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Lenny Kravitz zählt Zürich zu einer seiner Lieblingsorte und freute sich sehr, hier aufzutreten. Er verknüpft spezielle Erinnerungen an die Limmatstadt. Welche das sind, verrät er uns jedoch nicht.

Das Hallenstadion ist nicht ausverkauft. Ob es daran liegt, dass Lenny Kravitz heute mit einem WM-Spiel der Schweizer Mannschaft konkurrenzieren muss? Ebenso erstaunlich war es, die Ränge besser besetzt zu sehen als den Stehplatzbereich.

Begrüsst wird das Publikum sehr ausgiebig, er spaziert dabei gemächlich über die Bühne. In alle erdenklichen Richtungen ruft er ein «Hello» in den Saal. Dann noch ein Flirt mit Augenzwinkern, als er mit einem breiten Grinsen eine Dame in der ersten Reihe mit «Hello there» anspricht. Zürich sei eine seiner Lieblingsorte und er freue sich sehr, wieder hier zu sein. Es gäbe viele tolle Orte auf der Welt, aber mit machen verbinde man spezielle Erinnerungen.

Zum Auftakt stand Kravitz erhöht, sein Outfit sehr passend zum Song Fly Away. Das Bühnenbild ist schlicht gehalten mit einer LED-Wand und einem oben offenen Torbogen, die wie leicht gekrümmte Hörner anmuten. Eine erfrischende Abwechslung zu anderen Konzerten, die mit Videoprojektionen und anderen Effekten arbeiten.

Konzentration aufs Wesentliche: die Musiker und die Musik stehen im Fokus. Bild: Michelle Brügger

Botschaften statt Special Effects

Während den ersten vier Songs stand Lenny Kravitz nur mit dem Bassisten, Gitarristen, Drummer und Keyboarder auf der Bühne. Erst ab dem Cover von Get up Stand up verstärkten zwei Saxophonspieler und ein Trompeter die Band. Die Saxophonisten verschwinden hie und da, stossen aber bei diversen Songs wieder dazu. Für Believe wird das Instrument durch eine Geige ersetzt und verleiht dem Song das gewisse Etwas.

Kravitz lebte bislang das Motto «Sex, Drugs ’n Rock’n’Roll». Wird er mit 54 langsam einfach gemässigter oder hat er sich tatsächlich für einen neuen Lebensstil entschieden? In seinem aktuellen Hit It’s Enough scheint man  eine andere Seite des Künstlers kennenzulernen. Er erzählte, den Song geträumt zu haben und notierte nach dem Aufwachen sofort Wortfetzen und Melodienteile. Das Lied schien wie ein Schleusenöffner zu funktionieren. Anschliessend träumte der Sänger Lied für Lied des bald erscheinenden Albums.

Das Video zu It’s Enough zeigt nur Umweltsünden, Demonstrationen, Flüchtlingsdramen, Rassismus, Gewalt und Krieg. In einem Statement äusserte er sich, er habe genug von Rassismus, Krieg, der Umweltzerstörung, der Gier und Unehrlichkeit der Weltherrscher. Wir müssen den Kurs dahingehend ändern, um mittels höherem Verständnis vorwärts zu kommen. In der Bridge des Songs stellt er denn auch die Frage: «Wann wird der Wunsch nach Liebe den Wunsch nach Macht überwiegen? Wann werden wir der Wahrheit ins Auge schauen und erlauben, unsere Herzen aufblühen zu lassen?»

Bevor er diesen Song im Hallenstadion live performt, plädiert Lenny Kravitz an die universelle Liebe. Er ruft uns auf, wir sollen alle mithelfen sie zu kreieren.

«You know, it all starts within us. Every day in our lives. No matter how small, no matter how big. And now, we are gonna play some new music. And the first one deals with exactly what I’m talking about. It’s called: It’s Enough.»

