Die Suche nach der Ewigkeit

Bei Lea Porcelain prallen Welten aufeinander. Doch das Duo überwindet ihre Gegensätze für eine gemeinsame Suche nach zeitloser Musik.

Es ist ein trüber, stürmischer Freitag. Beinahe glaubt man, die Natur reagiert in weiser Voraussicht. Ein heisser Sommertag passt nicht zur Dunkelheit, die sich im Gonzo Club an der Zürcher Langstrasse entfalten wird.

Zwei Treppen führen hinab ins stickige Kellergewölbe. Lea Porcelain sind vertieft im Soundcheck. Julien Bracht und Markus Nikolaus stehen mit ihren Mitmusikern auf der provisorischen Bühne. Immer wieder stehen sie an verschiedenen Positionen vor die Bühne, prüfen den Sound, schrauben hier und da. Es muss perfekt sein. Mit Mittelmass sind sie nicht zufrieden. «Wir versuchen überall alles herauszuholen. Nur weil es ein kleinerer Laden ist, geben wir uns nicht weniger Mühe», sagt Julien. Selbst als der Soundcheck bereits abgeschlossen ist, wuselt Markus mit prüfendem Blick zwischen dem Equipment umher.

«Da ist eine Magie in der Musik»

2012 freundeten sich Julien und Markus in der Frankfurter Clubszene an – im legendären «Robert Johnson» am Ufer des Mains. Julien war damals ein erfolgreicher Techno-Produzent. «Seine Tracks fühlten sich an wie der letzte Songs deines Lebens, bevor ein neues beginnt», beschreibt Markus das Schaffen seines Kollegen. «Ich war eher ein sterbender Schwan, habe viel Schwermut und Sehnsucht in meine Songs gesteckt.»

Zwei Jahre später hatte Julien genug von den Clubs, den ewigen Partys und den Menschen, die nur von Wochenende zu Wochenende leben. Er wollte echte Songs schaffen. Gleichzeitig wusste Markus, dass seine Songs mehr Facetten brauchten. Sie nahmen sich gemeinsam ein Wochenende Zeit, kauften Wein und machten die Nacht in einem Berliner Studio durch. Am Sonntag standen die beiden vor zwei fertigen Songs, darunter Out Is In. «Im Urlaub habe ich die Songs ununterbrochen gehört. Ich war angefixt», erzählt Julien. In zwei weiteren Sessions entstanden Bones und Similar Familiar. Danach war für sie klar: «Da ist eine Magie, eine Energie in der Musik.»

Obwohl beide in ihren Solo-Karrieren hätten durchstarten können, entschieden sich Markus und Julien für einander. Der Bandname ergab sich zufällig: Julien entschied sich für «Lea», Markus wählte «Porcelain». 2015 veröffentlichten sie eine selbstbetitelte EP.

Ihre Unterschiede nehmen sie nicht als Hindernis, sondern als kreativer Treiber wahr. Auf der einen Seite steht die sehnsüchtige Lyrik von Markus, auf der anderen sind Juliens technoiden Sounds. Dieser Gegensatz sei wichtig, sagt Julien: «Die düsteren Elemente und jene, die eine Sonne aufgehen lassen. Diesen Gegensatz haben wir auch menschlich.» Markus ergänzt: «Wenn beim Sound irgendwas piepst, werde ich wahnsinnig. Ich denke sofort, dass der Gig in die Hose geht. Julien lacht mich dann aus, geht an den Equalizer und behebt das Problem in zwei Sekunden.»

Sie wollten ihre Gegensätzlichkeit in der Musik zusammenbringen. 2016 feilten sie am ersten Album. Manchmal seien sie verzweifelt gewesen, erinnert sich Markus. Die Fusion funktionierte nicht immer auf Anhieb. An einen Namen für das Album verschwendete das Duo keinen Gedanken.

Dann kaufte Markus, begeistert von Poesie, das Buch Hymnen an die Nacht des Romantikers Novalis – in der englisch-deutschen Version: Hymns To The Night. Irgendwann mitten in der Nacht, als Lea Porcelain die Musik nur so raushauten, schrieb Markus den Buchtitel an die Wand des Studios. «Es war Liebe auf den ersten Blick. Wir wussten: Das ist der Titel des Albums.»

Songs, die ein Leben dauern

Die Nacht bricht über die Langstrasse hinein. Im «Fat Tony», dem Restaurant neben dem Club, macht sich die Band über die Pizza her. Auf der Rückseite eines leeren Stundenrapports, den sie der Bedienung aus dem Kreuz leierten, stellen sie die Setlist zusammen. Schnell sind auf dem hölzernen Brett nur noch Krümel übrig, die Pizza runtergespült mit Kokoswasser, Tonic Water und Bier.

Wenig später drängen sich vielleicht 30 Leute im engen Raum vor die Bühne. Lea Porcelain eröffnen mit Warsaw Street. Das Feedback der Gitarre zersägt kurz das Arrangement und Markus wirft fast unbemerkt einen genervten Blick Richtung Julien.

