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Die Winterthurer Kurzfilmtage gehen mit einigen ihrer Perlen auf Tour. Wer sich das antut ist – mutig.

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Es wird 1:30 Uhr an einem Samstagmorgen, bis im Arthouse Uto das letzte Filmset anfängt. Back to the Past heisst es an der Kurzfilmnacht; und der Name ist Programm. Zur Feier des 20. Geburtstags der Winterthurer Kurzfilmtage folgt eine Reihe von Kurzfilmen, die allesamt an vergangenen Festivals vorgeführt wurden, und zwar keine Preise abstaubten, dafür aber für Gesprächsstoff im Publikum sorgten. Auch der erste, an den Winterthurer Kurzfilmtagen überhaupt gezeigte Film ist hier zu sehen: In Und Tschüss (D 1993, 5min) sind in einer rasanten Abfolge verschiedene ehemals, immer noch und bald Verliebte zu sehen, die,jeder aus einem andern Grund, am Bahnhof sind und sich verabschieden, abholen oder zum ersten Mal begegnen. Der Film von Walter Fesitle und Stefan Schneider scheint alle Stationen des Liebens zu beinhalten: Von der Liebe auf den ersten Blick zum schmerzhaften Abschied und dem sehnsüchtig erwarteten Wiedersehen – bis hin zur grausamen Trennung, die nur einer der Beteiligten wünschte.

Als nach Schwarzfahrer (D 1992, 12min), einem amüsant-deprimierenden Kurzfilm über einen Schwarzen, der sich neben eine ältere Dame setzt, das Licht zum letzten Mal angeht, ist nur noch ein Bruchteil der anfangs voll besetzten Kinosessel belegt. Denn als die Kurzfilmnacht nach 21 Uhr beginnt, ist das Arthouse Uto rappelvoll. Das erste Set Happy Aging zeigt sechs sehr verschiedene Kurzfilme über das Altsein und Altwerden.

Über das schöne Hellvetien

Die Kurzfilmnacht entbehrt neben aller Ernsthaftigkeit aber keinesfalls des Humors. Vor allem das zweite und dritte Set, die Swiss Shorts und Fantastic Nocturne, das Programm, welches vom NIFFF (Neuchâtel International Fantastic Film Festival) zusammengestellt wurde, decken von kindlich-amüsant bis zu skurril und pur horrifizierend alles ab. Die Swiss Shorts zeigen Kurzfilme von Schweizer Regisseuren, die vom letzten Jahr stammen. In Le Don (21min) von Sophie Perrier wird die Schweizer Pseudo-Humanität und ihre erbarmungslose Distanziertheit an einer herrlichen kleinen Weihnachtsgeschichte an den Pranger gestellt. Und Frederic Siegel animierte mit Ruben Leaves (5min) eine Aussteigergeschichte der etwas anderen Art. Peter Volkarts Sobotika (13min), ein ironischer Werbefilm für den wohl schrecklichsten Ferienort der Welt, erinnert fast ein bisschen an Monty Python, und mit Lucens (7min) nähert sich der Regisseur Marcel Barelli der Atomkraft-Frage mit überforderten, Fondue-Essenden Zeichentrick-Figuren.

Mit Nirin (15min), einer Geschichte über eine malagasischen Mutter, die ihre Kinder aus Gründen, die dem Zuschauer nicht eröffnet werden, in die Obhut grosser Organisationen gibt, fehlt auch der kritische Diskurs in diesem Set nicht. Herzzerreissend ist es, zuzusehen, wie der kleine, clevere Nirin auf einer vermeintlichen Ferienreise zuerst seine beiden Geschwister an fremde Leute verliert und dann selbst abgegeben wird.

Im dritten Programm bekommen Horror und Experimente ihre Plattform. Fantastic Nocturne beginnt mit einem der ersten Filme überhaupt: George Méliès‘ L’homme à la Tête de Caoutchouc (F 1901, 2min) ist ein Pionierfilm auf verschiedenen Ebenen. The Legend of Beaver Dam (CA 2010, 12min) ist eine Lagerfeuer-Horrorgeschichte, wie sie im Buche steht: Über den kleinen Aussenseiter, der ein Massaker im Wald veranstaltet, sich aber die ganze Zeit einredet, er sei der typische Held der am Ende das hübscheste Mädchen abkriegt – ein musikalisch perfektes Fiasko. Auch Invaders (USA 2014, 6min) und Ghost I Don’t Remember (Litauen 2015, 15min) spielen mit einer Vermischung von Realität und Einbildung, während Johnny Express (Südkorea 2014, 5min) wiederum den Charme von Animationsfilme zu seinem Besten nutzt: Der Weltraum-Lieferant Johnny muss sein Paket auf einem ganz speziellen Planeten abliefern. Es ist ein Zwergplanet, dessen Bewohner so klein sind, dass er sie nicht entdecken kann; und wider Willen löscht er ihre Existenz aus. Hellvetia Episode 1: The Pink Menace (CH 2015, 5min) ist die Schweizer Antwort auf Ghost Busters und präsentiert dem Zuschauer ein Kebab verschlingendes, glibberiges Etwas.

Eine Hommage an das kurze Vergnügen

Bei all den sorgfältig ausgewählten Filmen, die einen sehr breiten Blick auf das Filmgeschehen der letzten Jahrzehnte erlauben, sticht ein Film besonders heraus: Tempête sur Anorak (F 2014, 13min) von Paul E. Cabon ist nicht nur hinreissend gezeichnet, er birgt auch einen subtilen, frechen Humor und ist so abstrus, dass er schon wieder normal wirkt.

Doch nicht nur dafür, sondern für das gesamte Erlebnis lohnt es sich, der Kurzfilmnacht einen Besuch abzustatten; wenn man das Kino mag, dann muss man eine Kurzfilmnacht lieben. Denn das stundenlange Vergnügen, dass wohl teilweise ermüdend wirken kann, lohnt sich nicht nur des tiefen Preises wegen, sondern weil es einem beweist, was Kurzfilme können: Das Leben in kürzester Zeit in seine Einzelteile zerlegen und anschliessend wieder zusammen bauen.