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Das WGT ist nicht nur Schaulaufen und Musik. Goth ist eine Subkultur, die vieles beinhaltet – auch Literatur. So gab es wie jedes Jahr im Haus Leipzig Lesungen. Mit von der Partie waren Gruftie-Urgestein Benecke und Bestseller-Autor Markus Heitz. 

Leidenschaft für Steampunk: Die Autorin Anja Bagus

Leidenschaft für Steampunk: Die Autorin Anja Bagus

Das Buch ist ein Kulturgut. Es steht für Wissen, Bildung, Unterhaltung und nicht zuletzt für eine vergehende Ära. Während landesweit eBook und Co. beworben werden, findet man am WGT viele Stände, an denen noch ganz altmodische Bücher feil geboten werden. Okkulte Verlage haben ebenso ihren festen Platz wie hoffnungsvolle Autoren.

Die einzelnen Literaturgattungen sind nach Locations unterteilt. Im Heidnischen Dorf findet man – Oh Wunder – viel heidnische Literatur. Das sind nicht nur Zauberbücher für Neu-Paganisten, sondern auch Sachbücher über die Zeiten, in denen das Heidentum in Europa Gang und Gäbe war.

In der Agra Halle befindet sich seit Jahren der Stand von «Second Sight Books», einem der Verlage, der offen zu seinem Faible für schwarze Magie steht. Daneben findet man auch die oben erwähnten Autoren: meistens (noch) No-Names, deren Texte die Gothic-Zielgruppe ansprechen sollen. Eine dieser Autoren ist die Schriftsellerin Anja Bagus, die mit ihrer Anabelle Rosenherz-Saga spannende Steampunk-Romane abgeliefert hat. An solchen Ständen entdeckt der lesehungrige Festival-Besucher Neues, Unbekanntes und Seltenes.

Daneben gibt es natürlich auch die grossen Namen. Autoren, die fast allen Szenegängern ein Begriff sind, die bisweilen sogar genreformend waren. Wer so einen Status hat, muss nicht hinter einem Stand stehen – diese Schreiber locken Massen an ihre Lesungen. Dieses Jahr waren es Mark Benecke und Markus Heitz, die sich im Haus Leipzig die Ehre gaben.

Mark Benecke

Doktor Mark Benecke liest nicht zum ersten Mal am WGT. In der Szene ist der Mann bekannt für seine Texte über Pathologie und Vampire. Benecke ist nicht nur Kriminalbiologe, er ist auch ein Entertainer.

So startet der Mann, der auch politisch in der PARTEI agiert, seine Darbietung nicht mit dem Vortrag, sondern mit Smalltalk. Er fängt die Leute ein, bevor er zum eigentlichen Thema seines Referats kommt: Vampire. In ihren kulturellen und pathologischen Erscheinungsformen. Benecke hat sogar Glitzerstaub dabei, um seine Hörer in Vampire zu verwandeln. Das Publikum goutiert den Twilight-Witz mit Gelächter.

Mark Benecke am 25. WGT. (Quelle: http://home.benecke.com/wgt-impressionen)

Mark Benecke am 25. WGT. (Quelle: benecke.com)

Benecke referiert über Vampirismus, über die Überforderung, die Durchschnittsmenschen überfällt, wenn sie mit Leichen konfrontiert werden. Und den zu schnellen Rückschluss auf Vampirismus. Er erläutert seine These mit Leichenbildern, die viele Zuschauer dazu bringen, ihren Blick abzuwenden. Viele der Toten haben lange Eckzähne, weil die Zersetzung dazu führt, dass sich das Fleisch zusammen zieht. So wirken nicht nur Zähne, sondern auch Nägel länger. Wer diese Phänomene nicht versteht, stellt die falschen Fragen. Man denkt in eine Richtung, die einem vertraut ist, und landet so bei Nachtmahren, Vampiren und Dämonen.

Benecke legt den Fokus auf eine unvoreingenommen Betrachtung. Ihn interessieren Fakten. Dazwischen wird er tiefgründig: Grufties haben kindliche Seelen, weil sie nicht voreingenommen sind. Sie akzeptieren Menschen, wie sie sind. In Beneckes Beruf ist das optimal. Benecke ist selber Goth und muss in seinem Job genau diese banalen Fragen stellen. So kommt man eher zu Antworten. Die bunte Welt ausserhalb des Goth-Universums tut sich schwer mit diesem direkten Zugang, der zum Kern der Dinge führt. «Don’t judge the book by its cover», so eine Kernaussage.

Markus Heitz und die Last des Witzes

Das literarische Programm geht weiter mit Erfolgsautor Markus Heitz. Der Mann, der die Fantasy-Leserschaft mit Prachtstücken wie Die Zwerge beglückte, hat in der Gothic-Szene viele Fans. Bevor Heitz aus seinem jüngsten Werk vorlas, unterhielt er mit Anekdoten aus seiner Biographie: Eigentlich wollte er ja Lehrer werden, aber dann stellte er fest, dass er mit Fantasy gutes Geld verdient.

Und dann, endlich, lüftet er den Schleier und stellt sein neuestes Werk vor. Wedora erscheint im Juli oder August. Die Idee zu dieser Geschichte hat der Autor schon zwanzig Jahre im Kopf, nun hat er sie zu Papier gebracht: Es geht um eine Wüstenstadt, die vom Handel lebt. Heitz präsentierte drei Kapitel und stellte die Hauptcharktere vor: Ein Meisterdieb (nur nicht so nett wie Robin Hood) und seine Gegenspielerin (eine ehemalige Diebin, die jetzt Ordnungshüterin ist). Heitz ist ein begnadeter Sprecher, seine Lesungen haben Hörbuch-Qualität. Gekonnt baut der Wortmeister Spannung auf und hört natürlich bei einem Cliffhanger auf.

Im Anschluss beantworte Heitz Fragen. Und wie immer kam die Frage nach dem Witz über den Zwerg und den Ork. Wer Die Zwerge und die Folgebände gelesen hat, kennt den Running Gag, der darin besteht, dass der Erzähler des Witzes jedesmal unterbrochen wird, nachdem er angekündigt hat, einen tollen Witz über einen Zwerg und einen Ork zu kennen. Heitz erklärt, wie er sich mit der Story selber ein Bein gestellt hat. Erst wollte er den Witz im zweiten Band erklären, dann wurde ihm klar, wie hoch die Erwartungen seiner Fans waren. Im dritten Band hatte er Hemmungen, den Witz aufzulösen und stellte einen Contest ins Internet, in dem er seine Fans aufforderte, ihm einen Witz zu senden. Die Ergebnisse überwältigten ihn, viele Fan-Witze seien besser als sein Original, erklärt er leicht wehmütig lachend.

Und die Pointe: Heitz löst den Witz nicht auf. Aus reinem Selbstschutz. Und vermutlich auch aus Kalkül. So bleibt der Witz witziger.

Bestseller-Autor Markus Heitz las aus seinem neusten Buch vor (Foto: Christian Saladin)

Bestseller-Autor Markus Heitz las aus seinem neusten Buch vor (Foto: Christian Saladin)