Wenn sich alle – die Batcave Anhänger, Gothic Lolitas, Steampunks, viktorianisch Inspirierten, Mittelalter Freaks und andere dunkle Seelen – miteinander treffen und etwas homogener aussehen, dann stets für einen besonderen Anlass. Am Freitag, 6. Juli war es wiedermal soweit: Noxiris organisierte die Sommerliche Schlossromantik in Lenzburg. Als spezieller Programmpunkt hielt Dr. Mark Benecke einen Vortrag über Leichen.

Sommerliche Schlossromantik zu Lenzburg (Sacha Saxer)

Sommerliche Schlossromantik zu Lenzburg (Sacha Saxer)

 

nm. Wer es dunkelromantisch mag, der sollte den jährlichen Schlossball in Lenzburg nicht verpassen. “Das Schloss als Schauplatz lebendiger Geschichte ist ein Ort der Begegnung und Reflexion. Ein Ort zum Verweilen, Geniessen und Kraftschöpfen, zum Lernen und Diskutieren.” So wird das Schloss Lenzburg auf der Hauseigenen Webseite beschrieben. Ein sehr passender Ort für die Schwarze Szene. Endlich gewinnt man Abstand zur Normalität, zum Kommerz und man kann einfach unter Gleichgesinnten sein.

Von Prinzen und Fröschen

Obwohl das Wetter am Freitag nicht gerade berauschend war, quälten sich etliche Besucher den Hügel zum Schloss hoch. Oben angekommen wurden sie mit leckeren Schlemmereien und Getränken, guter Musik und einem fantastischen Ambiente empfangen. Natürlich belohnten sich die Gäste untereinander mit zahlreichen Perlen fürs Auge. Ganz nach dem Motto “Spieglein, Spieglein an der Wand” stylten sich die schwarzen Schmetterlinge zu Hause und schwärmten ins Schloss aus; auf der Suche nach ihren Traumprinzen. Auch die Männer warfen sich in Schale, damit die Damen nicht nur Frösche fanden.

Was macht die Knoblauchzehe auf der Leiche?

Lernen konnte man nicht nur von interessanten Gesprächspartnern, sondern auch von Dr. Mark Benecke. Der sympathische Kriminalbiologe und Spezialist für forensische Entomologie tritt regelmässig als Redner unter anderem beim Amphi-Festival oder Wave Gothic Treffen in Leipzig auf und hat eine treue Fangemeinschaft. So kam es, dass der Saal voll und der Vortrag ausverkauft waren. Benecke brachte eine ordentliche Liste an Themen mit, über welche er referieren gekonnt hätte: Vampirsubkulturen, Mord im Museum, Insekten auf Leichen, Serienmorde, Alien-Autopsie, Biotonne, Hitlers Schädel und Zähne, Gerüche und Leichen, Blutspuren und weitere Verrücktheiten. Normalerweise geschieht die Auswahl per Abstimmung, dieses Mal schlug Benecke das Thema auf Grund der knappen Zeit vor: Leichenerscheinungen.

Beneckes Referat war gespickt mit zynisch-ironisch-sarkastischen Sprüchen und doch lernte man allerlei nützliche Dinge über Leichen. Bei den vielen Toten, welchen man tagtäglich begegnet – wusste man danach, wieso man immer meint, dass der Schädel eines Toten einem mit seinem Blick verfolgt. Wenn man nämlich mit der Kerze, welche man ja bei seinen täglichen Ausgrabungen immer dabei hat, in die Augenhöhlen leuchtet, dann scheint es vom Schattenwurf her so, als ob sie uns verfolgen würden. Ebenso wurde die zentrale Frage in den Raum gestellt, was die Knoblauchzehe auf der Leiche macht. Ist der Typ einfach in der Küche ausgerutscht oder hat der verrückte Serienmörder die Zehe auf seinen Leichen extra so platziert? Benecken geht ganz pragmatisch zur Sache. Er meint, es interessiere ihn überhaupt nicht was wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ist. Er bearbeite Einzelfälle und nicht Statistiken. So könne es schon mal sein, dass ein Richter oder Polizist glaube, er habe eine Meise. Wer aber Annahmen treffe, habe bereits verloren und das wüsste die schwarze Szene am besten. Wie er es richtig erkannte, glotzen sogenannt normale Leute die Gothics – die meist besser gekleideten – an und bilden sich etliche Vorurteile.

Die Zuhörer hingen vom Anfang bis zum Schluss an Beneckes Lippen. Dieser sprach in einem unglaublich rasanten Tempo, aber da er Dozent ist, wusste er, wie er die Konzentration des Publikums bei sich behalten konnte. Er warf Fragen in den Raum, zeigte allerlei  eklige Bilder und überraschte das Publikum zwischendurch mit Fotos von ganz normalen Essen, wie zum Beispiel dem Sinnbild für vertrocknetes Fleisch: dem Schinken oder Spanferkel. Für solche Einlagen erntete er lautes Lachen und erhielt zum Schluss seines Referates einen grossen Applaus. Als Belohnung fürs Durchhalten verteilte Benecke noch Antiverfaul-Klicklichter.

Von Schlossgeistern und schlechten DJs

Die Gäste, welche keinen Platz für den Vortrag ergattern konnten, waren sichtlich erfreut, als er fertig war. Erst dann konnte die Party im grossen Saal beginnen. Draussen im Nieselregen war es zwar auch gemütlich, aber der Raum oben füllte sich schnell. Bis die Masse aber für ausgelassenes Tanzen in Schwung kam, dauerte es ungewöhnlich lange. Und auch zur späteren Stunde  gab es einige Durchhänger, was vor allem der Musik zuzusprechen war. Die DJs verursachten so manche Panne. So nahmen die Gäste mehrere Male EBM unplugged wahr, sprich Totenstille, oder mussten den Anfang der Songs mehrmals anhören. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schlossgeist am spuken war, ist zwar klein und der Verdacht, dass die DJs mit der Technik etwas überfordert waren, eher sinnvoll, aber wie Benecke gesagt hat, triff niemals Annahmen.