines Grills schlicht und einfach nicht. Bitterböses erwartet, bitterböse enttäuscht.

Jean Zuber, Jens Balzer, Petra Husemann-Renner und Moderator Yann Cherix (v.l.). Bild: Janosch Tröhler

16:00 Uhr

Ja, das m4music ist eben nicht nur ein Festival, das man besucht, sondern auch perfekter Ort um neue Kontakte zu knüpfen oder alte zu pflegen. Wir haben uns eben mit Kai von Greywood Records getroffen, um mögliche Artikel zu besprechen. Kai ist zusammen mit seinem Labelboss Heiko extra aus Berlin angereist:

Was wir genau in Planung haben, verraten wir natürlich noch nicht. Aber wir sind überzeugt: Da gibt es ein paar sehr spannende Künstler mit aufregenden Hintergrund-Geschichten. Vielleicht reisen wir schon bald mal nach Deutschland, um diese Reportagen zu realisieren.

Im Gespräch bei Bier und Zigarette wurden wir dann auch schnell philosophisch, diskutierten über den Wert der Kultur für die Gesellschaft, die Fragmentierung des Kulturkonsums und Filter Bubbles. Spannende Gespräche auf jeden Fall.

Jetzt geht’s dann weiter mit dem offiziellen Programm für uns: The Grill, Schweizer Musik auf dem Prüfstand. Wir erwarten Bitterböses.

14:15 Uhr

Ein erstes Highlight kommt am m4music schon früh: Um 13:30 Uhr rief Flake, der zappelige Keyboarder von Rammstein, zur Lesung aus seinem neuen Buch. Klar, dass die Laborbar schön voll wurde.

Und Flake? Wer Rammstein kennt, kennt auch den hibbeligen, irrwitzigen Tastenakrobat. In Zürich sitzt der Rockstar mit blauer Jeans und blauem Hemd auf der Bühne. Die Haare zum adretten Scheitel gekämmt, eine biedere Brille auf der Nase. Richtig harmlos sieht er hier aus. Ein Kontrapunkt zur brachialen Performance der grössten deutschen Band.

Die Brille war dann auch das Thema des Vorworts. Und die Eindrücke aus der DDR, wo Flake aufwuchs. Er erzählt vom SV-Buch, wo die Krankheiten eingetragen wurde. Das SV-Buch nennt er die «Biographie der Ostler», in dem bei ihm sehr oft die Nummer 465 eingetragen war: Erkrankung der oberen Atemwege.
Auch HWG stand da: Häufig wechselnder Geschlechtsverkehr. Das sorgte natürlich für Neid – vor allem bei jenen, die überhaupt kein Geschlechtsverkehr hatten.

Die Eindrücke aus der Biographie von Flake sind faszinierend, aus der Lebenswelt von Ostdeutschland mit ihren Entbehrungen und skurrilen Gepflogenheiten. Von Frau Schmitt, die nach Katze roch, seine erste Klavierlehrerin. Von der Schwierigkeit, ohne Klavier, lernen zu spielen, in dem er die Tasten auf ein Stück Papier zeichnete. Vom ersten Konzert, voller Nervosität, an dem ihn seine Mitmusiker verliessen und er kurzerhand neue suchen musste.

«Wir Keyboarder stehen einfach hinter unseren Instrumenten wie am Bankschalter… Tastenficker eben.»

13:25 Uhr

Wir schnappen uns hin und wieder ein paar Menschen, die durch den Schiffbau schlendern. Hier ist Alex Haag von der Swiss School of Live Marketing:

12:25 Uhr

Ein gemütlicher Start. Die Sonne scheint herrlich warm auf den Vorplatz des Schiffbaus, der leider durch eine Baustelle sehr begrenzt ist. Es könnte definitiv eng werden heute Abend, wenn als die Feierwütigen kommen. Etwas weiter weg ragt der Prime Tower schimmernd in die Höhe.

Viel ist noch nicht los. Die Künstler, Medienschaffenden und Branchenmenschen holen ihre Badges ab und geniessen einen Kaffee. Unser Ziel: Irgendwie W-Lan auftreiben, der Hotspot übers Handy ist einfach zu mühsam, denn in den alten Gemäuern ist die Verbindung viel zu schlecht.

10:20 Uhr

Fotografen hin oder her: Davon lassen wir uns selbstverständlich nicht entmutigen und geben trotzdem unser Bestes, damit ihr (fast) live dabei sein könnt. Wir haben natürlich einiges in der Pipeline. Am besten folgst du uns auch in den sozialen Netzwerken.

Heute freuen wir uns ganz besonders auf Odd Beholder. Das Zürcher Duo spielt um 20 Uhr im Exil. Landscape Escape ist eine faszinierend sphärische Electropop-Landschaft. Kein Wunder also, dass sie einer der heissesten Schweizer Exporte zurzeit sind.

9:30 Uhr

Wir sind startklar: Kamera, Laptop, Mikrophon und Visitenkarten – alles muss mit für das grosse Branchentreffen m4music. Das vom Migros Kulturprozent organisierte Festival feiert dieses Jahr seine 20. Ausgabe. Und schon jetzt ist klar: Es wird rappelvoll werden. Die Zweitages-Pässe sind ausverkauft. Verständlich, wenn man sich die Acts ansieht, die rund um den Zürcher Schiffbau auftreten werden. Wir haben im Vorfeld einige heisse Tipps für euch rausgesucht.

Kritik zum Anfang

Das m4music ist eine Pflichtveranstaltungen für alle, die um Dunstkreis der Musikszene schwirren. Auch wenn das Festival eher eine Pop-Ausrichtung pflegt, ist es selbst für Nischen-Medien ratsam, sich zu zeigen. Kontakte knüpfen ist hier ebenso wichtig wie die Panels und Konzerte.

Aber die Berichterstattung kommt für Negative White an oberster Stelle. Und zwar möglichst live, zumindest in der Form, wie wir es umsetzen können: mit vollem Einsatz von Text, Bild und Ton. Und natürlich den sozialen Netzwerken.

Deshalb haben wir zwei Fotografen aufgeboten. Jemand für Freitag, jemand für Samstag. Leider wurden diese Anfragen nicht bestätigt mit der Begründung: «Wir haben zwei Fotografen engagiert und stellen vom ganzen Festival hochaufgelöstes Bildmaterial auf unserer Website für die Medien zur Verfügung.»

Das ist ein schöner Service für die Medien, aber vor allem eine Gleichschaltung. Nicht, dass es jetzt zu wahnsinnigen Skandalen kommen wird, aber unabhängige Magazine wie Negative White sind im Kampf um Aufmerksamkeit auf sogenannte Unique Selling Points angewiesen. Alleinstellungsmerkmale. Das können faszinierende Fotos oder scharfe Texte sein.

Man teilte uns mit, dass wir begründen sollten, weshalb wir die Fotopässe brauchen. Das haben wir getan:

Wir sind stets bestrebt, einen eigenen Zugang zu bieten und eine grösstmögliche Eigenständigkeit zu schaffen. Das soll sich nicht nur in den Texten, sondern auch in den fotografischen Leistungen reflektieren. 

Im Sinne der (Medien-)Vielfalt wäre es natürlich wünschenswert, wenn nicht sämtliche Medien dieselben Bilder verwenden. Das gilt insbesondere für die Konzerte, die wir mit dem Fotopass eigenständig abdecken möchten.

Leider haben wir darauf keine Antwort mehr erhalten.