Zu I Belong To You fordert er die Zuschauer auf, mitzuklatschen. Auf der Tribüne stehen vereinzelt Leute auf, um zumindest im Takt zu wippen. Doch noch bevor der erste Refrain erklingt, verstummt die Menge wieder. Es wird allgemein sehr verhalten getanzt oder applaudiert während der Performances. Doch wenn er nach einem Song wortlos in eine Ecke steht, jubelt ihm das Publikum lauthals zu. Weshalb er immer mal wieder eine stumme Pause einlegt, lädt zumindest mich zu Spekulationen ein.

Wirkt oft Gedankenversunken, als würde er sich sammeln. Bild: Michelle Brügger

Bei The Chamber stehen auf einmal alle. Hab ich etwas verpasst? Was hab ich nicht mitbekommen, das alle anderen von den Sitzen gerissen hat? Es ist zugegebenermassen ein energiegeladener Song, der langsam anfängt und immer mehr Spannung aufbaut. Da jedoch schon beim ersten Takt das ganze Hallenstadion zu stehen schien, kann das nicht der Grund sein. Falls jemand mein ganz persönliches Aktenzeichen XY lösen kann, bitte ungeniert bei mir melden.

Als letzten Song des Sets spielt er Again, bevor er sich vor den Zugaben verabschiedet und die Bühne verlässt. Wie so oft strömen schon viele vor dem Encore aus der Halle. Das verbleibende Publikum klatscht und woohooot ein paar Minuten, bis sie zurückkehren. Lenny stellt reihum die Band vor und hängt am Ende an: «And my name is Lenny Kravitz, thank you». Sie stimmen Let Love Rule an, doch das Publikum scheitert zu Beginn kläglich am Text, als sie einen Part übernehmen sollten.

Lenny Kravitz reisst das Publikum ganz zum Schluss nochmal mit. Bild: Michelle Brügger

Sein Motto: Let Love Rule

Am Ende des Songs wird der Vers «Let Love Rule» immer wieder gesungen, während Lenny von der Bühne ins Publikum schlendert, zur Tribüne hoch, im Bühnengraben zur anderen Seite der Halle zu den Tribünen flaniert und schlussendlich wieder zurück auf die Bühne findet. Immer begleitet vom Publikum, das den Satz wie ein Mantra wiederholt.

Schon fast 20 Jahre ist es her, als 1989 sein Debütalbum Let Love Rule erschienen ist. Den endgültigen Durchbruch schaffte er mit seinem zweiten Album Mama Said. Die folgenden Alben waren zumindest in den USA und der UK nicht immer absolute Hitgaranten. Sein letztes Album Strut hielt sich in der Schweiz 19 Wochen lang in den Charts und schaffte es auf Platz 2, hierzulande um Längen erfolgreicher als in den USA. Auch der Schauspielerei ist er zugetan. 2001 war er erstmals auf der Leinwand zu sehen, als er einen Kurz-Auftritt im Film Zoolander als Awardverkünder/Möbel-Designer hatte. Sein richtiges Debüt gab er aber erst 2009 im Film Precious – das Leben ist kostbar als Krankenpfleger. Es folgten Filme wie Die Tribute von Panem (The Hunger Games und Cathing Fire) sowie Der Butler und seit 2016 spielt er in der Serie Star mit. Auch als Innendesigner ist Kravitz seit 2003 mit seiner Firma «Kravitz Design» sehr erfolgreich. Möglicherweise mussten sich Musikfans deshalb die letzten vier Jahre gedulden, bis am 7. September 2018 sein neues Album Raise Vibration erscheinen wird.

Vor dem letzten Song kniet sich Lenny auf der Bühne hin und hält kurz inne. Mit einem energiegeladenen Are You Gonna Go My Way schliesst er das Konzert in Zürich und jeder geht seinen eigenen Weg, denn Lenny Kravitz wird in einen der zehn Busse steigen, die hinter dem Hallenstadion stehen und auf ihn warten.