Dem kurzen Straucheln folgt eine gut stündige Perfektion. Und das, obwohl alles gegen Lea Porcelain spricht: das spärliche Publikum, die Untauglichkeit des Gonzo Clubs für Konzerte. Die Musik ist zu gross für den kleinen Raum. Der Sound wird zu stark komprimiert und entfaltet nicht die schillernden Farben in der schwarzen Unendlichkeit.

Lea Porcelain attackieren die Widrigkeiten frontal; Resignation ist keine Option. So verfallen sie einem Rausch, reissen in einem düsteren Strudel die Realität mit. Die Songs scheinen ein ganzes Leben zu dauern. Man verliert sich in ihrer Melancholie, ihrer Dichte und ihrer Euphorie. Unverhofft wirft einen das Ende des Stücks zurück in die Wirklichkeit, doch man ist ein anderer Mensch geworden: Man fühlt sich uralt und erleuchtet. Die Musik von Lea Porcelain ist wie ein Traum, in den man nach dem Aufwachen sofort wieder zurück will.

«You guys are fucking great, you know that?», ruft ein Besucher zwischen zwei Songs und dreht sich dann zu seinen Kollegen um: «They gonna be famous.» Die Kollegen stimmen zu.

«Du musst gewisse Dinge vernachlässigen»

Lea Porcelain spielen in Zürich noch vor einem kleinen Publikum. Doch in Deutschland treten sie auch vor 200 Leuten auf – obwohl Hymns To The Night noch gar nicht erschienen ist. Die Musikjournalisten sind voller Begeisterung und ziehen Vergleiche mit der Post-Punk-Legende Joy Division. Markus und Julien können dem nicht viel abgewinnen. «Wir haben nie Post Punk gehört und waren überhaupt nicht davon inspiriert», meint Julien. Er glaubt, dass die Schubladisierung aufhören werde, sobald Hymns To The Night veröffentlicht sei. Er gibt aber zu: «Wir haben Songs mit diesem Charakter. Trotzdem wollen wir keine Bezeichnung. Es ist einfach Musik. Die Leute sollen sagen: Das ist Lea Porcelain und so klingen sie nun mal.»

Tatsächlich sind die musikalischen Parallelen zu Joy Division höchstens in feinen Adern vorhanden. In der tiefen, fast Bass-artigen Gitarre von Bones oder der Schwere von Remember. Damit hören die instrumentalen Gemeinsamkeiten aber schnell auf: Die Songs von Joy Division sind roh, spitz und knochig. Lea Porcelain hingegen dicht, tief und breit. Ihr Sound ist um Längen satter.

Und doch fragt man sich: Weshalb liegt einem der Name Joy Division so schnell auf der Zunge? Die Antwort ist einfach: Joy Division sind zeitlos. Ihre Musik könnte heute erscheinen und sie wäre ebenso gewaltig und frisch wie Anfang der 80er-Jahre.

Eine Zeitlosigkeit der Musik zu erschaffen, ist eine übermenschliche Herausforderung. Es gibt kein Rezept dafür, nur ein ungefähres Gefühl, das sich schwer beschreiben lässt. Dieses Gefühl verbindet Lea Porcelain und Joy Division. Vor ihren Klängen löst sich die eigene Existenz in Ehrfurcht auf. Die Musik überwältigt – es ist die Magie, die auch Julien und Markus in ihren ersten Sessions verspürten.

Es ist das Streben nach Zeitlosigkeit, das Lea Porcelain alle Gegensätze überwinden lässt und die beiden Männer auf einen gemeinsamen Weg, eine gemeinsame Suche schickt. Sie geben sich nicht mit dem Jetzt zufrieden; sie wollen die Ewigkeit.

Markus erzählt von einem Traum, den er hatte: Er sieht sich selbst tot in einem Sarg liegen. Durch eine Tür verlässt er den Sarg und trifft auf seinen Grossvater und seinen Vater, die kurze Zeit nacheinander verstarben. Als sie ihn sehen, fragen sie, wie der Ritt durch das Leben gewesen sei. «Wenn ich diesen Raum betrete, will ich sie überraschen – mit meiner Ausstrahlung, meiner Geschichte und mit etwas, das nicht alle anderen erzählen.»

Die Suche nach der Ewigkeit ist gleichzeitig das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Anerkennung. Der Wunsch, dieser Welt etwas Bleibendes zu hinterlassen.

Ein Stempel auf die Ewigkeit

Das Konzert im Gonzo ist zu Ende. Hinter einem schmalen Gang eröffnet sich ein kleiner Backstage-Bereich. An den Wänden haben sich frühere Besucher auf dem alten Verputz verewigt. Die Band lauscht den Geschichten eines bis auf das Gesicht tätowierten Mannes. Aus einem Bild über dem Sofa heraus beobachtet Mutter Maria mit gütigem Blick die Szene. Zwischen ihren Brüsten leuchtet ein goldenes Herz. Auf gewisse Weise symbolisiert das religiöse Bild die Vorstellung von Ewigkeit.

Markus fragt, ob er Lea Porcelain auch im Raum verewigen darf. Dann nimmt er einen «Lea Porcelain»-Stempel und drückt ihn unter das Herz der Maria. Es lässt keinen Zweifel an ihren Absichten.

Bild: Janosch Tröhler