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Lea Porcelain melden sich mit einer neuen Single zurück. «Gotta Run» ist viel mehr als ein weiterer Song: Es erweitert ihr Klangspektrum.

Lea Porcelain sind das Duo der Stunde: Markus Nikolaus und Julien Bracht haben letztes Jahr mit Hymns To The Night ein vielgelobtes Debütalbum veröffentlicht. Ihre Musik ist das Resultat zweier kollidierender Welten: Der Sänger Nikolaus kommt aus der Gilde der Singer-Songwriter, der Indie-Rocker. Bracht hingegen war ein umtriebiger Techno-Produzent. Heute scheint dies alles weit entfernt wie die Erinnerung an ein früheres Leben.  Der Zufall hat die beiden Männer zusammengeführt, und die Zeit hat sie verschweisst: Auf der Suche nach Ewigkeit überwinden Bracht und Nikolaus ihre gegensätzlichen Wurzeln

Nachdem Lea Porcelain im vergangenen Herbst eine Remix-EP Lea Porcelain Remixed veröffentlichten, präsentiert das Duo mit Gotta Run eine neue Eigenkreation. Es ist ein Stück, das die Band bereits live spielte. Ein Song, bei dem sie sich nie sicher waren, ob er überhaupt jemals aufgenommen werden würde. Denn Gotta Run entfaltet auf der Bühne eine ganz bestimmte Energie: ein unaufhaltsamer Trieb erfasst die Musiker und das Publikum gleichermassen.

Nun ist Gotta Run dennoch als Aufnahme hier. Es ist ein anderer Song geworden, auch wenn die Handschrift von Lea Porcelain nicht zu übersehen ist. Nikolaus singt wie ein sterbender Schwan, Bracht verleiht dem Stück mit seinen technoiden Flächen die Undurchdringlichkeit.

Eine staubige Ebene eröffnet sich am Horizont. Die Sonne brennt hell und heiss auf die rissige Erde. Doch die Einsamkeit hier ist greifbar – und düster.

Doch: Gotta Run fehlt die Atemlosigkeit der Live-Performance. Das mag erst enttäuschend sein, bis man zur Erkenntnis kommt: Lea Porcelain haben die richtige Entscheidung getroffen, den Song neu zu interpretieren. Denn es ist schlicht unmöglich, die Urgewalt der Bühne im Studio für immer zu bannen. Das Momentum erhält seine Einzigartigkeit durch seine Flüchtigkeit. Eine Ekstase lässt sich nicht in der Endlosschlaufe ertragen, ohne dass sie an Effekt verliert.

Deswegen ist Gotta Run ein weiterer Janus, ein Song mit zwei Gesichtern. Bereits A Faraway Land oder 12th of September verwandeln sich zwischen Album und Konzert markant. Wichtig ist bloss: Die Interpretation darf kein Kompromiss sein, nur dass man ihn aufnehmen kann. Das gilt auch für Gotta Run. Lea Porcelain meistern diese Aufgabe bravourös. Gotta Run erweitert ihr Klangspektrum auf unerwartete Weise wie es Endlessly oder A Year From Here bereits getan haben.

Ist «Gotta Run» nun Post-Punk-Country oder Americana-Noir oder Dark Western?

Gotta Run startet mit einem treibenden Rhythmus. Wie eine Dampflok beginnt der Song seine Reise. Schleichend beginnt sich das Arrangement aufzubauen. Die Fahrt führt hinaus in eine staubige Weite. Der Horizont öffnet sich mit den Synthesizer-Flächen. Die Single will sich nicht entscheiden zwischen der heissen Prärie und ihrer dunklen Einsamkeit. Diese Midwest-Atmosphäre wird noch auf die Spitze getrieben, wenn die Gitarre in dieser Unendlichkeit schlingert, als stünde gleich ein Revolverduell an. Ist Gotta Run nun Post-Punk-Country oder Americana-Noir oder Dark Western?

Diese Frage spielt letztlich keine grosse Rolle. Gotta Run klingt nach Lea Porcelain. Die Single fügt sich nahtlos in ihr bisheriges Schaffen ein. Obwohl der Sound vertraut klingt, ist er nicht abgegriffen. Gotta Run ist ein weiteres Beweisstück: Lea Porcelain machen universelle Musik. Musik, die sich in alle Richtungen öffnen und Einflüsse zu eigen machen kann.

Auf der Suche nach Ewigkeit – Lea Porcelain in Augsburg 2017. Bild: Janosch Tröhler