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Das Schreckgespenst aus der Kindheit meldet sich zurück: Die Blockflöte. Die meisten wurden in ihrer Schulzeit damit gequält, doch eine junge Frau versucht einen Verteidigungsschlag für den «Spoizknebel».

Artikel 2016-03-02 Laura-Kalchofner-Truth-in-Chliche Artikelbild

Es kommt nicht alle Tage vor, dass wir eine Rezensionsanfrage für eine Matura-Arbeit bekommen. Aber da wir bei Negative White Schweizer Musik generell unterstützen wollen, habe ich mich dieser Anfrage angenommen und mir angehört, was Laura Kalchofner uns da geschickt hat.

Die Grundprämisse ihrer Arbeit besteht darin, die Blockflöte in Metal-Musik zu integrieren und zu zeigen, dass dies nicht automatisch zu Folk Metal, wie von Eluveitie bekannt, führen muss. Blockflöte, Metal und dabei nicht nach Folk Metal klingen? Ist das nicht fast so, als wollte man Fermat’s letztes Theorem widerlegen? Für diese nicht unerhebliche Aufgabe hat sich Laura Hilfe bei den Bands Lotrify und Frozen Gate geholt, die mit ihr zusammen die von ihr geschriebenen Songs einspielten und aufnahmen. Entstanden sind so vier Songs, davon einer in zwei Varianten, sowie ein fast sieben Minuten langes Improvisationsstück.

My Escape beginnt gleich ab der ersten Note mit der Blockflöte und gleichzeitig schwingt ein folkiger Unterton mit und auch der treibende Beat des Schlagzeugs vermag daran nichts zu ändern. Hat Laura damit ihre eigene Arbeit gleich von Anfang an selber sabotiert? Nicht im Geringsten. Sie hat damit nur das gängige Klischee, dass solch klassische Instrumente höchstens im Folk Metal funktionieren können, in den Raum gestellt, nur um es gleich beim Einsatz des Gesangs zu widerlegen. Auch wenn die Blockflöte gezielt Folk Melodien spielt, steht sie im krassen Gegensatz zur restlichen Instrumentierung und fügt so dem Song eine neue Dimension hinzu.

Bei Mystery of You beginnt die Flöte viel zurückhaltender, lässt erst mal dem Schlagzeug den Vortritt, bevor sie zunächst als für den Bass die Führung des Sounds übernimmt, wenn auch viel weicher und feiner. Mit dem Einsatz des Gesangs wandelt sich auch die Aufgabe der Flöte von der Grundmelodie zur Unterstützung der Lead-Gitarre. Hier liegt meiner Meinung nach auch die Stärke dieses Instruments: Es ersetzt weder Bass noch Gitarre, vermag aber sowohl das eine wie auch das andere Instrument mit zusätzlichem Klangvolumen unterstützen. Gerade die spitzen Töne einer E-Gitarre können mit dem weichen Klang der Flöte schön ergänzt werden, ohne dass sie an Wirkung verlieren.

Bei Hatred zeigt Laura, dass man die Flöte auch aggressiv spielen kann, während sie bei Dear Agony sehr dezent in Hintergrund gehalten wird.

Dass die Songs nie wirklich nach Folk Metal klingen, liegt auch stark in den Lyrics begründet. Die Texte zeugen von einer Tiefgründigkeit, die ich bei vielen Bands vermisse und dass sie im Rahmen einer Matura-Arbeit geschrieben wurden, deren Fokus primär auf der Instrumentierung lag, macht sie nur noch erstaunlicher. In kontemporärer Musik finden man leider kaum mehr Zeilen wie diese:

How is it possible that those kind eyes
Disguise such cruelty and lies?

Ich habe schon so viele Alben rezensiert, die nicht annähernd solche Textzeilen enthielten, aber von gestandenen Musikern stammen. Diese vier verschiedenen Songs haben mich davon überzeugt, dass man definitiv auch Metal Musik mit einer Blockflöte machen kann, ohne dass man gleich mit Eluveitie und Co verglichen werden muss. Das Instrument braucht Zeit und Willen, sich mit ihm auseinander zu setzen. Aber das ist gut investierte Zeit. Musik, die aus den gängigen Schemata ausbricht, das ist es, was wir heute brauchen.
Und Folk wird nicht durch die Instrumente bestimmt, sondern durch die Texte und die Melodien. Laura hat dies eindrücklich bewiesen, indem sie genau diese Elemente bewusst gesteuert hat.

Tracklist:
01 – My Escape
02 – Mystery of You
03 – Hatred
04 – Dear Agony
05 – Dear Agony 2.0
06 – My Tunes – Improvisation